Schreibverbot für einen Problem-Redakteur

Am 21. August 1968 druckt die "Freie Presse" ein Extrablatt. Die SED-Führung wendet sich darin "an alle Bürgerinnen und Bürger der Deutschen Demokratischen Republik". Es ist ein Aufruf, den die staatliche Nachrichtenagentur ADN übermittelt. "Treu ergebene Persönlichkeiten der Partei und des Staates der ČSSR", so heißt es, hätten am 20. August "den Kampf zum Schutz der sozialistischen Staatsordnung gegen konterrevolutionäre Umtriebe" aufgenommen. Sie hätten sich mit der Bitte um militärische Hilfe an die sozialistischen Bruderstaaten Bulgarien, DDR, Polen, Ungarn und UdSSR gewandt. Diesem Ersuchen sei entsprochen worden.

Als das Extrablatt erscheint, steht Uwe Schneider mit seiner Verlobten auf dem Westbahnhof in Budapest. Der Sommer-urlaub einer Studentengruppe geht zu Ende, zehn Tage später wird der 24-Jährige seine Arbeit als Redakteur bei der "Freien Presse" in Karl-Marx-Stadt beginnen. Doch dieser 21. August 1968 verändert für ihn alles. Was danach geschieht, bietet Stoff für einen Roman. Nun, 50 Jahre später, wird die Geschichte zum ersten Mal erzählt. Uwe Schneider sitzt auf der Couch in seinem Eigenheim in Zwönitz, vor sich einen Ordner mit seiner Stasi- Akte. Die wird er später noch brauchen.

Im August 1968 herrscht Chaos in Budapest. Der Zugverkehr in die Tschechoslowakei und damit auch in die DDR ist eingestellt. Hunderte Urlauber aus der DDR sitzen fest - ihr knappes Geld ist aufgebraucht, Menschen verkaufen auf der Straße persönliche Gegenstände und Kleidung, um sich Essen besorgen zu können. "Kein Rotes Kreuz war da, es gab kein Wasser. Einige haben aus den Tanks der Lokomotiven getrunken", berichtet Schneider.

Der Ungarn-Aufenthalt der Studenten aus Zwönitz verlängert sich. Die DDR-Botschaft zahlt Geld aus; man drückt ihnen einen Stempel in den Personalausweis mit dem Hinweis, dass sie später alles zurückzahlen müssen. Nach zehn Tagen gelingt schließlich die Rückreise - in einem Zug, der über die Sowjetunion und Polen in die DDR fährt. In der Gruppe herrschen Wut und Resignation über die Niederschlagung der Reformbewegung in der Tschechoslowakei. Und Uwe Schneider beginnt zu zweifeln. "Bis dahin hatte ich noch die Hoffnung, der Sozialismus in der DDR könnte sich zu einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz wandeln", sagt er. "Doch nun war ich vollkommen desillusioniert." Dabei soll er künftig dem System dienen - als sozialistischer Journalist, als Funktionär der Partei der Arbeiterklasse.

Der gelernte Dreher hatte schon früh die Lust am Schreiben entdeckt. Im Messgerätewerk seiner Heimatstadt Zwönitz wird er Redakteur der Betriebszeitung, 1964 beginnt er ein Journalistik-Fernstudium in Leipzig. Um den Studienplatz zu bekommen, muss er in die SED eintreten. Als er vier Jahre später zum ersten Mal zur Arbeit ins Redaktionsgebäude der "Freien Presse" an der Brückenstraße in Karl-Marx-Stadt geht, weiß er: Geschrieben wird, was die Partei bestimmt.

Uwe Schneider wird als sogenannter Problem-Redakteur für Innenpolitik eingestellt. So heißen damals Journalisten, die bei der "Freien Presse" recherchieren und schreiben, während andere nur Texte redigieren. Schneider liefert Artikel aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt, schreibt über SED-Parteitage, Wahlen und vorbildliche Städte im Mach-mit-Wettbewerb. Nach einem Jahr wird er Sektionsleiter für Jugendthemen. Den Alltag in der Redaktion beschreibt er so: "Jeder versuchte, politisch den anderen zu übertreffen."

Über die Arbeit der "Freien Presse" wacht damals eine "ideologische Kommission". SED-Funktionäre lesen die Zeitung und ahnden "ideologische Verstöße". Schneider erfährt vom Schicksal eines Kollegen, der eine Seite mit humorvollen Beiträgen verantwortete. Bei einer Aktion, zu der Leser Schüttelreime einreichten, druckte er einen Vers mit dem Wortspiel "Zeichenlehrer" und "Leichenzehrer" ab. "Dieser Mann musste die Redaktion verlassen und in der Produktion arbeiten", erinnert sich der Zwönitzer. Die Anklage habe gelautet: "Herabwürdigung der sozialistischen Lehrerpersönlichkeit".

Zugleich greift die "Freie Presse" in ihrer Berichterstattung auch rigoros Funktionäre an, die nicht 100 Prozent auf SED-Linie sind. Uwe Schneider erlebt, wie mit einem Werkleiter in Karl-Marx-Stadt umgegangen wird, der die damalige Ulbricht-Parole "Überholen ohne einzuholen" infrage stellte: "Der wurde fix und fertig gemacht. Den habe ich später in der Nervenklinik wiedergetroffen." Schlimm sei es auch geworden, wenn die SED-Führung ihren Kurs änderte: "Kampagnen endeten plötzlich ohne eine Nachricht in der Zeitung." Und die Redakteure, die über Monate als Scharfmacher in eine Richtung aufgetreten waren, änderten von einem Tag auf den anderen ihre Argumentation: "Dann tat jeder so, als wäre das auch schon immer seine Meinung gewesen."

In diesem Klima beginnt der junge Erzgebirger, sich unter den Kollegen nach politisch Gleichgesinnten umzuschauen. Es entsteht eine Gruppe, zu deren engerem Kreis neben Schneider drei weitere Redakteure und zwei Volontäre gehören. "Wir haben uns offen ausgesprochen, haben Bücher ausgetauscht." Dazu zählten "Nachdenken über Christa T." von Christa Wolf, das in der DDR aus dem Handel genommen wurde, und der verbotene Roman "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" von Alexander Solschenizyn. Man traf sich zu politischen Gesprächen, alles blieb geheim. Doch jugendlicher Leichtsinn eines Mitglieds der Gruppe sollte Uwe Schneider zum Verhängnis werden.

"Eines schönen Tages im November 1971 bin ich verhört worden", berichtet er. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bei der "Freien Presse" bereits aufgehört zu arbeiten, war zurückgekehrt ins Messgerätewerk nach Zwönitz. "Meine innere Zerrissenheit führte dazu, dass ich Herzrhythmusstörungen bekam." Offiziell galt die lange Arbeitszeit samt Arbeitsweg von Zwönitz als Grund für sein Ausscheiden; sechs Wochen lang hatte man ihn in der Psychiatrie in Augustusburg behandelt.

An jenem Tag im November 1971 wird Uwe Schneider ins Rathaus von Zwönitz bestellt, in einen schalldichten Raum. "Verrat am Sozialismus" werfen ihm zwei Männer des Ministeriums für Staatssicherheit vor, einer schubst Schneider vom Stuhl. Sie haben Briefe mit, die Schneider an einen der Volontäre geschrieben hatte. Der junge Mann hatte bei der "Freien Presse" die mangelnde Pressefreiheit angeprangert, war entlassen worden und hatte sich in einem Betrieb in Plauen erneut kritisch über das SED-Regime geäußert. Als er daraufhin Probleme bekam, entschloss er sich spontan zur Flucht in den Westen. Er wurde gefasst, bei der Durchsuchung seiner Wohnung fand man Schneiders systemkritische Zeilen.

Tage nach dem ersten Verhör wird Uwe Schneider aus dem Messgerätewerk von der Stasi verschleppt und in eine Villa nach Karl-Marx-Stadt gebracht. Dort, so erzählt er, schlägt ihm ein Stasimann ins Gesicht, bis er blutet. Man will herausfinden, wer noch dabei war in der Gruppe. Doch er hält dicht. Nachts läuft er 35 Kilometer zurück nach Zwönitz - er hat kein Geld, weil man ihn ohne seine Brieftasche mitgenommen hatte.

Wegen staatsfeindlicher Handlungen wird Uwe Schneider im Dezember 1971 im Messgerätewerk fristlos entlassen. Er bekommt Schreibverbot. Texte über Heimatgeschichte, die er an die Redaktion einer Publikation des Kulturbundes schickt, bekommt er zurück, nichts wird gedruckt. Und beruflich muss er wieder ganz unten anfangen - als Pappenarbeiter im Zwönitzer Pressspanwerk.

Zugleich setzt eine jahrelange Überwachung ein. Anfang 1972 legt die Stasi den Operativen Vorgang "Journalist" an, bestätigt vom MfS-Bezirkschef persönlich. Zur Begründung heißt es in der Akte: "Schneider hat um sich eine Gruppe gleichgesinnter Personen geschaffen, die die Tendenzen von 1968 in der ČSSR für gutheißen."

Die Wohnung der Schneiders wird verwanzt, sogar das Schlafzimmer. Ein Stasimann sitzt in der Wohnung obendrüber und hört ab - wie im Film "Das Leben der Anderen". Wenn die Familie verreist, werden die Räume durchsucht. Insgesamt 25 Inoffizielle Mitarbeiter sind als Spitzel auf sie angesetzt. Schneiders Ehefrau erinnert sich: "Die haben uns Fallen gestellt." Man will die Familie zerstören, indem man versucht, dem Familienvater eine andere Frau ins Bett zu legen. All das erfährt Uwe Schneider erst nach der Wende, beim Lesen seiner mehrere hundert Seiten starken Stasiakte. Er sagt: "Was wir durchhaben, kannst du dir nicht vorstellen."

Sechs Jahre lang dauert die Überwachung, erst 1978 wird der "OV Journalist" geschlossen. Für das MfS bleibt die staatsfeindliche Zelle bis zum Ende ein Trio aus Schneider und den beiden Volontären der "Freien Presse". Die drei Redakteure bleiben unerkannt. Einer der Volontäre hat familiäre Beziehungen zu hohen SED-Kreisen, das rettet ihm den Kopf. Nur deshalb lässt das Regime auch die Anklage gegen Schneider fallen, der Dritte muss sich wegen Republikflucht verantworten.

Nach der Wende wird Uwe Schneider Bürgermeister von Zwönitz und tritt in die CDU ein. 18 Jahre lang, bis 2008 lenkt er die Geschicke der Stadt, sorgt dafür, dass Zwönitz in den damaligen Landkreis Stollberg zurückkommt. Das sichert der Stadt die Entwicklungsmöglichkeiten, etwa durch Eingemeindungen und rettet in der Zeit der Schulschließungen auch das Gymnasium. Zum Schreiben hat er zurückgefunden. 2016 veröffentlicht er die erste wissenschaftlich-fundierte Darstellung der Geschichte von Zwönitz.

Heute ist Uwe Schneider fast 75 Jahre alt und arbeitet unermüdlich weiter an seiner Stadtchronik. Im zweiten Teil geht es um die Geschichte ab 1945. Er hat hunderte Akten gesichtet, auch zum August 1968, als sowjetische Panzer die Gegend im Erzgebirge durchquerten. Persönlichen Groll gegenüber denjenigen, die ihn einst verfolgten und für das Berufsverbot sorgten, hat er keinen. Er holt seine Rehabilitationsbescheinigung hervor, die das Landesamt für Familie und Soziales 1999 ausstellte und sagt: "Die Menschen, die das System trugen, waren oft nicht böse. Sie waren Getriebene."

An der Rückseite seiner Schrankwand im Wohnzimmer hängt an einem Nagel noch immer ein Tonband mit der Aufnahme von Solschenizyns "Archipel Gulag". Die Stasi hat es nie gefunden.

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

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