Teil 6: Schüsslersalze - Zwölf gegen alles

Ein Mangel an Mineralstoffen macht krank, sagen Anwender der Biochemie nach Schüßler. Sie verwenden zwölf Salze, um die Gesundheit zu fördern. Die Sonderform der Homöopathie soll besonders für Kinder geeignet sein.

Der pinkfarbene Plastikkorb ist immer in Reichweite. Der Chemnitzer Kinder-HNO-Arzt Dr. Wieland Woltersdorf bewahrt darin Schüßlersalze auf, die für die Behandlung von Erkältungen, Fieber, Mandelentzündung und Mittelohrentzündung wichtig sind. Die Packungen nutzt er als Ansichtsexemplare, weil viele mit dem Begriff Schüßlersalze nicht viel anfangen können.

Sein Wartezimmer ist voll. Kinder im Vorschulalter haben scheinbar ständig Infekte. Ist die Abwehr geschwächt, kommen Mittelohr- oder Rachenentzündungen dazu. Der Arzt empfiehlt bei Infektanfälligkeit die Behandlung mit Schüßlersalzen. "Kinder sprechen sehr gut darauf an. Bei vielen genügt bereits ein schwacher Reiz durch diese Salze, um die Selbstheilungskräfte in Gang zu setzen", sagt er. Seit fünf Jahren praktiziert der gebürtige Thüringer in Chemnitz. Er führt neben seinem Facharzttitel die Zusatzbezeichnung Naturheilverfahren. Spezialisiert hat er sich auf die Biochemie nach Schüßler, weil es eine Methode ist, die Familien gut zu Hause anwenden können.

Auch Heilpraktikerin Monika Lorenz aus Dresden schätzt an der Biochemie, dass sie so einfach funktioniert. "Schüßlersalze sind ideal für die Hausapotheke. In Wochenendkursen oder an der Volkshochschule kann man Grundkenntnisse im Umgang mit den zwölf Salzen erlernen. Damit ist ein Beginn gemacht für die Selbstbehandlung und die der Familie", sagt sie.

Lorenz praktiziert seit 2007. Sie hat sich nach ihrer Heilpraktikerausbildung zum Mineralstofftherapeuten qualifiziert und unterrichtet Biochemie an der Heilpraktikerschule. Koordiniert wird die Schüßler-Ausbildung vom Institut für Biochemie in Sundern. Als Dachorganisation fungiert der Biochemische Bund Deutschland. Er hat 9000 Mitglieder in 68 Vereinen - einer davon in Dresden, sagt Elke Blohm vom Biochemischen Bund.

Die Methode: Für den Arzt Wilhelm Schüßler (1821-1898) war ein Mensch gesund, wenn seine Zellen ausreichend mit Mineralstoffen versorgt sind. Krankheiten erklärte er nicht auf die gleiche Weise wie die konventionelle Medizin. Die Biochemie nach Schüßler gibt Bakterien nicht die Schuld an Krankheiten, sondern nimmt Störungen des Befindens als Zeichen dafür, dass es dem Körper an bestimmten Lebenssalzen mangelt. Wilhelm Schüßler war Anhänger der Homöopathie, fand aber die Palette an Medikamenten zu groß und zu unübersichtlich. Er entwickelte zwölf Funktionsmittel, die sich aus einer Vielzahl homöopathischer Stoffe zusammensetzten. Die Salze bezeichnet man nicht als Medikamente, sondern als Funktionsmittel, weil jedes bestimmte Organfunktionen beeinflussen soll. Aus diesem Grund gibt es auch keine genaue Zweckbestimmung und keine Dosierungsempfehlung. Alles ist Erfahrungssache.

Schüßlersalz-Tabletten bestehen hauptsächlich aus Milchzucker. Hinzu kommen Weizenstärke als Hilfsmittel, um den Zusammenhalt der Tablette zu ermöglichen, und Magnesiumstearat als Schmiermittel. Eine 0,25 Gramm-Tablette enthält bei einer D6-Potenz 0,25 Millionstelgramm des der Nummer entsprechenden Mineralsalzes. Die Tabletten schmecken mehlig, manchmal leicht metallisch, informiert die Deutsche Homöopathie-Union.

Die Behandlung: "Die Mineralsalze werden immer verdünnt verabreicht, um von den Zellen besser aufgenommen werden zu können. D6 oder D12 sind die Standardpotenzen", sagt Dr. Woltersdorf. Die Behandlung ist einfach: Tablette oder Globuli im Mund zergehen lassen und fertig. Tropfen gibt man direkt unter die Zunge und lässt sie langsam über die Mundschleimhaut einwirken. "Die Weisheit des Körpers bringt die Mittel dorthin, wo sie gebraucht werden", ist Heilpraktikerin Lorenz überzeugt. Doch auch eine andere Darreichungsform kann sie empfehlen: Zehn Tabletten eines Schüßlersalzes werden in heißem Wasser aufgelöst und langsam getrunken. Die Mundschleimhaut soll gut mit der Lösung in Kontakt kommen. "Die heiße Sieben ist so ein Beispiel. Magnesium phosphoricum - das Salz Nummer sieben - soll entkrampfend wirken. In der heutigen Zeit, wo viele unter Dauerspannung stehen, fällt es oft schwer, loszulassen und abends zur Ruhe zu kommen. Da ist die heiße Sieben ein hilfreiches Mittel", sagt die Heilpraktikerin. Die Gefahr der Überdosierung bestehe nicht.

Größere Mengen gibt man auch in akuten Krankheitsphasen, beispielsweise zur Abwehr von Infekten. Vier bis fünf Tabletten könnten stündlich gelutscht werden. Die Wirkung kann dann auch entsprechend schnell eintreten. Chronische Leiden brauchen mehr Zeit. Ein- bis dreimal täglich werden bis zu drei Tabletten genommen.

Die Möglichkeiten: Wieland Woltersdorf verordnet Kindern Schüßlersalze bei chronischem Schnupfen, Infektanfälligkeit und Gedeihstörungen. Eine gründliche Diagnostik steht für ihn an erster Stelle, um schwerwiegende Erkrankungen wie Mittelohrentzündung, Paukenerguss oder Nebenhöhlenentzündung nicht zu übersehen und zu verschleppen. "Bei diesen Krankheiten greife ich auch schon mal zu Antibiotika", sagt er.

Ohne eine ausführliche Anamnese geht es auch für Monika Lorenz nicht. Zu ihr kommen Menschen, die erschöpft sind, an verschiedensten Erkrankungen und Beschwerden leiden und manchmal eine Reihe von Arztbesuchen hinter sich haben. Jedes Schüßlersalz hat für die Heilpraktikerin neben der körperlichen auch eine psychische Komponente: "Silicea zum Beispiel, das ist Salz Nummer elf, ist ein Heil- und ein Schönheitsmittel. Es kräftigt Haar, Bindegewebe, Haut und Nägel, hilft zu entgiften. Es unterstützt in vielen körperlichen Prozessen und auch darin, dem Leben wieder Struktur zu geben, wenn man unter Antriebslosigkeit leidet."


Grenzen, Kosten und Kritiker

Die Grenzen: Schüßlersalze können nicht für jede Erkrankung eingesetzt werden. "Bei einer eitrigen Mandelentzündung wäre das sogar ein Kunstfehler", sagt Dr. Woltersdorf. Solche Grenzen zu erkennen, gelinge nach Ärzten aufgrund der umfassenderen Ausbildung besser als Heilpraktikern. "Wir haben Medizintechnik, um gründlich zu diagnostizieren", sagt er.

Heilpraktikern steht die Labormedizin zur Verfügung, aber auch Methoden wie Irisdiagnose, Kinesiologie und Antlitzdiagnose. "Es ist ein Anliegen in der Naturheilkunde, das Symptom als Ausdruck der seelisch-geistigen und körperlichen Prozesse zu sehen. Und das ist immer individuell", sagt Lorenz.

Bei Lactose-Intoleranz sollten Schüßlersalze als Globuli oder Tropfen eingenommen werden. Diabetiker müssen die Menge des Zuckers berücksichtigen.

Die Kosten: Dr. Wieland Woltersdorf hat eine Kassenzulassung. Für Untersuchung und Therapieempfehlung entstehen den Patienten keine Extrakosten. Auch die Mittel werden bei Kindern in der Regel von der Kasse bezahlt. Es gelten die jeweiligen Kassen-Regeln für die Homöopathie. Heilpraktikerin Lorenz berechnet für Anamnese und Therapie 50 Euro pro Stunde.

Schüßlersalze kann man rezeptfrei in der Apotheke kaufen. Eine 200-Stück-Packung ist schon für unter sechs Euro erhältlich. Dafür einen Wahltarif oder eine Zusatzversicherung abzuschließen, kommt Versicherte meist teurer. Ein Beispiel: Die Hallesche Private Krankenversicherung als Partner der Knappschaft bietet eine Zusatzversicherung an. Ab 14,56 Euro im Monat bekommt man einen Zuschuss zu Heilpraktikerleistungen bezahlt.

Die Kritiker: Die Stiftung Warentest hat vor zehn Jahren das letzte Mal die Biochemie nach Schüßler überprüft und warnt: "Bei Menschen mit unzureichender Nierenfunktion kann die Ausscheidung von Kalium und Kalzium verringert sein. Eine Langzeitbehandlung mit den Mineralsalzen kann diese Personen gefährden." Der Nutzen der Therapie sei nicht belegt, ihr Risiko aber eher gering, so die Tester.

Pharmawiki, ein Informationsportal über Medikamente und Gesundheit, spricht von der "Schüßler-Lüge". Mit Placebo-Tabletten würden Millionen verdient. Das Salz Nummer acht zum Beispiel - Natrium chloratum - sei nichts anderes als Natriumchlorid, also Kochsalz. Einen Wirkungsnachweis gebe es nicht. So sieht es auch Dr. Jan Oude-Aost von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften: "Bei Schüßlersalzen handelt es sich um eine sehr einfache Form der Homöopathie. Die Substanzen sind in den Präparaten kaum noch vorhanden. Mit aktuellem Wissen lässt sich die Anwendung nicht vereinen." Homöopathen und Schüßler-Therapeuten lehnen die jeweils andere Methode ab. Schüßler ist den Homöopathen zu einfach. Schüßler-Therapeuten zweifeln an der Grundidee der Homöopathie, dass Gleiches mit Gleichem behandelt werden kann.

In der nächsten Folge lesen Sie, ob wirklich gegen jede Krankheit ein Kraut gewachsen ist - die Phytotherapie.

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