Fünf Stunden durch das unterirdische Freiberg

Das Silberbergwerk legte einst die Basis für Sachsens Reichtum. Die lange Erkundungstour lohnt sich - etwas Mut und Fitness vorausgesetzt.

Freiberg.

"Letzter Mann", ruft Steffen Philipp, als er keuchend und gebückt am Ende des schmalen Schachtes angelangt ist. Damit signalisiert der kräftige Mittfünfziger: Hinter mir geht niemand mehr. Zeit für Gruppenführer Bernd Schieck, erneut durchzuzählen. Die Truppe, neun Mann und eine Frau, ist noch immer komplett. In der vielerorts nur vom Licht der Helmlampen durchbrochenen Finsternis blieb niemand zurück. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es schließlich weiter. Noch knapp vier Stunden heißt es marschieren, klettern und und sich durch engste Öffnungen zwängen.

Der kraftzehrende Ausflug in die Tiefen unterhalb der Bergbaustadt Freiberg ist für Steffen Philipp auch eine Reise zurück in die eigene Jugend. "1980 war ich das letzte Mal hier", sagt der 54-Jährige, als er sich nach fast acht Kilometern Abenteuertour durch das Besucherbergwerk mit einem kühlen Getränk erfrischt. Zurück unter freiem Himmel gerät der Bergbauspezialist ins Schwärmen. "Die Experten-Tour war einfach nur schön und beeindruckend." Vergessen sind die Anstrengungen der vergangenen fünf Stunden.

Steffen Philipp lebt seit vielen Jahren in Baden-Württemberg. Nach Freiberg kam er, um dem Sohn die ehemalige sächsische Heimat zu zeigen. In der Silberstadt lernte Philipp vor 40 Jahren für seinen Facharbeiter in der Bergbautechnologie. Für Lehrzwecke besuchten die Schüler das 1969 stillgelegte Silberbergwerk schon damals. "Eine schöne Zeit", erinnert sich Steffen Philipp, der dem ehemaligen Lehrort unbedingt noch einmal sehen wollte.

Gerne hätte er seinen Sohn mit durch die Stollen genommen. Doch ist der Sprößling mit elf Jahren zu jung für die Fünf-Stunden-Führung. Von den angebotenen Ausflügen durch das verwinkelte Stollensystem in den Tiefen der Silberstadt ist diese "Expertentour" die längste. "Nichts für den normalen Touristen", betont Bernd Schieck, Tourführer und Mitglied des Fördervereins Himmelfahrt Fundgrube Freiberg immer wieder, als er die zehnköpfige Besuchergruppe durch die fremdartige Untertage-Welt führt. Ausgestattet mit Gummistiefeln, Grubenhelmen und echter Bergarbeiterkleidung geht es zunächst mit einem Original-Förderkorb 150 Meter in die Tiefe. Dort beginnt eine Reise durch mehr als sechs Jahrhunderte Bergbaugeschichte. Die Stollen am Ausgang des Schachtes "Reiche Zeche" sind anfangs bequem begehbar. Als hier noch Silber abgebaut wurde, gab es immerhin ausreichend Platz für einige Shetland-Ponys, um die mit Erz beladenen Wagen durch die Gänge zu transportieren.

Doch schon einige hundert Meter weiter wird es enger. Irgendwann stoppt Bernd Schieck. "Jetzt müssen wir klettern." Die Gewölbedecke nur knapp über dem Kopf, heißt es, eine Schräge von etwa 80 Höhenmetern hochzukraxeln. Das geht nur auf allen Vieren. Durch das Berggestein tröpfelndes Wasser macht Stufen und Leitersprossen glitschig. Früher mussten die Bergleute hier auf dem Rücken liegend das silberhaltige Erz mühsam in Handarbeit abtragen, erklärt Bernd Schieck. Da es beim Kraxeln wichtig ist, sich auf Hände und Füße zu konzentrieren, stoßen die Kletterer immer wieder mit dem Kopf gegen die niedrige, granitharte Gewölbedecke. Ohne Helme käme es häufig zu Verletzungen. "In früheren Jahrhunderten trugen die Bergleute oft nur Lederkappen auf dem Kopf", erklärt Schiek.

Eine weitere Gefahr für die Bergleute damals: Giftige Gase, die sich in schlecht belüfteten Stollen anreichern können. "Auch deswegen wurde unter Tage viel geraucht", sagt Schieck. Ging die Zigarette unverhofft aus, konnte das ein Zeichen für giftiges Gas ein. Auch Kanarienvögel in Käfigen seien zuweilen in die Stollen gebracht worden. Kippten die um, war dafür höchstwahrscheinlich Gas verantwortlich.

Da Berglaute sehr religiös gewesen sind, tragen viele Stollen christliche Namen. Besonders beeindruckt zeigen sich die Besucher vom Erzgang "Auferstehung Christi". Als die Bergleute vor mehreren hundert Jahren hier die Spur der erzhaltigen Ader verloren hatten, trieben sie einen mannsbreiten Stollen in den Fels. Sie hofften dabei, irgendwann wieder auf den verlorenen Erzgang zu stoßen. Nur mit Eisen und Schlegel ausgerüstet, dauerte es damals eine Woche, um einen Gang auch nur 20 Zentimeter ins Gestein zu treiben, erklärt Schieck. Auf die verlorenen Erzader stießen die Bergleute erst nach etwa 42 Metern. Die hohe Präzision der Wände und Decke des Suchstollens erklärt Bernd Schiek so: Da waren Handwerkergesellen tätig, die ihre Prüfungen ablegten.

Kurz vor Ende der Unterwelt-Tour wird klar: Im Bergwerk ist längst keine Ruhe eingekehrt. Mehrere Institute der TU Bergakademie Freiberg betreiben hier unten Labore und Forschungen, Studenten lernen etwas über modernen Bergbau. Zur 4. Sächsischen Landesausstellung im kommenden Jahr können Besucher erleben, woran dort untern geforscht wird. Doch auch der Erhalt der historischen Anlagen ist von großer Bedeutung. Etwa 30.000 Besucher im Jahr bräuchte das Besucherbergwerk, um die Kosten zu decken. Genau so viel habe man aktuell, sagt Bernd Schieck. Gerne könnten aber mehr kommen. Zumindest Steffen Philipp aus Baden-Württemberg könnte sich vorstellen, wiederzukehren. Das nächste Mal hoffentlich mit dem Sohn.


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