Teil 15: Unterwegs werden keine Gefangenen gemacht

Eichigt/Krebes. Eichigt ist nicht nur Etappenort für Wanderer des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland. Im vogtländischen Dörfchen haben schon ganz andere Gesellen genächtigt: Während der Napoleonischen Befreiungskriege, im Juni 1813, kampierte Lützows Freikorps dort.

Lützow selbst kam wohl im Pfarrhaus unter. Sein Adjutant, der Dichter Theodor Körner, nächtigte im Biwak bei einer Linde, die heute noch steht. "Seit dem 29. Mai bin ich nicht vom Pferde gekommen, habe nur reitend geschlafen und mit eigenen Händen einige Gefangene gemacht," schrieb Körner aus Eichigt an eine huldvolle Dame. "Trotz dieser ungeheuren Anstrengung bin ich stark und munter und freue mich der Verwegenheit dieses Lebens." Nun, da kann ich mich mit dem Dichter kaum messen.

Ich bin nicht zu Pferde die bisher 233 Kammweg-Kilometer bis Eichigt gekommen, sondern auf Schusters Rappen. Der Verwegenheit meines Lebens freue ich mich schon. Aber: Wenn ich wandere, werden keine Gefangenen gemacht.

Durchs Besentanz-WM-Dorf

Die 15. Etappe führt mich heute auf 21 Kilometern von Eichigt hinüber ins Burgsteingebiet. Zunächst geht es nach Tiefenbrunn. Unweit liegt die Stelle, an der sich vor 21 Jahren drei Staaten trafen: BRD, DDR, Tschechien. Heute müssen schon zwei Freistaaten herhalten, damit sich der Ort noch Dreiländereck nennen darf. Weit schweift der Blick nach Süden. Am Horizont ragt ein Berg auf, den ich von frühester Kindheit an kenne. In den Testbildern, die das Westfernsehen außerhalb der Sendezeiten über die Grenze strahlte, stand der Name des Senders, der auf diesem Berg platziert war: Ochsenkopf.

Der Kammweg führt durch typisches vogtländisches Hügelland. Fichtenwald, Wiesen, Felder wechseln sich ab. Dann und wann ein verstecktes Häuschen. Wanderer treffe ich keine und auch sonst nicht viel als Einsamkeit. Bis zum ersten richtigen Dörfchen bin ich schon zehn Kilometer unterwegs. Bobenneukirchen liegt im Tal. Zu bieten hat das Dorf einen Gasthof, in dem alljährlich Weltmeisterschaften im Besentanz ausgetragen werden. Was als Gag begann - in den 1970er-Jahren hatte sich ein Bobenneukirchener mangels Tanzpartnerin einfach einen Besen geschnappt - ist heute Kirmes-Tradition. Sonst scheint in Bobenneukirchen alles normal, und es führt auch niemand sein Kehrgerät zum Nachmittagsspaziergang.


Autobahn rauscht, Zeit steht

Hat der Gasthof geschlossen, kann der Wanderer am verträumten Dorfteich ausruhen. Dann folgt die Talsperre Dröda mit ihren Vorsperren. Nach einigem Auf und Ab nähert sich der Weg der Autobahn A72 Chemnitz-Hof. Unterhalb der Heinersdorfer Kirche höre ich die Autos ein wenig rauschen, doch in einem Streifen von zwei-, dreihundert Metern links und rechts des grauen Bandes ist dessen Lärmkulisse nur schwer zu ertragen. Also schnell weiter. Das Ziel ist nicht mehr weit. Und der Kilometer vom Weiler Schwarzenreuth bis zum Wanderparkplatz an den Burgsteinruinen zählt zu den schönsten Abschnitten überhaupt: Ein wilder Pfad über dicht bewachsene Diabasfelsen.

Nach links geht es dann zur Aussicht "Vordere Platte". Ich lasse mich auf die Bank niedersinken und schaue auf Krebes. Dort hatte sich der vogtländische Zeichner Hermann Vogel (1854-1921) ein Häuschen bauen lassen. Ein Mann, der Märchen verschmitzt illustrierte und außerordentlich erfolgreich war, der aber die heraufziehende Technisierung verabscheute. Züge waren ihm ein Graus, berichtet Manuela Anders, die heute das zum Museum umfunktionierte Haus ehrenamtlich mit hütet.

Als in Dresden das Blaue Wunder und die Bergbahn zum Weißen Hirsch entstanden, gab Vogel seinen dortigen Wohnsitz ganz auf und zog sich ins Burgsteingebiet zurück. Ich blicke hinunter aufs Dorf und denke, der in sich ruhende Illustrator Vogel ist mir doch näher als der rastlos kämpfende Dichter Körner. Gefangene habe ich wieder nicht gemacht. Im Gegenteil. Ich fühle mich eingefangen, vom Zauber dieses Landstrichs, in dem die Zeit trotz der Autobahn stehen geblieben scheint.


Die touristischen Höhepunkte der 15. Etappe

Die Talsperre Dröda mit ihren Vorsperren dient der Trinkwasserversorgung und dem Hochwasserschutz. Sie entstand Ende der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre. Der Kammweg führt am Ufer der Vorsperre Bobenneukirchen sowie ein Stück am östlichen Arm der Talsperre entlang und quert die Vorsperre Ramoldsreuth auf dem Staudamm.

Die Kirche St. Clara ist das Wahrzeichen von Heinersgrün und erhebt sich weithin sichtbar auf einem Hügel. Sie wurde um das 12./13. Jahrhundert erbaut.

Das Hermann-Vogel-Haus in Krebes beherbergt neben einer Ferienwohnung eine Ausstellung über den vogtländischen Zeichner und Illustrator, der mit seinem feinen Sinn für Ironie und Technikkritik noch heute beeindruckt. Das Museum ist donnerstags bis sonntags von 10 bis 12 und von 13 bis 16.30 Uhr geöffnet.

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