Teil 17: Ein Schluss-Spurt an der Saale hellem Strande

Mödlareuth/Blankenstein. Kaum zu glauben, dass es schon so weit ist. Am Ende dieser Etappe liegt der gesamte Kammweg Erzgebirge-Vogtland hinter mir: Genau 289 Kilometer und ein paar Schritte habe ich dann in den Beinen. Durch sechs Landkreise und drei Bundesländer bin ich dann gekommen. Habe sieben Bundesstraßen, fünf Eisenbahnlinien gekreuzt - und ungezählte Male war mir, als hörte ich Fuchs und Hase einander schon mitten am Tag Gute Nacht wünschen.

Doch für Triumphe ist es zu früh. Der letzte, knapp 22 Kilometer lange Abschnitt von Mödlareuth nach Blankenstein in Thüringen mit kurzem Abstecher hinüber nach Bayern hat es noch einmal in sich. Was die Kondition, aber auch die zahlreichen Reize betrifft. Die 17.Etappe windet sich vor allem entlang der Saale hellem Strande, bietet immer wieder grandiose Felskulissen. Zum Glück hat sich die Sonne noch einmal des Sommers besonnen. Sonst könnte ich die Schweißperlen, die sich alsbald auf meiner Stirn bilden, gar nicht auf die Temperaturen schieben. Sondern müsste zugeben, dass diese als mittelschwer charakterisierte Etappe einigermaßen schlaucht.

Von Mödlareuth aus geht es wie immer westwärts. Die blau-weiße Kammweg-Markierung führt mich ein Stückchen entlang des nun schon etwas bräunlichen, fast unscheinbaren Zauns, der früher nicht Thüringen von Bayern trennte, sondern die DDR von der BRD abschottete.


Ein Zaun made in Germany

Davor ein zehn Meter breiter Streifen, auf dem jemand sehr genau Unkraut jätet. Noch immer. "So sah das früher aus", wird mir Ralf Kalich, der Bürgermeister von Blankenstein, später erklären. "Nur war der Zaun damals nicht so verrostet. Das war feuerverzinkter Kruppstahl." Wie bitte? "Die Materialien für die Grenzanlagen hat die DDR fast alle im Westen gekauft." Kalich sollte das wissen. Er verhehlt nicht, dass er selbst einst an der Grenze als Offizier diente. Bis er, wie er erzählt, politisch in Ungnade fiel. Dann hieß es für ihn: zurück in die Etappe - wie im Militärwesen rückwärtige Dienste hinter den eigentlichen Linien zu Kaisers Zeiten genannt wurden.

Der Weg führt fast immer direkt an der Grenze entlang. Mal auf dem alten Kolonnenweg der Grenzschützer, mal auf Pfaden durch Wald und Unterholz. Nach etwas über einer Stunde Wegstrecke schimmert die Saale zum ersten Mal durch die Bäume. Das Gewässer scheint äußerst träge. Anders als die Menschen: Die haben überall zu werkeln, den Rasen zu mähen, Holz für den Winter zusammen zu sägen. Großflächige Teppiche blühender Erika künden bereits vom bevorstehenden Herbst.

Es geht auf und ab. Bänke laden zur Rast ein. Auf einer davon, der "Saalebänk", können angeblich fast 100 Menschen nebeneinandersitzen. Die 30 Meter lange Bank kurz vor Hirschberg ist aus einem Stamm gezimmert und stand sogar mal im Guinness-Buch. Überragt wird das winzig anmutende Hirschberg von einem Schloss. Es gibt auch ein Gerbereimuseum. Das Museum und eine ein Dutzend Hektar große Brachfläche mitten in der Stadt sind die einzigen Zeugnisse der Lederindustrie, die nach der Wiedervereinigung untergegangen ist.


Bienenstich und Wespen

Vier Kilometer weiter unterquere ich die Autobahn Berlin-München. Die Brücke besteht aus einem historischen und einem neuen Teil, der beim sechsspurigen Ausbau der Strecke entstanden ist. Nun sind es noch genau neun Kilometer. Hinter Sparnberg führt mich der Weg über die Saale - und damit nach Bayern. Im gemütlichen Biergarten am Kellerhaus in Rudolphstein versuche ich mich am Kunststück, den selbst gebackenen Bienenstich zu genießen und gleichzeitig einen Stich der angelockten Wespen zu verhindern. Dann geht's wieder hinab nach Thüringen.

An Saalbach erinnert eine Informationstafel. Wie so viele im Grenzgebiet wurde das Dorf komplett geschliffen. Wieder führt der Kammweg hinauf auf den Höhenrücken. Ob von der extra installierten Stahlkonstruktion bei Pottiga, von der Bastei, dem Hochzeitskorb oder dem Drei-Länder-Blick bei Blankenberg - überall genieße ich den Blick ins Saaletal. Das Ziel ist längst anvisiert. Blankenstein. Bekannt, weil dort der Rennsteig beginnt. Das "R" ist ins Pflaster eingelassen und überall im Dorf präsent. Dass der Kammweg in Blankenstein endet, davon wird im Dorf, das sich Wanderdrehkreuz nennt, nicht viel Aufhebens gemacht. Warum sollte ich also von meiner Ankunft viel Aufhebens machen?


Die touristischen Höhepunkte der 17. Etappe

Das Museum für Gerberei- und Stadtgeschichte Hirschberg erzählt die Geschichte eines der größten Lederherstellungsunternehmens in Europa. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten dort bis zu 1500 Menschen, zu DDR-Zeiten noch 900. 1992 ging der Betrieb in Konkurs. Die Stadt Hirschberg kaufte das Firmenarchiv und richtete das Museum ein. Öffnungszeiten: Dienstags, mittwochs und donnerstags 10 bis 16 Uhr, sonntags 14 bis 17 Uhr.

Die Burgruine Blankenberg ist nur wenige Schritte abseits des Kammwegs zu finden. 1192 und 1232 waren Ort und Veste erstmals erwähnt worden. Die Burg auf einem Bergsporn hoch über der Saale besaß große Bedeutung, Besitzer waren unter anderem Grafen von Schwarzburg, von Meißen und die böhmische Krone. 1948 sprengte die Rote Armee die Burg. Heute versuchen Gemeinde und Helfer, die Reste zu konservieren und herzurichten.

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