Eine Landratte geht an Bord

Ein Team sächsischer Wissenschaftler ist mit dem Eisbrecher Polarstern zum Nordpol unterwegs. Mit an Deck: ein Dresdner Journalist. Noch ist die See ruhig. Doch der Wetterbericht sagt voraus: Windstärke 7 bis 8 und dreieinhalb Meter hohe Wellen.

Bremerhaven.

Ein Steg, ein paar Stufen nach oben mit schwerem Gepäck. Die Sonne im Nacken und Schatten in Aussicht. Die Tür weit offen. Es ist Dienstag, neun Uhr. "Willkommen bei uns!" Steffen Müller empfängt die neuen Gäste im beigefarbenen Anzug, seiner Arbeitskleidung. Er erwartet seine Besucher an der Gangway zum Forschungseisbrecher Polarstern.

Sein Blick taxiert mich blitzschnell. Rucksack, noch einen Packsack, die Schuhe, so eine Jacke, Sonnenbrille... Was mag er so von mir, dem Neuankömmling, denken? Vielleicht: eine Landratte - unübersehbar. Doch die bisher noch fehlende seemännische Erfahrung wird sich schnell ergänzen lassen, denke ich. Weiter oben im Schiff, im Beobachtungsraum, pinnt soeben der Meteorologe vom Dienst den Wetterbericht an. Und er sagt dann mal für Sonnabend schon dreieinhalb Meter hohe Wellen und Windstärke 7 bis 8 voraus. Es bleiben ja noch ein paar Tage. Und so lässt es sich erst einmal auf sanfte Art an die Schaukelei gewöhnen.

"Ach, aus Dresden? Der Journalist also", stellt Steffen Müller beim Blick auf seine Passagierliste noch fest. Sie ist 55 Forschernamen lang. Die meisten kommen diesmal aus Sachsen. Seit zwei Jahren planen Wissenschaftler vom Leipziger Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (Tropos) mit gut einem Dutzend weiterer Institute und Universitäten diese Ausfahrt. Es wird eine Expedition zu Wolken, Wasser - ganz nah am Nordpol. Das Codewort dazu lautet PS 106.1 - es ist die 106. Fahrt der Polarstern, eines einzigartigen Forschungsschiffes in Deutschland. Diesmal wird ein sächsischer Forscher die wissenschaftliche Fahrtleitung haben: Andreas Macke, Professor für Atmosphärenphysik und Institutsdirektor vom Tropos.

Sein Kollege ist da dem Pol bereits ein ganzes Stück näher. Manfred Wendisch, Meteorologie-Professor und Institutsleiter an der Universität Leipzig, fliegt mit seinen Leuten von Spitzbergen aus mit zwei Polarflugzeugen durch die Wolken. Irgendwann, so in einer Woche etwa, wollen Schiff und Flugzeuge sich dann dort treffen und gemeinsam Wolken, Luft und Eis beschnüffeln.

Unzählige Ansaugstutzen, Lufteinlässe und Sensoren analysieren die Atmosphäre vom Boden, oder besser vom Eis, bis in etwa 5000 Meter Höhe. Alles möglichst zeitgleich. Das ist die große Herausforderung. Am Ende geht es darum, wie sich die Arktis im Klimawandel weiterhin verhält. Möglicherweise wird sie ihn durch das Schmelzen des Meer-Eises noch verstärken. Vor allem aber kann dies mächtig in unser Wetter hier in Mitteleuropa eingreifen.

"Deinen Pass nehme ich gleich mal zu mir", sagt Steffen Müller noch und weist den Weg zu meiner neuen Unterkunft. Das Dutzen gehört hier auf der Expedition für die kommenden fünf Wochen zur Amtssprache vom Fahrtleiter bis zum Maschinisten, und der direkte Ton gehört sowie dazu. Von Crew zu Forscher und umgekehrt. Rau, aber herzlich. "Und wenn du heute Abend noch mal kurz vom Schiff willst, dafür haben wir Ausgangskarten", sagt Steffen Müller noch. Es sind immerhin 20 solcher Karten für fast 100 Gäste hier an Bord der Polarstern. Die meisten haben sowieso jetzt zu tun, zu schrauben, zu updaten, zu verbinden, einfach alles zu tun, was hätte schon längst erledigt sein sollte. 43 Crew-Mitglieder, 55 Wissenschaftler sind an Bord.

Bei Letzteren zähle ich mit dazu. Als Wissenschaftsjournalist, der nun auch an Sensoren und Detektoren ran darf - für Hilfsarbeiten. Kisten schleppen, Kabel halten, Werkzeuge reichen. Hier in Bremerhaven, mehr noch auf dem Eis.

82,3 Grad Nord, 15 Grad Ost ist das Ziel, der Kurs geht klar nach Norden. An Norwegen und Spitzbergen vorbei direkt bis ins Eis. Und wenn es bei 82 Grad noch nicht zu finden ist, dann weiter. So weit, bis es fest und dick genug ist, um mit einem exakt 117,91 Meter großen Eisbrecher daran festzumachen. Festmachen, das heißt für die Forscher aber jetzt erst einmal Geräte verzurren, Bandschlingen auslegen, Gitter verschrauben, bevor sich der nächste Nordatlantiksturm mit der Technik balgt. Am Sonnabend dann.

"So ein Dreck!" Nein, nicht die noch frische Farbe an Reling und Fußboden ist gemeint, die mal hier, mal da an den Sachen kleben bleibt. Dreck, das ist diesmal ganz sensible Messtechnik, die kann's zum Glück nicht hören. Aber Fluchen befreit, wenn die Nerven auf Grundeis gehen. Nerven braucht jetzt Ulrich Küster von der FU Berlin ganz besonders. "Da ist der ganze Schreibtisch voller Merkzettel, und dann hab ich so ein dämliches Loch vergessen zu bohren." Bohrer und Bohrmaschine organisieren, das alles ist möglich, kostet vor allem aber Zeit. Und die fehlt gerade jetzt. Nur zwei Tage bleiben den Forschern für den Einbau ihrer Geräte an Bord.

Unscheinbare kleine graue Kisten klemmen an der Reling, jede 60.000 Euro wert, verchromte Röhren für nur 10.000 Euro. So etwas sollte schon wetterfest sein, wenn man in die Arktis fährt. Containerweise wird Messtechnik an Bord gehievt. Den kommenden Monat geht es um Luft, Wolken, Wasser. Eis. Und um all das, was dort noch so drin ist. Winzigste Partikel zum Beispiel, die aber Wolken bilden können. Winzigste Organismen, die die Grundlage einer ganzen Nahrungskette im arktischen Ozean sind.

Dies ist eine Sache, die Hauke Flores mit seinem Team vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) erforschen will. Wissenschaftler von einem Dutzend Forschungseinrichtungen sind mit an Bord. Jeder verfügbare Quadratmeter an Deck ist vollgestellt. Jeder Platz in den Kajüten ist ausgebucht. Aber, von wegen Kajüte. "Das heißt hier Kammer. Und übrigens, die Tür ist keine Tür, sondern ein Schott!", kommt der rettende Hinweis von einem schon polarsternbereisten Leipziger Kollegen.

Diese Kammern haben ein Doppelstockbett, eine Dusche. Ein kleiner Tisch hat auch noch Platz, so ähnlich wie im Wohnmobil. Dafür aber gibt es einen unverbaubaren Blick aufs Meer. "Üblicherweise bleiben diese Kammern hier offen," gibt der Erste Offizier eine Regel nach der anderen vor. Der Wohnraum ist Büro und Treffpunkt. "Wer Privatsphäre haben möchte, kann den Vorhang zuziehen." Und wenn's ganz extrem privat wird oder ungestört sein sollte, nach einer Nachtschicht beispielsweise, dann kann auch mal die Tür zu sein. Natürlich nicht verschlossen! Bald fangen sie an, die Nachtschichten. Bis dahin bleiben noch 1500 Seemeilen - rund 2800 Kilometer - nordwärts und fünf Tage. So viele sind es noch bis ins Eis, weil zwischendurch immer mal gestoppt wird. Mal für Wissenschaftler mit Bojen und Lichtsensoren im Wasser, mal für das Schlauchboot, von dem aus Proben von der Wasseroberfläche geholt werden.

Dafür sollte die See ruhig sein. Doch die denkt nicht daran und schaukelt sich die nächsten Tage auf. Der Meteorologe bleibt bei seiner Prognose. Damit kommen neben unwilligen Sensoren und stotternden Datenleitungen wohl noch ganz andere Probleme für die sächsischen Landratten hier an Bord.

Stephan Schön ist Wissenschaftsredakteur bei der "Sächsischen Zeitung" und berichtet auch für die "Freie Presse" über die Expedition in die Arktis.

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