Unbezahlbar: Arbeiten für 300 Euro

So viel verdient Marcel Baumann im Monat. Klingt verdammt wenig für einen 40-Stunden-Job. Doch am Ende zählt eben nicht nur der Verdienst.

Stollberg.

In der Sonne liegen, ein Eis essen, ein bisschen mit dem Auto durch die Gegend fahren - Marcel Baumann würden bei diesem Wetter wohl tausend Dinge einfallen, die er anstellen könnte. Will er aber nicht. Stattdessen hält der 18-Jährige Exponate in Schuss, hängt Schilder auf, führt Gruppen durch die 1600 Quadratmeter große Erlebniswelt, bereitet den nächsten Kindergeburtstag vor. Freiwillig. Marcel Baumann ist aktuell einer von zwei jungen Männern, die in der neu eingerichteten Phänomenia auf Schloss Hoheneck ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Jeden Tag fährt der 18-Jährige deshalb von Zuhause in Mülsen bei Zwickau nach Stollberg. 40 Stunden arbeitet er die Woche, für 300 Euro im Monat. Verrückt, oder? "Ja, da darf man nicht drüber nachdenken", räumt Marcel Baumann, der noch bei seinen Eltern wohnt, ein. "Aber ich mach es ja nicht für das Geld, sondern für die Erfahrungen. Und um die Zeit sinnvoll zu verbringen."

Mit den Freunden rumhängen, geht tagsüber eh' nicht, denn die sind in der Schule. Dort wäre Marcel Baumann auch, hätte er nicht nach der elften Klasse seine schulischen Laufbahn beendet. "Es lief nicht gut. Und ich hab mir gedacht: Bevor ich in der 12. Klasse durchrassel, höre ich lieber gleich auf." Sagt einer, der am Ende mit einem Schnitt von 2,3 ging. "Ja, okay, wenn ich mir den Arsch aufgerissen hätte, hätte ich es vielleicht geschafft." Doch sein Ziel war ohnehin immer VW, im September startet Marcel Baumann dort seine Ausbildung zum Fachinformatiker. Die hat er seit Februar sicher. Als er sich im Sommer 2016 entschied abzubrechen, war die Bewerbungsfrist in dem Jahr schon vorbei. "Also habe ich nach etwas Sinnvollem gesucht, mit dem ich die Zeit überbrücken kann." Der Job in einer Kindertagesstätte hätte ihn auch interessiert, und am Ende ist er ja auch irgendwie bei Knirpsen gelandet. "Mit den Kindern, das macht wirklich richtig Spaß."

Phänomenia-Chefin Doris Bradler schätzt die Arbeit ihrer Helfer wie Marcel Baumann: "Ohne sie könnten wir das Ganze nicht stemmen." Sie macht aber auch deutlich, dass ihr die Dauer von einem Jahr zu kurz ist: "Wenn sie richtig drin sind, sind sie wieder weg." Seit dem Wegfall der Wehrpflicht und damit dem Ende des Zivildienstes haben Organisationen wie das Integrationswerk Westsachsen, zu dem die Phänomenia gehört, zunehmend Probleme, diese Stellen zu besetzen. "Dabei brauchen wir die Erfahrung der Älteren und die Ideen der Jüngeren."

Am 1. September ist Schluss für Marcel Baumann. Schon jetzt kann er sagen: "Ich kann jedem so eine Zeit empfehlen. Man lernt unglaublich viel, auch über sich selbst."

Neue Koordinatorin kümmert sich nur um Hoheneck

Bianca Eichhorn (35) ist seit Jahresanfang die Projektkoordinatorin für Hoheneck. Die Stadt Stollberg hat diese Stelle neu geschaffen und die gebürtige Plauenerin zunächst befristet für ein Jahr eingestellt. Ziel ist es, die verschiedenen Nutzergruppen in dem ehemaligen DDR-Frauengefängnis zusammenzubringen. "Es soll so viel wie möglich angekurbelt werden", erläutert Bianca Eichhorn. Zum Beispiel ist für alle Einrichtungen wie Phänomenia, Gedenkstätte und Theater Burattino ein gemeinsames Kassensystem geplant. Bianca Eichhorn, die in Wildenfels wohnt, ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und hat BWL studiert. Später folgte noch ein Zweitstudium in Kulturwissenschaft. (kan)

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