Teil 16: Im Schatten von Mythen, Legenden und Mauern

Krebes/Mödlareuth. Bin ich ein Energiefeldtourist? Frage ich mich, als ich im Schatten der Burgsteinruinen stehe und ihrer Anmut erliege. Energiefeldtouristen. Das Wort habe ich gestern bei Uwe Groh aufgeschnappt. Der Wirt des Gasthofs Ruderitz nennt Besucher so, die übersinnliche Erfahrungen am Burgstein suchen - oder machen.

Der Name der Gemäuer am Start der 16. Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland führt in die Irre. Mit einer Burg hat der Stein nichts zu tun. Auf dem Fels bei Krebes standen einst zwei Wallfahrtskirchen. Auch nach deren Verfall zog der Ort Menschen magisch an. Bis heute.

Den Plauener Groh selbst hat es alle paar Tage zum Burgstein gezogen. Oft wie zufällig. Als hätte das Gemäuer ein unsichtbares Spinnennetz gewoben und ihn eingefangen.

Schließlich kauften er und seine Frau den damals arg eingefallenen Gasthof, einen Kilometer von den Ruinen entfernt. 2006 war Eröffnung. "Seitdem", sagt Uwe Groh, "war ich nur noch ein-, zweimal bei den Ruinen oben". Als bedürfe der Burgstein, da er Groh nun materiell an sich gebunden hat, seine magische Kraft für den Wirt nicht mehr und spare sich diese Kraft für andere Menschen auf.


Kein Auge zugedrückt

Für mich? Schweren Herzens gehe ich los. Am Ziel in 15 Kilometern warten ganz andere Mauern. Die alles versprühen, nur keine Idylle. Erst bleibt es romantisch. Die historische Kienmühle wird von Familie Tröger gehegt. Wasserrad und Mühlstein sind erhalten. Wanderer laben sich an einer hübschen Quelle. Für all das hat Manfred Tröger kürzlich einen Preis der Gemeinde erhalten.

Wild ist das Kemnitztal. Ein Geheimtipp. Jahrzehntelang war es kein Tipp, sondern wirklich geheim. Das Sperrgebiet an der Grenze zum Westen umfasste auch den Burgstein. 1400 Kilometer war die Grenze lang. Bei fünf Kilometern Breite hieß das: Ein Gebiet, größer als der Bezirk Karl-Marx-Stadt, enthielt die DDR den meisten ihrer Bewohner vor. Manuela Anders, Pensionswirtin in Großzöbern, die einen Sperrgebietsbewohner geheiratet hat, schildert mir ihren damaligen Alltag. "Besucher mussten sich sechs Wochen vorher anmelden." Da gab es kein Pardon. Auch nicht für die Handwerker, die ihr Haus bauten und wochenlang täglich die Kontrollstelle passierten. Als sich der Bau verzögerte, die Genehmigung aber abgelaufen war, drückte kein Kontrolleur ein Auge zu. Den Schleichweg für die Handwerker kannten auch die Grenzschützer. Der Versuch, an ihnen vorbei Handwerker zur Baustelle zu lotsen, endet mit Vorladung und Geldstrafe.


Heu auf der Autobahn getrocknet

In Gutenfürst passiere ich den einzigen Grenzbahnhof. Meinen Stiefvater, der einmal auf dem Heimweg von der Arbeit nach einer Doppelschicht im D-Zug Rostock-München eingeschlafen war und sowohl Reichenbach als auch Plauen verpasst hatte, holten die Grenzer hier unsanft aus dem Zug. Zwei Tage dauerte das Verhör in Chemnitz.

Die andere Seite der Teilung: Die Ruhe entlang der Grenze. "Auf der Autobahn haben wir damals Heu gemacht", erzählt Anders. Bei Grobau erreicht der Kammweg das grüne Band. Einst Todeszone für Menschen, heute Lebensader für Flora und Fauna. Das weiß-blau-weiße Zeichen folgt dem einstigen Kolonnenweg, auf dem die Grenzer patrouillierten. In Mödlareuth schließlich offenbart die Geschichte ihre ganze Absurdität. Der Zufall teilte das winzige Dorf zwei Fürsten zu. Der Tannbach, mehr oder weniger ein Rinnsal, markierte die Grenze. Eine Grenze, ohne Bedeutung. Bis die DDR an diesem Bach entlang erst eine Bretterwand und dann einen Stacheldrahtzaun und schließlich eine Beton-Mauer bauen ließ.

Als ich das Dorf erreiche, herrscht Hochbetrieb. 50 Jahre Mauerbau, das historische Datum - gibt es ein negatives Wort für Jubiläum ? - hat das Thema ins Bewusstsein geholt. Ich frage mich, was von diesem absurden Stück weiße Mauer in 500 Jahren noch steht, wenn sie so alt ist wie die Burgsteinruinen heute sind. Schwer vorstellbar jedenfalls, dass Energiefeldtouristen dann von diesem Beton mit übersinnlichen Botschaften versorgt werden.


Die touristischen Höhepunkte der 16. Etappe

Die Burgstein-Ruinen: Nach einer Marienerscheinung und einem entsprechenden Pilgerstrom entstand im 15. Jahrhundert die erste der Wallfahrtskirchen, bald darauf wurde auch die zweite Kirche gebaut. Nach der Reformation ließen die sächsischen Herrscher die katholische Wallfahrtspraxis unterbinden, die Kirchen verfielen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich Ausflugstourismus, der mit der Ausweitung der Sperrzone entlang der innerdeutschen Grenze erstarb. In den 1990er-Jahren wurden die Ruinen restauriert, die Gemäuer selbst sind heute nur von außen zu begutachten.

Deutsch-deutsches Museum Mödlareuth: Das Museum zeigt die Teilung Deutschlands anhand des durch eine Mauer getrennten Dorfes. Teile der Mauer sind erhalten. Öffnungszeiten: täglich außer montags ab 9 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene drei Euro.

 

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