Ein Drahtseilakt

In acht Minuten hat die Drahtseilbahn zwischen Erdmannsdorf und Augustusburg 1239,80 Meter und 168 Höhenmeter zurückgelegt. An dieser Leistung scheitert heute noch manch durchtrainierter Läufer.

Ungezählte Koffer, Handwagen - schwer beladen mit den im Wald gerodeten Wurzelstöcken. So ziemlich alles ist mit der Drahtseilbahn Augustusburg schon transportiert worden. Kurt Schaufuß, Betriebsleiter von 1952 bis 1987, konnte sich sogar noch daran erinnern, dass man während seiner Dienstzeit eine Augustusburger Ziege in einem Buschkorb zum Bock nach Erdmannsdorf chauffierte. Diese Episode gab der Senior zum 100. Technik-Geburtstag vor sechs Jahren zum Besten. Ob die Partnervermittlung per Bahn funktionierte, das sei ihm jedoch nicht übermittelt worden. Drahtesel sind es heute, die auf der Gepäckplattform Platz finden, in den Wintermonaten Schlitten, Ski und Snowboards.

Im glasüberdachten Maschinenhaus der Bergstation dreht sich das drei Meter große, fast sechs Tonnen schwere Windwerk der Standseilbahn. Das gelbe Herz ist das Reich von Peter Donat. Es werden im November 30 Jahre, die der Augustusburger, seit 2009 technischer Betriebsleiter, hier beschäftigt ist. Stolz schweift sein Blick durch die Herzkammer: "Das alles am Laufen zu halten, das ist meine tägliche Aufgabe. Hier wurde noch für die Ewigkeit gebaut."

Geschichte(n) wiederholt sich. Zur Augustusburger gehören Stadträte, die mehr als ein Jahrzehnt um das Bahnprojekt kämpften, ebenso wie ein Baubeginn ohne Genehmigung von oben, monatelange Verzögerung wegen des schwierigen Baugrundes - und wie könnte es auch anders sein - höhere Kosten als veranschlagt ... Erste Überlegungen, eine Verbindung per Bahn zwischen dem Städt'l (Augustusburg) und Atze (Erdmannsdorf) zu schaffen, stammen aus dem Jahre 1897. Doch die Verhandlungen zur Konzessionserteilung für eine Bergbahn waren mehr als nur zäh: Erst am 10. Juni 1910 erteilte das Königlich Sächsische Ministerium des Inneren der Drahtseilbahn Augustusburg Aktiengesellschaft die Genehmigung zum Bau und Betrieb. Mit den Arbeiten wurde bereits anderthalb Monate später begonnen. Am 24. Juni 1911 - richtig, nach nur zehn(!) Monaten Bauzeit - verließen die Wagen zum ersten Mal die Berg- und Talstation. Ein 28 Millimeter dickes Stahlseil verbindet seit jeher die Zehn-Tonnen-Konstruktionen.

Mittlerweile ist auf der 1239,80 Meter langen Strecke die vierte Wagengenera- tion im Einsatz. "Zwei der vier habe ich selbst miterlebt", erzählt Betriebsleiter Peter Donat. Der 56-Jährige hatte als Maschinist und Schaffner zu arbeiten begonnen. Heute dirigiert sein zehnköpfiges Team vom Bedienstand in der Bergstation aus die Technik. Die Fahrgäste im Wagen sind per Funk erreichbar. "Früher hat der Schaffner halt den Gästen während der Fahrt so einige Märchen erzählt", formuliert es Peter Donat salopp. Was er meint, ist, dass die Bahner von den Fahrgästen mit Fragen zur Technik gelöchert werden.

Diese Ingenieurleistung zu genießen, dafür bleiben genau genommen nur acht Minuten Zeit. Denn dann sind die 168 Höhenmeter zwischen den beiden Ortsteilen auch schon bezwungen. Respekt auf ihre Art zollen Laufsportler der Technik Jahr für Jahr, wenn es beim Duell "Mensch gegen Maschine" gegen Schmerzen in den Oberschenkeln und um entscheidende Sekunden geht. Der ungewöhnliche Berglauf, eingebunden ins Drahtseilbahnfest, findet eine stetig wachsende Anhängerschar. Und so mancher Kletterspezialist musste dabei die herbe Niederlage verkraften, von der Seilbahn spätestens auf der Hälfte der Strecke eiskalt abgehängt zu werden. Der Streckenrekord des Flöhaers Thomas Blankenburg aus dem Jahr 2007 liegt übrigens bei einer Laufzeit von 6:13 Minuten. Vielleicht gelingt es bei der zwölften Auflage am 18. Juni, diesen Rekord zu knacken? Dazu der Tipp vom ehemaligen Chemnitzer Spitzenläufer Heiko Schinkitz: "Kurze, schnelle Schritte. Das ist die richtige Technik am Berg." Etwas Respekt sollte man aber schon haben, warnt er speziell vor dem Zieleinlauf auf dem etwa 100 Meter langen und bis 21 Prozent steilen Abschnitt auf dem Skihang auf Rosts Wiesen. Da nehmen die Downhiller beim DrahtX, dem zweiten Wettkampf zum Fest, dann doch lieber für die Bergfahrt die Bahn.

Touristen heute können nicht verstehen, dass der Bahnbau vor 106 Jahren aus existenziellen Nöten heraus erforderlich war. Es ging wahrlich nicht um die schöne Aussicht und die idyllische Fahrt durch den Wald. Bahn-Betriebsleiter Peter Donat: "Sie war Augustusburgs einzige Verbindung zur Außenwelt. Und das bis zur politischen Wende." Zur Jahrhundertwende hatten die Augustusburger (damals hieß die Stadt noch Schellenberg) um diese Lösung gekämpft, weil die Erschließung der Stadt - vor allem als Erholungsort für die Chemnitzer - an der nicht vorhandenen Verkehrsanbindung schlichtweg zu scheitern drohte. Die 1867 zwischen dem Bahnhof Erdmannsdorf und der Stadt eingerichtete Postomnibus-Linie (bespannt mit Pferden) genügte längst nicht mehr. Täglich wurden nur neun Doppelfahrten angeboten. Mehr war nicht möglich. An diese Zeit, als die Touristen noch mit der Standseilbahn anreisten, erinnert heute ein kurioses Rennen - initiiert vom "Förderverein Drahtseilbahn Erdmannsdorf-Augustusburg": Beim Koffer-Ella-Lauf sprinten Mannschaften durch die Stadt, müssen zu den einzelnen Stationen zusätzlich aber 20 Kilogramm Gepäck transportieren. Namensgeberin Ella Fischer, die Koffer-Ella eben, lernte Kurt Schaufuß, 30 Jahre lang Bahn-Betriebsleiter, noch persönlich kennen. Die pfiffige wie skurrile alte Dame war nämlich Mitte des 20. Jahrhunderts auf die Geschäftsidee gekommen, das Gepäck der in der Bergstation ankommenden Touristen mit dem Handwagen in die Hotels und Pensionen zu befördern - selbstverständlich gegen Bezahlung. Nur in den Ferien hätten ihr die Kinder Konkurrenz gemacht, die natürlich schneller gewesen seien als sie, beschrieb es Kurt Schaufuß. "Und da hat die Ella mächtig spektakelt und geschimpft."

Seit 2016 zählt die Drahtseilbahn zum Verkehrsverbund Mittelsachsen (VMS). Zuvor betrieb sie die Erzgebirgsbahn, zehn Jahre lang im Auftrag des Verbundes. Die Fahrgastzahlen können sich sehenlassen: 2015 (im letzten Jahr unter der Erzgebirgsbahn) waren es 92.109, vergangenes Jahr 94.681.

Das 12. Drahtseilbahnfest soll am 18. Juni auf dem Gelände rund um das Freizeitzentrum "Rosts Wiesen" bis hin zur Bergstation Augustusburg gefeiert werden. Das Programm (10 bis 18 Uhr) mit Drahtseilbahnlauf und DrahtX wird mit Technik-Führungen durch das Maschinenhaus abgerundet.

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