Ein Technikfuchs für alle Fälle

Dietmar Puschmann hat vor 20 Jahren das Fernsehstudio der Hochschule Mittweida mit aufgebaut, ist mit der Technik dort per "Du". Jetzt ist klar, dass er die Leitung im Herbst abgibt.

Mittweida/Hainichen.

Mehr als zwei Dutzend farbige Tasten befinden sich in Zweierreihe an dem Bildmischer-Arbeitsplatz: grün, blau, lila, weiss, orange. Für den Besucher im Regieraum wirkt das unübersichtlich, aber Puschmann drückt zielsicher eine der Tasten und weiß, dass dann das Live-Bild von einer der vier Studiokameras anliegt oder Aufnahmen von einem der acht Serverkanäle eingespielt werden. Ein Klick, und es erscheint das Bild auf der Monitorwand im Regieraum des Fernsehstudios.

Und das ist nur der Anfang: Wenn der Studioleiter und Techniker Gästen der Hochschule die High-Tech-Anlage erklärt, verliert sich der 65-Jährige nahezu in Detailbeschreibungen über die Produktion der Fernsehbilder. "Das geht nicht einfach so, Kamera an und los", sagt Puschmann. Da müsse zum Beispiel der Farbabgleich der Studiokameras eingestellt werden. "Sonst haben die Akteure beim Einsatz von mehreren Kameras plötzlich im Bild unterschiedliche Gesichtsfarben." Seine Begeisterung für Server, Schnittsoftware oder Lichtsteuerung springt quasi über bei jedem Satz. Kein Wunder, hat doch "Puschi", wie ihn mancher Student nennt, hier wohl alle Geräte mindestens einmal in der Hand gehabt, weiß im übertragenen Sinn, an welchen Knöpfen zu drehen ist, wenn es mal nicht läuft.

"Die Arbeit hier hat mir von Anfang an Spass gemacht", sagt der gelernte Elektromechaniker. Doch nun ist seine Stelle als Techniker und Studioleiter der Hochschule Mittweida ausgeschrieben. Im Oktober wird Puschmann in den Ruhestand gehen. Damit verlässt ein alter Hase die Einrichtung, der nie im Rampenlicht stand, aber seit 1997 dafür sorgte, dass die Technik im Fernsehstudio am Laufen gehalten wurde. "Alles, was hier steht, muss funktionieren, Regie, Servertechnik, Praktikumsraum, Schnittplätze", beschreibt Puschmann seinen Job. Dazu gehört aber noch mehr.

Der gelernte Elektromechaniker ist auch verantwortlich für die Beschaffung des täglichen Bedarfs und hat bei Investitionen neuer Technik bis zur Ausschreibung mitgewirkt. Selbst an der Planung der Räume im Erdgeschoss des 2014 eingeweihten Medienzentrums war Puschmann von Anfang an, bereits 2008, beteiligt. Legendär ist eine Aussage des Architekten, der bei einer Änderung der Pläne für den Zuschauerraum des TV-Studios seine Idee aufgab - nach dem Hinweis seiner Mitarbeiter: "Das macht der Puschi nicht mit." Selbst die beleuchteten Spiegel in der Maske habe er selbst kreiert. Wie andere Leute ihre Wohnstube einrichten, so hat Puschmann Herzblut ins neue TV-Studio gesteckt, genauso wie zuvor schon ins ehemalige Fernsehstudio im alten Kesselhaus.

Dort hatte der Hainichener auch 1997 den Moment miterlebt, als der damalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf mit einem symbolischen Knopfdruck das erste TV-Studio der Hochschule mit dem Start des "Ersten Deutschen Hochschulfernsehen" einweihte. Zu dem Zeitpunkt war Puschmann schon fünf Jahre an der Hochschule tätig, anfangs für das sogenannte Projekt Datenatlas. "Das war so eine Art Googlemaps für den damaligen Kreis Mittweida", erinnert sich Puschmann. Später war er bereits als Techniker für das TV-Studio tätig, ab 1999 in Personalunion auch Studioleiter. Dabei war er eher ein Quereinsteiger, hatte vor der Wende im Elektronik-Kombinat Robotron gearbeitet, ein Abendstudium Feinwerktechnik absolviert, war nach der Wende arbeitslos und machte noch den Abschluss als Industriefachwirt. "Ich hatte drei Berufe, aber plötzlich wollte mich keiner mehr", erinnert sich der gebürtige Chemnitzer. Das ist längst anders geworden. Denn im TV-Studio kennt sich wohl keiner so gut aus wie Puschmann, dessen Rat auch bei Studenten gefragt ist.

Doch Angst vor dem Ruhestand habe er nicht. "Ich habe Haus und Garten", so Puschmann. Und natürlich hat er einen privaten Schnittplatz und dann vielleicht auch Ruhe und Muße, um private Aufnahmen, etwa von seinem 60. Geburtstag, in vorführbare Form zu bringen.

Studio gilt als moderne Ausbildungs- und TV-Produktionsstätte - Im Vorgänger gab es schon hochauflösendes Fernsehen

Das Fernsehstudio im Zentrum für Medien und Soziale Arbeit ist das Kernstück des Gebäudes an der Bahnhofstraße in Mittweida. Der im August 2014 eingeweihte Neubau war zu dem Zeitpunkt die größte Einzelinvestition des Freistaats in Mittweida seit 1990. Baukosten: rund 36 Millionen Euro. Die Ausbildungs- und TV-Produktionsstätte erstreckt sich über drei Etagen, das Fernsehstudio bietet Platz für rund 170 Zuschauer. Im September 2010 begann die Erschließung für das Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei. Im Jahr 2015 war das TV-Studio erstmals Kulisse für das Sinfoniekonzert der Mittelsächsischen Philharmonie. Zu den öffentlichen Veranstaltungen im Studio zählte
das Wahlforum der "Freien Presse" im Juni 2015. Hier stellte sich Ralf Schreiber als Kandidat für den Posten des Oberbürgermeisters vor. Die Veranstaltung wurde live ins Internet übertragen.

Im Jahr 1994 begann die Ausbildung im Studiengang Medientechnik (seit 2013: Media and Acoustical Engineering), erst drei Jahre später
bekam die Hochschule ihr eigenes Fernsehstudio. Dazu wurde das Kesselhaus im Haus 4 am Schwanenteich umgebaut. Damit war die Mittweidaer Bildungseinrichtung die erste Hochschule in Deutschland mit einem eigenen Fernsehstudio. Mit der HDTV-Produktionsstrecke hielt 2009 moderne Technik Einzug ins Studio. Mit
Studiokameras, Aufzeichnungstechnik und modernem Bildmischer konnten die Studenten damals bereits Aufzeichnungen für das hochauflösende Digitalfernsehen (HDTV) herstellen. Erst später fanden die HDTV-Empfangsgeräte Verbreitung. Im Jahr 2015 wurde das alte Medienzentrum dann abgerissen.

Nicht nur im Studio produzieren die Studenten Fernsehsendungen. Immer wieder gehören auch Außendrehs zu ihren Ausbildungsinhalten. Zu einem der spektakulärsten Außeneinsätze gehörten der Banküberfall auf die Sparkasse in Mittweida im April 2001. Ein Augenzeuge hatte die Polizei alarmiert, als er bewaffnete Männer in die Bank stürmen sah. Mit mehreren Streifenwagen rückten Beamte aus. Erst am vermeintlichen Tatort klärte sich auf, dass hier Studenten der Hochschule mit Erlaubnis der Sparkasse einen Film zum Thema "Banküberfall" gedreht hatten. (jl)

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