Mit Spitze an die Spitze

Wussten Sie, dass sogar der Airbus A 380 zur Hälfte aus textilverstärkten Komponenten besteht? Firmenchef Nico Mach setzt auf diese Produkte.

Falkenau.

Blauäugig sei er gestartet. Die Frage des Vaters, ob man gemeinsam ein Unternehmen gründen wolle, würde Nico Mach heute aber wieder bejahen. "Nur würde ich sofort fragen, was genau", sagt der Diplomkaufmann. Der heute 44-Jährige steht seit gut zwei Jahren als alleiniger Geschäftsführer und Gesellschafter an der Spitze der Spiga - Spitzen und Gardinenfabrikation GmbH sowie der Firma Pressless in Falkenau. Er führt das 1993 von Vater Roland Mach gegründete Familienunternehmen fort - das sich in dieser Zeit von einer Manufaktur zum weltweit tätigen industriellen Spitzenunternehmen entwickelte.

Senior Mach, der bis dahin das Flöhaer Zweigwerk der Plauener Spitze als angestellter Geschäftsführer geleitet hatte, war es gelungen, das Unternehmen nach dem Umzug ins Gewerbegebiet als Marktführer bei gewirkter Spitze zu etablieren.

60 Prozent der Falkenauer Produkte sind heute filigrane Spitze für Dessous und Miederwaren, 40 Prozent technische Textilien. Ein witziges Detail: Auch wenn es der Firmenname suggeriert -, kein einziger Quadratmeter Gardine ist von den Mittelsachsen je produziert worden.

"Tagtäglich hinterfrage ich, ob meine Strategie richtig ist", sinniert Firmenchef Mach. Das deutsch-türkische Verhältnis spricht er an: Seit Jahren ist die Türkei neben Sri Lanka Hauptabnehmer der elastischen Spitze. Wie wird sich die derzeit angespannte Situation zwischen den beiden Ländern auf den Markt auswirken? Dass diese Reflexion überlebenswichtig ist, diese Lektion lernte der Familienvater bereits zu Beginn seiner Karriere. Neu im Geschäft, belastete plötzlich der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Europa auch die Unternehmer im beschaulichen Flöha. Die Garnlieferung steckte wegen verschärfter Grenz-Kontrollen fest.

Die Falkenauer exportieren inzwischen europaweit, nach Asien, Australien (laut Nico Mach: gering), Amerika (schwierig) sowie Südamerika (komplizierte Importbedingungen). 2016 spuckten die 35 gigantischen Wirkmaschinen in der 2100Quadratmeter großen Produktionshalle 1200 Tonnen Spitze aus. (Eine Angabe in Metern verfälscht wegen des Anteils an Elastan das Ergebnis.)

Erst vor einigen Monaten investierte das Textilunternehmen 1 Million Euro in zwei neue Wirkmaschinen des Marktführers Karl Mayer Obertshausen, deren Übernahme in die Produktion derzeit vorbereitet wird. Der Maschinenpark, betreut von knapp 50 Mitarbeitern - die Hälfte davon Frauen- läuft im Drei-Schicht-System. Die 2016er Bilanz: eine Umsatzsumme von 6,5 Millionen Euro.

Sieht Nico Mach auf Deutschland, wählt er kritische Worte: Man sei zu eingefahren. "Wir müssen lernen, dynamisch zu denken. Die Welt dreht sich immer schneller. Probleme werden häufiger weitergeschickt, als dass sie gelöst werden." Die Globalisierung finde statt, egal ob man dafür oder dagegen sei, so der Unternehmer. Deshalb setze er auf technische Textilien. Im zweiten Standbein mit der Firma Pressless sieht er das Wachstumspoten- zial für die nächsten Jahre. In diesem Unternehmen arbeiten die Mittelsachsen seit über zehn Jahren mit der Bodet & Horst GmbH & Co. KG Elterlein zusammen. Gemeinsam mit den Erzgebirgern, weltweit Dienstleister in der Matratzenindustrie, entwickeln und produzieren sie dreidimensionale Gewirke zum Abstand halten.

Nico Mach kämpft gegen Vorurteile, wohlwissend, dass die Textilindustrie nie das Image der Automobilindustrie erlangen werde, wie er sagt. Das Bild, das die Menschen gerade hier von diesem Industriezweig hätten, sei immer noch geprägt vom Schrecken der Arbeitslosigkeit mit dem großen Firmensterben der Nachwendezeit.

Doch im mittelständischen Textilunternehmen könne man sich heute als Persönlichkeit einbringen, wogegen der Arbeiter in der Automobilindustrie immer eine Nummer sein werde, sagt Nico Mach. Der textile Herstellungsprozess sei höchst kompliziert, selbstständiges Arbeiten gefordert. Wo überall Textilien drinsteckten, das wüssten wenige: Dass Rotorblätter eines Windrades beispielsweise aus textilverstärkten Kunststoffen bestünden oder der Airbus A 380 zu 50 Prozent mit textilverstärkten Leichtbaukomponenten konstruiert ist.

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