Kunst für die Seele: Wie eine Chemnitzerin ihr Trauma von 1968 verarbeitet

Als junges Mädchen wollte Veronika Bahr in den Westen. Die Flucht über die Tschechoslowakei scheiterte im August 1968. Unter den Folgen leidet sie bis heute, doch sie fand einen Weg, das zu verarbeiten.

Die Gestalt, die sie aus dem Stein schälte, verbirgt ihr Gesicht mit den Armen. Angst vor der Welt und Schuldgefühle, das soll die Figur symbolisieren, die Veronika Bahr in ihrem Schrebergarten aufgestellt hat. Vor gut 20 Jahren begann die Chemnitzerin mit dem künstlerischen Gestalten; inzwischen füllen Plastiken, Radierungen und Aquarelle eine ganze Ausstellung. Im Frühjahr war sie in der Bonhoeffer-Kirchgemeinde in Chemnitz-Markersdorf zu sehen. Die Werke tragen Namen wie "Hinter Schloss und Riegel" und "Gefangen". Oder "Mütterliche Last auf den Schultern des Kindes": eine übermächtige Gestalt aus Speckstein, die sich hinunter beugt und ihre Arme auf die der Tochter legt. Doch es ist keine Umarmung, sondern Unterdrückung.

Veronika Bahr, 67 Jahre alt, wurde zur Künstlerin, um das eigene Schicksal zu verarbeiten. Ihr Trauma ereignete sich im Sommer vor 50 Jahren - als in der Tschechoslowakei Weltgeschichte geschrieben wurde. Die damals 17-Jährige plante die Flucht aus ihrer zerrütteten Familie. Die Eltern hatten sich getrennt, sie lebte bei der Mutter, von der sie sich tyrannisiert fühlte. "Deshalb wollte ich in den Westen", erzählt sie. Zu den Geschwistern.

Am 23. August 1968 fährt Veronika Bahr mit dem Omnibus von Karl-Marx-Stadt nach Cranzahl. Bis zum Einbruch der Dunkelheit streift sie durch den Wald in Richtung Bärenstein. Der Grenzort zur Tschechoslowakei liegt seit dem Einmarsch des Warschauer Pakts in einer von der DDR eingerichteten Sperrzone - Zutritt nur mit Sondergenehmigung. Als die junge Frau dort am späten Abend ankommt, sieht sie Panzer und Uniformierte - und bekommt es mit der Angst zu tun. Sie verwirft den Plan, über die ČSSR nach Westdeutschland zu flüchten, will umkehren, doch auf der Suche nach einer Bushaltestelle wird sie von einer NVA-Streife in Bärenstein angehalten und verhaftet.

Die Minderjährige landet im Stasi-Gefängnis auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt. Rund sieben Wochen lang ist sie dort eingesperrt, bis der Haftbefehl aufgehoben wird - "aufgrund des jugendlichen Alters", der "spontanen Reaktion" sowie der Annahme, "dass die Beschuldigte sich künftig gesellschaftsgemäß verhalten wird". Verurteilt wird sie trotzdem: Zehn Monate Haft auf Bewährung wegen "ungesetzlichen Grenzübertritts", so beschließt es das Kreisgericht Karl-Marx-Stadt.

Nach der Wende, berichtet Veronika Bahr, habe sie all das verdrängt. Doch als die eigenen drei Kinder aus dem Haus waren und die Geschiedene allein war, kam die Vergangenheit wieder hoch. Wenn sie auf dem Kaßberg unterwegs war, sah sie sich wieder in der Zelle im Stasi-Gefängnis. Und auch die Erinnerung kam zurück an die Zeit nach der Verurteilung als Republik-Flüchtige. Als in der Berufsschule keiner mehr mit ihr sprach und sie mit schwerer Depression in einer Nervenklinik landete. "Verfolgungsangst wurde als Halluzination gedeutet", erzählt sie. "Man ließ mich nicht trauern um die verlorene Freiheit, sondern stopfte mich mit Psychopharmaka voll und gab mir Elektroschocks."

Seit 20 Jahren ist Veronika Bahr Rentnerin. EU-Rentnerin, wegen Erwerbsunfähigkeit. In einem psychiatrischen Gutachten der Uniklinik Dresden von damals heißt es, die Haftzeit der Patientin habe "ihr Innerstes zugrunde gerichtet".

Die Schwester, zu der Veronika Bahr vor 50 Jahren flüchten wollte, lebt heute in Australien. "Ich will sie mal besuchen. Aber zuerst muss ich richtig gesund werden", sagt sie. Das künstlerische Gestalten helfe dabei, auch die jüngste Psychotherapie. Eines ihrer Bilder zeigt eine alte Frau, die lustvoll einen Bausch Zuckerwatte in der Hand hält. "Das ist mein Wunsch", sagt Veronika Bahr, "im Alter noch so drauf zu sein."

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

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