So wehren Sie sich richtig

Vor allem Frauen trauen sich abends nicht mehr alleine auf die Straße. Anbieter von Selbstverteidigungskursen und Sicherheitstechnik wittern jetzt das große Geschäft. Manches hilft wirklich.

Mandy Schneider, Conny Scheffler und Kristin Dressel haben einige Dinge gemeinsam: Sie sind Mitte 30, nicht sonderlich groß - und wissen sich zu wehren. Mindestens einmal pro Woche trainieren sie Selbstverteidigung in der Kampfsport-Akademie Chemnitz. Sie wollen sich sicherer fühlen, wenn sie allein unterwegs sind. In eine brenzlige Situation sind sie zum Glück noch nie gekommen.

"Seit etwa zwei Jahren steigt die Nachfrage nach solchen Kursen", berichtet ihr Trainer Torsten Fischer. Er findet es sehr sinnvoll, wenn sich vor allem Frauen für ihre eigene Sicherheit fit machen und effektive Abwehrtechniken erlernen, die mit relativ wenig Krafteinsatz auskommen. "Dafür gibt es auch keine Altersgrenze. Wir haben Frauen bis 70 in unseren Kursen - und Kinder ab drei", sagt er. Allerdings sei ein regelmäßiges Training unerlässlich. "Ein Crashkurs reicht nicht", so Fischer. Die Techniken müssten so lange geübt werden, bis sie reflexartig ausgeführt werden können. Denn: "Zeit zum Überlegen gibt es bei Übergriffen meist nicht."

Viele Frauen haben Angst, abends allein unterwegs zu sein. Nicht zu Unrecht: Die Gewaltkriminalität hat auch in Sachsen zugenommen. 2016 wurden rund zehn Prozent mehr Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und gegen die persönliche Freiheit - so die offizielle Bezeichnung in der Kriminalstatistik der Polizei - angezeigt, teilt das Sächsische Innenministerium mit. Frauen sind vor allem deshalb gefährdet, weil sie ihren Angreifern meist kräftemäßig unterlegen sind.Doch ihre Position lässt sich durch das Training verbessern. Fischer bildet Interessierte im Kontaktkampf Krav maga aus, der zur Selbstverteidigung bestens geeignet sei, wie er sagt. Prinzip dieser Technik ist es, Abstand zwischen sich selbst und den Angreifer zu bringen und sich einen Zeitvorteil für eine Flucht zu verschaffen. Als Hilfsmittel eigne sich alles, was man bei sich trägt - vom Schlüsselbund über ein Buch oder den Kugelschreiber bis hin zur Sporttasche. "Und das trainieren wir auch." Von Reizgas und Schreckschusswaffen rät er ab, denn auch deren Einsatz müsse man üben. "Sie nur in der Tasche zu haben, nützt nichts", sagt Fischer.

Beim Training werden konkrete Situationen durchgespielt - eine versuchte Vergewaltigung, eine Messerattacke, die Bedrängung in Menschenansammlungen, zum Beispiel auf Festivals. Doch das Wichtigste sei eine gute Grundfitness, betont der Trainer. "Sie ist die Voraussetzung, um schnell weglaufen zu können." Deeskalation ist die Selbstverteidigungsstrategie Nummer eins: das heißt, gefährliche Situationen schnellstmöglich zu verlassen.

"Mein Herz rast zwar immer noch, wenn mir eine Gruppe Männer entgegenkommt, aber ich trete jetzt viel sicherer auf", bestätigt Mandy Schneider. Conny Scheffler ist alleinerziehend und nach eigener Aussage nun in der Lage, ihr Kind und sich selbst zu schützen. Auch Kristin Dressel fühlt sich für abendliche Heimwege besser gewappnet. Vor allem ist es aber die Freude an diesem Sport, die sie antreibt. Seit zwei Jahren trainiert sie dreimal pro Woche und beherrscht die Techniken inzwischen praktisch im Schlaf.

Polizeihauptkommissar Frank Arnold, der die kriminalpolizeiliche Beratungsstelle in Chemnitz leitet, hält dagegen nicht viel von Selbstverteidigungskursen. "Die Angebote sind nicht zertifiziert. Es gibt keine Sicherheit, dass man dort das Richtige lernt", sagt er. Um Angreifern wirklich etwas entgegensetzen zu können, müsse man regelmäßig trainieren - und das seien schon Voraussetzungen, wie sie für eine Polizistenausbildung gelten.Auch ohne Nahkampfausbildung könnten sich Frauen schützen: "In erster Linie durch selbstsicheres Auftreten und das Vermeiden von gefährlichen Situationen." Denn Angreifer wählten sich ihre Opfer bewusst aus. "Sie wollen kein unnötiges Risiko eingehen und richten ihre Aggression eher gegen ängstlich wirkende Passanten, die allein unterwegs sind", sagt er. Hochgezogene Schultern und ein nach unten gerichteter Blick seien Anzeichen dafür. Gefährlichen Situationen aus dem Weg zu gehen, sei nicht zuletzt eine Frage der Vorbereitung. "Wer abends eine Veranstaltung besucht oder in ein Restaurant geht, sollte bereits seinen Heimweg planen", sagt er. Folgende Fragen seien wichtig: Wie weit ist es zur Haltestelle? Wie lange muss ich dort warten? Ist der Weg videoüberwacht? Gibt es vielleicht einen sichereren Weg? Am sichersten sei man in der Gruppe und auf hell beleuchteten Straßen. Denn Angreifer meiden nicht nur unnötige Risiken oder mögliche Gegenwehr, sie wollen auch nicht erkannt werden. Deshalb scheuten viele vor allem videoüberwachte Bereiche. Solche Areale sind mit Piktogrammen oder Hinweisschildern gekennzeichnet.

"Ich wundere mich immer über Eltern, für die es selbstverständlich ist, ihre jugendlichen Kinder von überallher und selbst mitten in der Nacht abzuholen. Müssen sie aber selbst abends spät allein nach Hause, ist ihnen das Geld für eine sichere Fahrt mit dem Taxi zu schade."

Auch Torsten Fischer schult seine Sportlerinnen, ihre Umgebung auf mögliche Gefahren zu scannen. "Wenn ich eine Treppe hinuntergehen will, schaue ich, ob dort jemand herumsteht oder mir gar folgt." Dann sei es besser, einen anderen Weg zu nehmen und sich unter Menschen zu mischen. In der Disco empfiehlt er, sich einen Platz nah am Ausgang zu suchen - keine Ecke, in der man wehrlos sei.

"Verfolgt mich jemand, und ich bin sonst allein auf der Straße, ist es der größte Fehler, so zu tun, als hätte ich ihn nicht bemerkt, zugleich aber immer schneller zu werden. Das stachelt nur an", sagt er. Besser sei es, sich umzudrehen, dem potenziellen Angreifer ins Gesicht zu schauen und die Gefährdungslage einzuschätzen: "Wo sind seine Hände? Könnte er ein Messer haben? Wie kräftig wirkt er?"

Vielleicht ist in der Nähe ein Restaurant oder ein Geschäft, in das man flüchten kann. "Aber bitte keinen einsamen Hausflur, das macht es dem Angreifer nur einfacher!" Ist ein Entkommen nicht möglich, sollte man sich eine Strategie überlegen. "Welche Hilfsmittel habe ich - Schlüssel, Kugelschreiber, große Handtasche? Kann ich andere Menschen alarmieren?" In diesem Fall empfiehlt der Trainer, laut zu schreien - aber besser "Feuer" als "Hilfe". Sehr nützlich seien Taschenalarme, die wirklich sehr viel Lärm machten und Anwohner aufschreckten. Will man Passanten um Hilfe bitten, rät Fischer, sie direkt anzusprechen, zum Beispiel "Sie da, mit der roten Jacke, rufen Sie die Polizei!" Auch solche taktischen Fragen seien Teil des Trainings.

Einen guten Anbieter zu finden, sei aber schwer, sagt Torsten Fischer. Denn weder die Einrichtungen noch die Kurse und die Trainer würden zertifiziert. Auch er kritisiert den Wildwuchs in der Branche. Manche Kampfsportler sehen in der wachsenden Unsicherheit gute Einnahmequellen, ohne die Voraussetzungen dafür zu haben. Aus seiner Sicht müsste staatlicherseits mehr auf Qualität geachtet werden, indem sich Kursanbieter einer Überprüfung unterziehen müssen. Die Mitgliedschaft in einer Kampfsport-Akademie ist etwa so teuer wie für ein gutes Fitnessstudio. "Je nach Trainingshäufigkeit kostet das ab 40 Euro pro Monat", sagt Torsten Fischer.

Selbstverteidigung vom Fachhändler: Frei verkäuflich und trotzdem nicht ungefährlich

Der Besitz von Hilfsmitteln zum Selbstschutz kann zwar das eigene Sicherheitsgefühl verbessern, doch es senkt auch die Hemmschwelle, diese Mittel zweckentfremdet einzusetzen. Und das könne strafbar sein, sagt Ralph P. Görlach, Geschäftsführer eines Versandunternehmens für Sicherheitstechnik. Folgende Hilfsmittel gibt es:

Pfefferschaum ist in Deutschland nur zur Tierabwehr erlaubt. Er trifft zielgerichteter als Spray und lässt sich auch nicht einfach von der Kleidung oder Haut entfernen. Die Reizung der Augen erschwert das Sehen und verschafft dem Angegriffenen Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Kosten: 25 Euro.

Der Kubotan ist ein Minischlagstock in Größe eines Stifts. Er ist so geformt, dass er gut in der Hand gehalten werden kann und außerdem eine hohe Kraftübertragung auf einen kleinen Punkt erlaubt. Alternativ eignet sich ein Kugelschreiber oder ein Schlüssel, doch sind diese nicht so haltbar. Kosten: rund 7 Euro

Elektroschocker können zu lebensbedrohlichen Verletzungen durch Strom- schläge führen. Das Gerät kann aber nur in Nahdistanz eingesetzt werden. Kosten: etwa 70 Euro.

Der Schlüsselalarm macht Passanten auf eine Notlage aufmerksam. Geeignet ist das Hilfsmittel besonders, wenn die eigene Stimme nicht so kräftig ist. Kosten: 14 Euro.

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