Teil 6: Der Himmel so blau, als wäre er zum Greifen nah

Kühnhaide/Satzung. An der Stelle, wo die sechste Etappe des Kammwegs Erzgebirge-Vogtland beginnt, ist in der Wanderkarte ein kleiner roter Strich eingezeichnet. Daran steht "80". Mir fällt es auf, bevor ich diese Etappe unter die Füße nehme. Ich blicke in die Legende: Die roten Strichchen sind virtuelle Meilensteine. Von 289 Kammwegskilometern habe ich also 80 hinter mich gebracht. Darf ich mich bereits guten Gewissens Fernwanderer nennen?

Die sechste Etappe ist 14 Kilometer lang und damit, sagt die Wegbeschreibung des Tourismusverbands, "mittelschwer". Der Verband schlägt in seinem Wanderführer deshalb ausdauernden Wanderern den Umweg über Pobershau vor. Mit Schwarzwassertal und Katzenstein lohnt sich dieser Umweg in der Tat.

Ich aber verfolge stur das weiße Viereck mit blauem Strich und blauen Buchstaben. Oder hat diese Wegmarkierung den Spieß umgedreht und verfolgt jetzt mich? Letztens vermeinte ich, das Zeichen an einer Häuserecke zu entdecken. Mein Unterbewusstsein merkte schon auf - als mir mein Bewusstsein mitteilte, dass ich gerade eine englische Serie im Fernsehen schaute.

Raffiniert reguliert

Von Kühnhaide führt das Zeichen zunächst am Grünen Graben entlang. Parallel zur Schwarzen Pockau. Eine Tafel, deren Farbe langsam verblasst, klärt die Wanderer auf.

Der Graben leitete "Betriebswasser" zu "Kunstgezeugen" und "Aufbereitungsanlagen" in Pobershau. Das ausgeklügelte Bergbau-System ist mehr als 300 Jahre alt. Nach wie vor lässt sich der Wasserstand im Graben regulieren. Teiche sorgen für Nachschub.

Was zu viel vom Berg kommt, das leiten Überlaufkanäle hinunter in die Schwarze Pockau ab. Als der Weg sich vom Graben wendet, lege ich eine Rast ein. Wer weiß, ob wir nicht das jahrhundertealte Wissen um die Nutzung solcher Kräfte noch einmal gut gebrauchen können, wenn das Öl erst aufgebraucht und die Energie wieder etwas Wertvolles ist?

Dann begegnen mir die ersten echten Kammweg-Wanderer der Tour. Ein Paar aus Dresden. Genau genommen laufen sie falsch herum: Sind in Muldenberg gestartet und kämpfen sich nun zum Anfang durch, bis Geising. Noch etwas mehr als 80 Kilometer. Um zu einem Urteil zu gelangen, brauchen sie diesen Rest nicht mehr. Beide sind begeistert. Und sicher, dass der Weg noch viele begeistern wird. Es hilft natürlich, wenn die Sonne scheint. Ein laues Lüftchen weht. Und Kuckuck, Eichelhäher und Lerche zum Konzert bitten. Oder ist es die Nachtigall? Die Percussion hat jedenfalls der Specht übernommen, da bin ich mir sicher.


Immer dem Ufo-Pfad folgen

Auf Pfaden, die beschwingt federn, geleitet mich der Kammweg zum Moorlehrpfad Stengelheide. Eine Landschaft, die mit ihren Birken wirkt wie die sibirische Taiga. "Alles außer Bären", hat sich die Dresdner Werbeagentur als Slogan für den Kammweg ausgedacht.

Vor Meister Petz habe ich also in der erzgebirgischen Taiga nichts zu befürchten. Aber wie sieht es mit Tigern aus? Vorsichtig spähe ich durch die Bäume. Doch von irgendwelchen Raubkatzen ist auf den Info-Tafeln des Lehrpfads nicht die Rede.

Am Rande Reitzenhains, durch das die Tanktouristen gen Tschechien donnern, steht ein Gedenkstein des Heimatdichters Anton Günther. Nur noch wenige Kilometer bis zum Hirtstein, dem Ziel der Etappe. Wer schon schläfrig ist, verpasst am Ende, nach dem Überqueren der Straße Steinbach-Satzung abzubiegen. Das Gras dieses Pfades ist kaum niedergedrückt. Vielleicht haben ihn keine trampelnden Menschen angelegt, sondern schwebende Ufos. Und die Markierung ist gut getarnt.


Ein Radler erklimmt den Berg

Dann liegt er vor mir, der Hirtstein. Mit dem basaltenen, 15 Meter großen Palmwedel könnte ein Riese mir vielleicht ein bisschen Luft zufächern, denke ich. Ein Radler erklimmt den Berg. Er stellt sich als Andreas Körner vor und will heute noch nach Hause fahren, Richtung Sachsenring.

Er hat in der Hütte eines Freundes bei Satzung übernachtet. Und in der Nacht den Hirschen gelauscht, die ihre Brunftschreie in den Himmel schickten. Wohin sollten sie sie auch sonst schicken? Hier oben, wo ich mich jedenfalls getrost Höhenwanderer nennen kann, ist doch der Himmel zum Greifen nah.

Abstecher nach Pobershau und Satzung: Die touristischen Höhepunkte der sechsten Etappe des Kammwegs

Die Böttcherfabrik ist nur eines von vielen lohnenswerten Zielen in Pobershau. Der Komplex einer alten Holzwarenfabrik wurde zu einem Ausstellungszentrum umfunktioniert. Inklusive Gemäldegalerie "Max Christoph", originalgetreuer Werkzeugbau-Werkstatt "Wittig-Fabrik" und Landwirtschaftsausstellung. Dazu gibt es eine Puppenausstellung. Eintritt für Fabrik und Puppenausstellung 5 Euro (Erwachsene), Einzelkarten möglich. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr.


Die Galerie "Die Hütte" in Pobershau würdigt das Lebenswerk des Holzschnitzers Gottfried Reichel. Geöffnet wie die Böttcherfabrik, Eintritt (Erwachsene) 2,50 Euro. Ermäßigung und Kombikarten, auch mit einem Schaubergwerk, sind möglich.


Die Kirche Satzung ist mit 850 Metern über NN die höchstgelegene evangelische Dorfkirche Deutschlands. Sie wurde 1573 geweiht. Gottesdienste sonntags 8.30 bzw. 10 Uhr. Besichtigungen sind möglich. Anmeldung: 037364/8443.

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