Teil 5: In der Natur führt oft erst der Umweg zum Ziel

Olbernhau/Kühnhaide. Als ich loslaufen will, werfen eben die Biker aus Bayern ihre Maschinen an - und so noch schlummernde Hotelgäste aus den Federn. Die "Goaßhenker", wie sie sich nennen, haben die Sai-gerhütte Olbernhau-Grünthal zum Domizil für den Kurzurlaub erkoren. Das Ensemble aus technischem Denkmal, Museum, Hotel, Läden und Kinderspielwelt ist eine Entdeckung, die viel zu wenig Menschen machen.

Um die 10.000 im Jahr. Vielleicht ändert sich das, wenn das Erzgebirge zum Welterbe aufsteigt. Die Hütte steht auf der Liste der Montanregion. Das Areal macht Lust auf eine ausgedehnte Stippvisite. Doch die heutige fünfte Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland ist 20 Kilometer lang. Ich mag nicht trödeln.

Picknick im Vorgarten

Gestern Abend boten die Biker noch halb im Scherz an, mich ein Stückchen mitzunehmen. Später wird der Kammweg einen Haken nach dem anderen schlagen, als sei er ein Karnickel auf der Flucht. Könnte man nicht quer durch Rübenau statt außen herum? Dort gleich rechts gen Kühnhain statt erst links ins Tal?

Es bleibt beim Gedanken. Schummeln ist nicht. Beim Kammweg führt manchmal nur der Umweg zum Ziel. Das heißt: Sich fallen und die Gedanken in Ruhe lassen. Stetig geht es bergan. Ich genieße den Blick vom Stößerfelsen. Höre, wie durchs Tal der Natzschung Oldtimer einer Rallye brummen. Im Buch "MZ-Geschichten" der Reihe "Kleine Trompeterbücher las ich einst über Hugo Ruppe, den Kfz-Pionier, dessen Zweitaktmotoren einst den Ruhm der Zschopauer Marke DKW begründeten. Wie ich darüber sinniere, ist schon Rübenau erreicht.

Wer ein Plätzchen fürs Picknick sucht, dem sei der Hammerweg 29 empfohlen. Nebenan schlug Karosseriebauer Heinz Reichl vor Jahren eine neue Halle in den Hang. Wohin mit den übrigen Felsbrocken? Reichl bugsierte sie in seinen Vorgarten. Gestaltete eine Sitzecke, mit Blumen und Vögelchen aus Ton. Ein Schild lädt ein: "Wanderer, hier ruh' dich aus, blicke weit ins Tal hinaus, schaue über Bergeshöhn, und denk: Heimat, wie bist du schön."


Gedicht vom Nagelschmied

Das Gedicht stammt vom einstigen Rübenauer Nagelschmied Roland Freier. Der wohnte Richtung Lochmühle. In Reichls Vorgarten passen die Zeilen so gut, als hätte Freier sie eben dort ersonnen. Oft zücken Wanderer den Fotoapparat, lassen sich nieder auf einen Schwatz mit Reichls Gattin Lisa.

Der Weg führt weiter übers Feld, dann in den Wald. Den Fichten sieht man gelegentlich noch die Mikado-Partie an, die der vergangene Winter mit ihnen spielte. Es ist ihm schnell langweilig geworden. Aufräumen darf jedenfalls der Forst. Mit großem Gerät, das sich tief in die Waldwege frisst.

Frage an die Kröte

Aber was will man sonst machen? Ich frage die dicke Kröte, mit der ich mich am Lehmheider Teich anfreunde. Die Kröte weiß auch keine Antwort. Oder behält sie für sich. Wieder schlägt der Weg Haken. Ich folge dem "Kamm"-Zeichen. Auf dem freien Feld ist es groß genug, dass ich es aus 500 Metern Entfernung deutlich erkenne. Weil die Sonne nach dem Gewitter der Landschaft einen dunstigen Schleier vor das Antlitz hält, wirken die violetten Bergwiesen beinahe unwirklich.

Das letzte Stück der Etappe läuft an der Grenze zu Tschechien entlang, geradewegs nach Kühnhaide. Den letzten Haken, hinüber nach Böhmen und hoch auf den Lauschhübel (842 Meter), den schlägt der Weg nicht mehr. Das liegt unter anderem daran, wird mir später Ronny Schwarz vom Tourismusverband Erzgebirge erklären, dass Förderinstitutionen manchmal auch Haken schlagen: Nämlich wenn ihr Förderobjekt das Sächsische verlässt. Manchmal ist eben auch für die Bürokratie der Weg das Ziel.


Die touristischen Höhepunkte der fünften Etappe

Das Museum Saigerhütte Olbernhau Grünthal mit dem Kupferhammer ist ein absolut sehenswertes Zeugnis der Buntmetallurgie. Das Areal besteht aus rund einem Dutzend historischen Gebäuden. Es gibt ein voll funktionstüchtiges Hammerwerk, die Freianlage "Lange Hütte" mit Öfen und Herden, die historische Hüttenschule mit Münzpräge, Hüttentöpferei und Hüttenladen, des weiteren das Seiferthäuschen, ein Arbeiterwohnhaus mit Spinnstube. Kupferhammer und Museum sind dienstags bis sonntags und an Feiertagen ab 9.30 Uhr geöffnet. Es gibt Führungen. Eintritt: Je nach Ausstellung für Erwachsene zwischen 2 und 4 Euro. Ermäßigungen sind möglich.

Der Heilpflanzen- und Kräuterlehrpfad Rübenau ist vier Kilometer lang und führt durch besonders artenreiche Bergwiesen.

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