Im schicken Outfit brillieren

Pauline Schäfer vom TuS Chemnitz-Altendorf gehört zu den erfolgreichsten Turnerinnen in Deutschland. Zu einem Gerät hat sie eine Hassliebe entwickelt.

Chemnitz.

Für den Fototermin zog sie extra ihr bestes Stück an. "Der Anzug ist ein Unikat, den habe ich selbst entworfen. Dann wurde er nach meinen Vorstellungen genäht", berichtet Pauline Schäfer, nachdem sie geduldig und sehr kooperativ die gewünschten Posen mehrfach zeigte, bis alles perfekt war. Nach den Olympischen Spielen von Rio im vergangenen Sommer durften die deutschen Starterinnen bei einer speziellen Designerin ihren Wunsch in Auftrag geben - als kleine Belohnung für die beeindruckenden Leistungen in Brasilien, wo sich das Team im Finale auf Rang sechs stark präsentierte. Sophie Scheder gewann zudem vor Elisabeth Seitz Bronze am Stufenbarren.

Pauline Schäfer, die auch bei ihren Übungen gern kreativ mitwirkt, gefiel dieses Angebot sehr. Schon im Vorfeld des Top-Ereignisses testete sie im Wettkampf das neonfarbene Outfit, in dem sich die jungen Damen dann auch präsentierten. "Für mein eigenes Exemplar wollte ich unbedingt, dass es glitzert. Es wurde toll mit unzähligen kleinen Swarowski-Steinen umgesetzt. Da ist schon etwas Besonderes, sehr Ästhetisches, was auch gut ankommt, entstanden", freut sich die 20-Jährige. Sie fühlt sich in ihrer "zweiten Haut" superwohl, was sie für einen Wettkampf als äußerst wichtige Voraussetzung empfindet. Da ein "Adler" drauf ist, trägt die Auswahlturnerin diesen Anzug bei internationalen Bewährungsproben.

So wird sie bei den Deutschen Meisterschaften ab 4. Juni im Rahmen des Turnfestes in Berlin auf andere Exemplare zurückgreifen. "Aber das ist kein Problem. Ich habe vielleicht inzwischen 40 Anzüge, da kann ich auswählen", erzählt Pauline Schäfer, die sich zu verschiedenen Anlässen auch gern mal schick kleidet. Im Alltag geht sie aber nicht jeden Trend mit, bevorzugt legere Kleidung, die praktisch sein muss. "In meinem Schrank hängen hauptsächlich Trainingsklamotten und Abendgarderobe, es geht von einem Extrem ins andere", fügt sie hinzu. Vor allem in den zurückliegenden beiden Jahren bekam Pauline Schäfer zahlreiche Einladungen zu Galas oder Auszeichnungsveranstaltungen, wurde beispielsweise zweimal zur Sportlerin des Jahres im Saarland (aus diesem Bundesland stammt sie) gekürt oder auf anderen Ebenen geehrt. Die Leser der "Freien Presse" wählten sie für 2015 im Rahmen der Chemmy-Verleihung zur "Sportlerin der Herzen".

Denn schon bevor sich die elegante Gerätekünstlerin für Olympia qualifizierte, hatte sie bereits einen wertvollen Erfolg gefeiert. Bei den Weltmeisterschaften 2015 in Glasgow gewann Pauline Schäfer die Bronzemedaille am Schwebebalken, es war das erste WM-Edelmetall für den Chemnitzer Verein überhaupt. An diesem, von vielen Turnerinnen ungeliebten Gerät, schaffte sie auch insgesamt ihre besten Resultate. So triumphierte sie zuletzt dreimal in Folge bei den nationalen Titelkämpfen, wurde EM-Siebente (2015). Bei Olympia verpasste sie die Qualifikation für das Finale hauchdünn, zeigte dann aber im Teamfinale eine überragende Übung. Ähnlich knapp am Endkampf scheiterte sie bei der EM im April, bei der sie wiederum im Mehrkampf für das beste Einzelresultat sorgte.

"Ich weiß eigentlich gar nicht so richtig, wie der Balken das beste Gerät bei mir wurde. Das hat sich im Laufe der Zeit so entwickelt. Ich turne gern daran, es ist anspruchsvoll. Und wie die Erfolge zeigen, liegt es mir schon", meint Pauline Schäfer, wobei sie selbst nicht unbedingt vom Lieblingsgerät spricht. Denn wenn ihr ab und an die Nerven einen Streich spielen, sich technische Fehler einschleichen, dann kommt ebenso Frust auf, verflucht sie den Balken auch mal. Aber insgesamt überwiegen die positiven Situationen, auch weil sie sich ihrem Naturelle entsprechend selbst einbringen, Ideen verwirklichen kann. "Es gibt viele Gedanken, aber es fehlt auch die Zeit für die Umsetzung", weiß das Mitglied der Bundeswehrsportfördergruppe nur zu gut aus eigener Erfahrung. Denn mit ihrem "Schäfer", einem Seitwärtssalto mit halber Drehung, steht sie als Erfinderin bereits im Code de Pointage, dem internationalen Regelwerk.

Das Element zeigte sie im Wettkampf erstmals 2014. Es gelang ihr dann auch bei der WM in China, was die Voraussetzung für die Anerkennung war. Bisher gibt es weltweit keine weitere Turnerin, die diese Schwierigkeit vor Kampfrichtern beherrscht. "Es hat bei mir relativ lange, so über ein Jahr, gedauert, bis ich es konnte", berichtet Pauline Schäfer. Erste Versuche, einen Salto in dieser Form auf dem zehn Zentimeter schmalen Balken zu stehen, sah ihre Trainerin Gabi Frehse während eines Lehrganges in Kanada bereits 2012. Mehrere Gefährtinnen probierten es, doch nur sie blieb mit viel Geduld dran.

"Inzwischen werden die Zuschauer schon richtig euphorisch, wenn es angekündigt wird", hat die Wahl-Chemnitzerin ausgemacht. Mit diesem zusätzlichen Druck kann sie inzwischen relativ gut umgehen, nur noch selten misslingt die Eigenkreation. "Es geht ständig mit vielen Gedanken weiter, ich weiß, wie meine Übung aussehen könnte, werde weiter aufstocken", blickt Pauline Schäfer jetzt bis zur Weltmeisterschaft im Herbst und langfristig weiter bis zu den Olympischen Spielen nach Tokio 2020.

In Japan möchte sie sich dann möglichst zwei Träume erfüllen: Das Top-Ereignis gemeinsam mit ihrer vier Jahre jüngeren Schwester Helene, die wie sie wegen der optimalen Bedingungen aus dem Saarland an den Bundesstützpunkt nach Sachsen gewechselt war, erleben - und einen Medaillengewinn.

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