Militärhistoriker: Die DDR half beim Einmarsch in die ČSSR

Rüdiger Wenzke über die DDR als Aufmarschgebiet, den Mythos von der NVA als Interventionsarmee und offene Fragen zum Ende des Prager Frühlings

Als Assistent am damaligen Militärgeschichtlichen Institut der DDR in Potsdam begann Rüdiger Wenzke, sich mit den Beziehungen zwischen der NVA und der Tschechoslowakischen Volksarmee zu beschäftigen. Nach der Wende räumte er 1995 in einer Monografie erstmals mit dem Mythos über die Beteiligung der NVA an der Niederschlagung des Prager Frühlings auf. Er habe damals für seine Veröffentlichung viel Zustimmung, aber auch sehr viel Ablehnung und Unverständnis erfahren, sagt Wenzke heute. Und er sagt auch: Die Forschung auf dem Gebiet ist noch nicht abgeschlossen. Oliver Hach sprach mit dem Militärhistoriker.

Freie Presse: Herr Wenzke, am 21. August 1968 sind binnen weniger Stunden zehntausende ausländische Soldaten in die Tschechoslowakei eingerückt. Die Sowjetunion schickte dabei auch Truppen über die DDR. Besonders in den grenznahen Gebieten in Sachsen herrschte in der Bevölkerung Kriegsangst. Wie ernst war die Lage damals, wie groß war die Gefahr militärischer Auseinandersetzungen?

Rüdiger Wenzke: In der Tat war bereits seit Frühsommer 1968 der südliche Teil der DDR zu einem militärischen Aufmarschgebiet geworden. Sachsen hatte sich in ein regelrechtes Heerlager verwandelt - neben zehntausenden sowjetischen Soldaten mit tausenden Panzern, Schützenpanzern und Kraftfahrzeugen standen auch zwei NVA-Divisionen mit etwa 16.000 Mann in voller Ausrüstung bereit, um auf Befehl in die ČSSR einzumarschieren. Obwohl die Truppen zumeist in den Wäldern versteckt waren, blieb der Bevölkerung dies nicht verborgen. Es gab anfangs nur wenige Kontakte mit den Soldaten; die Partei- und Staatsorgane leugneten zudem einen Zusammenhang mit der Entwicklung in der Tschechoslowakei. Vor diesem Hintergrund entstanden Gerüchte in der Bevölkerung, zum Beispiel über bevorstehende Evakuierungen. Es kam zu Hamsterkäufen, Kriegsangst machte sich breit. Und die war keineswegs unbegründet, standen sich doch in Mitteleuropa zwei bis an die Zähne bewaffnete Militärbündnisse gegenüber. Niemand vermochte wirklich vorauszusagen, welche Wirkungen die ,brüderliche militärische Hilfe' des Warschauer Paktes für die ČSSR im Westen, bei der Nato auslösen würde. Die Lage war durchaus ernst.

Tatsächlich leistete die tschechoslowakische Armee damals keinen Widerstand gegen den Einmarsch. Warum ?

Die Tschechoslowakische Volksarmee war als Teil der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages für den Fall eines Krieges nach Westen ausgerichtet, gegen die Nato. Am 21. August 1968 stand ihr jedoch überfallartig eine militärische Übermacht im Rücken. Die Interventen blockierten sofort Kasernen und andere militärische Einrichtungen. Hinzu kam, dass sowjetische Offiziere frühzeitig im tschechoslowakischen Generalstab aktiv waren und die tschechoslowakische Militärführung zu Entscheidungen im Sinne der Sowjets regelrecht nötigten. ČSSR-Verteidigungsminister Martin Dzúr erteilte dann auch unter dem Druck der Sowjets am 21. August 1968 um genau 0 Uhr einen Befehl, der der tschechoslowakischen Armee jeden Widerstand untersagte und sie sogar anwies, den Interventen Unterstützung zu gewähren. Dieser Befehl wurde im Prinzip erfüllt, wenn auch im zweiten Teil nur widerwillig und als Ausnahme.

An der Intervention des Warschauer Pakts sollte auch die Nationale Volksarmee der DDR teilnehmen. Es waren bereits Militärkommandanturen der NVA in der ČSSR geplant. Doch im letzten Moment kam es anders. Warum wurde die DDR überhaupt zum Aufmarschgebiet?

Die DDR gehörte zu den treuesten Verbündeten der UdSSR. Die NVA war 1968, rund zwölf Jahre nach ihrer Gründung, auf dem Weg, zum Juniorpartner der Sowjetarmee im Warschauer Bündnis aufzusteigen. Deshalb war es für die ostdeutsche Partei- und Staatsführung unter Walter Ulbricht von Bedeutung, an der Aktion zur Niederschlagung der vermeintlichen Konterrevolution im Nachbarland teilzunehmen, die als weitere Bewährungsprobe für die politische und militärische Zuverlässigkeit der Ostdeutschen gewertet werden konnte. Zudem war die DDR, in der ja fast eine halbe Million sowjetischer Soldaten dauerhaft stationiert war, ein idealer militärischer Ausgangspunkt für den Einmarsch in die ČSSR und weiter in die Hauptstadt Prag. Die DDR und ihre Streitkräfte boten den sowjetischen Truppen zudem professionelle Hilfe - sei es in der Logistik, im Nachrichtenwesen oder beim Grenzübergang über das Erzgebirge.

Wer entschied, die NVA am Ende zurückzuhalten und warum?

Eine wissenschaftlich haltbare Antwort darauf war lange Zeit nicht möglich. Freilich kursierten seit den 1990er-Jahren manche Gerüchte und Behauptungen, beispielsweise die, dass Walter Ulbricht die NVA zurückgehalten oder die sowjetischen Marschälle kein Vertrauen in die NVA gehabt hätten. Erst vor rund zehn Jahren wurde dann in Moskau ein Dokument gefunden, das uns in dieser Frage weiterhalf: Es war der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew, der seine Militärs auf Bitte von Gegnern des tschechoslowakischen Präsidenten Alexander Dubèek kurzfristig vor dem Einmarsch anwies, keine ostdeutschen Truppen einzusetzen. Dies führte zwar zu Irritationen beim sowjetischen Militär, aber letztlich kamen die zwei für die Intervention vorbereiteten NVA-Divisionen nicht in der Tschechoslowakei zum Einsatz. Die deutschen Genossen seien sichtlich beleidigt gewesen, vermerkten die Moskauer Kommunisten dazu.

Der Mythos lebt dennoch weiter. Eine große tschechische Tageszeitung druckte in diesen Tagen eine Karte, in der NVA-Einheiten im Raum Karlsbad/Karlovy Vary eingezeichnet sind. In der Legende wird über mehrere hundert Soldaten und Dutzende Fahrzeuge spekuliert.

Die tschechischen Kollegen beziehen sich da auf einige zeitgenössische Meldungen, nach denen NVA-Fahrzeuge angeblich unter anderem in Vejprty, Nejdek, Dubí und bis Dolní Žandov gesehen worden waren. Sie räumen dazu aber zumindest in der wissenschaftlichen Literatur ein, dass der Wahrheitsgehalt dieser Angaben nicht nachprüfbar ist. Freilich ist es nicht ganz ausgeschlossen, dass beispielsweise einzelne Aufklärungskräfte der NVA - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - kurzfristig auf tschechoslowakisches Territorium gelangten. Wir wissen ja auch, dass sich einige Stabsoffiziere und eine kleine Gruppe von Nachrichtenkräften der NVA von Ende August bis Mitte Oktober 1968 ganz offiziell in der Nähe von Prag befanden. Auch DDR-Grenzsoldaten überschritten gelegentlich die Grenze. Aber NVA-Kampfeinheiten mit Panzern in Kompanie-, Bataillons-, Regiments- oder gar Divisionsstärke - wie lange Zeit vermutet - waren eben nicht in der ČSSR.

Den Bürgern der DDR hat die SED-Führung nie offiziell erklärt, dass ihre Soldaten am Einmarsch nicht beteiligt waren.

Die Mitteilung der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass vom 21. August 1968, der zeitgenössische offizielle Sprachgebrauch sowie auch die spätere Geschichtsschreibung der DDR ließen bis 1989 keinen Zweifel daran, dass die DDR-Armee im August 1968 gemeinsam mit den ,Bruderarmeen' an der Niederschlagung der als Konterrevolution bezeichneten Prager Reformbewegung aktiv beteiligt war. Einige wenige NVA-Soldaten befanden sich ja auch tatsächlich auf dem Territorium der Tschechoslowakei im Einsatz. All das vor Augen, bescheinigte die SED der NVA intern und in der Öffentlichkeit, eine große Bewährungsprobe bestanden, den Frieden in Europa gerettet und den Sozialismus gestärkt zu haben. Die SED wähnte sich so in einem Akt internationaler Solidarität an der Seite der Sowjetunion als Sieger der Geschichte - alles andere wäre der Bevölkerung schwer zu erklären gewesen. Schützenhilfe erhielt die ostdeutsche Propaganda nicht zuletzt durch den Westen, der Ulbrichts Divisionen im August 1968 als Aggressoren nicht nur in Prag, sondern sogar in Bratislava verortete.

Was tat damals der Westen? Gab es Optionen einzugreifen?

Die bisher zugänglichen Dokumente aus Politik, Militär und Geheimdiensten des Westens zeigen, dass es weder eine militärische Option für eine westliche Aggression gegen die Tschechoslowakei vor dem 21. August 1968, noch eine Option einer militärischen Antwort auf die Intervention der Sowjets gegeben hat. Zwar wurden die Interventionsstreitkräfte als solche klar erkannt, es gelang der westlichen Aufklärung aber nicht, den genauen Einmarschtermin zu bestimmen. Allerdings ließ die UdSSR mit Beginn der Intervention die USA wissen, dass sich die Militäraktion nicht gegen die Nato oder eines ihrer Mitglieder richte. Die Bundeswehr vermied alles, was zu einer Eskalation der Krise hätte beitragen können. In meinem in diesen Tagen im Christoph-Links- Verlag erschienenen Buch "Wo stehen unsere Truppen?" habe ich die Aktivitäten von NVA und Bundeswehr während der ÈSSR-Krise erstmals in einem Band untersucht.

Der Einmarsch und das Ende des "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" war für Tschechen und Slowaken ein Trauma. Was ist davon heute geblieben?

Die Bürger der ČSSR wehrten sich gegen die Besetzung ihres Landes mit einem kreativen Widerstand. Es gelang jedoch nicht, den schon bald einsetzenden sogenannten Normalisierungsprozess zu verhindern. Schrittweise hielten wieder die alten totalitären Macht- und Gesellschaftsstrukturen Einzug. Stagnation, Resignation und Lethargie waren bis zum Wendejahr 1989 die Folge. Mit der samtenen Revolution wurde dann ein neues Kapitel in der Geschichte der Tschechen und Slowaken aufgeschlagen. Auch wenn vor 25 Jahren aus ihrem gemeinsamen Staat Tschechien und die Slowakei wurden, blieben die Menschen über die Grenze hinweg eng verbunden. Dass es bei Tschechen und Slowaken aufgrund der 1968er-Ereignisse bis heute Vorbehalte gegenüber Russland gibt, lässt sich, so glaube ich, nachvollziehen.

Auch 50 Jahre nach dem Ende des Prager Frühlings sind noch nicht alle Archive zugänglich. Welche Fragen sind bis heute offen?

Man muss zunächst feststellen, dass sich unser Wissen über den Prager Frühling und seine Niederschlagung in den letzten Jahrzehnten beträchtlich erweitert hat. Dazu hat eine Vielzahl deutscher und internationaler Historiker und Publizisten beigetragen. Natürlich wird ein historisches Ereignis niemals gänzlich ausgeforscht sein. Es stellen sich immer wieder neue Fragen, so beispielsweise hier nach der Bedeutung der tschechoslowakischen Krise für die europäische Geschichte. Meines Wissens gibt es auch noch keine umfassende wissenschaftliche Darstellung der Intervention aus russischer Sicht, die auf originären russischen Quellen basiert. Bis heute beruhen viele Angaben über Personalstärken oder die Anzahl der eingesetzten Panzer auf Schätzungen. Hier besteht also noch Forschungsbedarf, vor allem in russischen Archiven. Dies kann aber noch dauern, da vor allem das Archiv des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation in Podolsk zu Fragen der Militärgeschichte nach 1945, insbesondere für ausländische Forscher, nur eingeschränkt oder gar nicht zugänglich ist.

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

Rüdiger Wenzke

Der 63-jährige Historiker ist Leiter des Forschungsbereichs "Militärgeschichte nach 1945" am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam. Er stammt aus Baruth/ Mark, studierte in der DDR Geschichte an der Universität Leipzig und begann seine wissenschaftliche Arbeit am Militärgeschichtlichen Institut der DDR in Potsdam. Nach der Wende wurde er vom damaligen Militärgeschichtlichen Forschungsamt der Bundeswehr übernommen, das 2013 in das ZMSBw überging. Wenzke veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Monografien zur Militärgeschichte der DDR und zum Warschauer Pakt. (oha)

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1Kommentare
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  • 0
    2
    acals
    21.08.2018

    Neben der wichtigen Aufarbeitung was geschah ist es ebenso wichtig daran zu erinnern.

    Die Versuche sind bekannt die Geschichte umzuschreiben, solche Versuche werden in Zukunft auch einmal den Straftatbestand erfüllen, wie es für die Verharmlosung der Verbrechen des 3. Reiches gilt.

    Hierzu mal eine bezeichnende Meldung des ORF von vor 3 Jahren:
    https://volksgruppen.orf.at/cesi/meldungen/stories/2714229/

    Bis dahin gilt: Wachsam sein. Heute am 21.08. ist Gedenkwache in Prag vor der russischen Botschaft und Kranzniederlegung am Mahnmal der Opfer der Verbrechen des Kommunismus.

    ---Die Toten mahnen uns.----



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