Vom Rosthaufen zum Sehnsuchtsort

Kirchen, Klöster, Kunstschätze gehören zum Weltkulturerbe. Im Saarland aber erhielt vor 25 Jahren eine Kathedrale des Industriezeitalters den Unesco-Titel: Die Völklinger Hütte. Heute ist sie Kunsttempel und Abenteuerspielplatz zugleich.

Völklingen.

Was ist das für ein Ort? Kunstliebhaber bestaunen Gemälde zwischen Wänden aus rostigem Eisen. Kinder gleiten durch eine Röhrenrutsche zu Boden. Kunststudenten arbeiten in ihren Ateliers. Ältere Menschen ruhen sich in einem Garten aus, im Hintergrund eine gigantische Kulisse aus Stahlstreben, Hochöfen, Schornsteinen.

"Die Völklinger Hütte ist zu einem Sehnsuchtsort geworden", sagt Meinrad Maria Grewenig. Als Generaldirektor steht er kurz vor dem Ruhestand. Seit 1999 hat er mit anderen das alte Eisenwerk zu einem "Europäischen Zentrum für Kunst und Industriekultur" gemacht. Mitten im lange von Steinkohle und Stahl geprägten Ballungsraum um Saarbrücken entstand ein Ort, der Fantasie und Emotionen ansprechen soll. Sein Büro hat Grewenig im dritten Stock des ehemaligen Waschhauses, das insgesamt aus drei Gebäuden bestand. 1965 arbeiteten mehr als 17.000 Menschen hier.

Heute führt ein sieben Kilometer langer Weg treppauf, treppab, über das Industriedenkmal. Die Aussichtsplattform am Hochofen liegt in 45 Metern Höhe. Von dort überblickt man auf 600.000 Quadratmetern: Die Roheisenproduktion, das historische Stahlwerk, die Sinteranlage, in der man Abfallprodukte aus der Verhüttung recycelte, die Kokerei, die Koks für die Hochöfen herstellte. Außerdem die Gebläsehalle - sie lieferte den "Wind" für die Hochöfen - und die Möllerhalle, eine Erz-Siloanlage aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Außerdem bietet das Science Center "Ferrodrom" 100 Mitmachstationen, das Unesco-Besucherzentrum präsentiert die Geschichte der Hütte.

Carl Röchling hieß der Unternehmer, der hier an der Saar ein stillgelegtes Stahlwerk aufkaufte, auf Roheisen umstellte und 1883 den ersten Hochofen anblasen ließ. Immer wieder leistete die Völklinger Hütte technische Pionierarbeit. Etwa mit dem Erzschrägaufzug: Er transportierte die Rohstoffe mit einer bis heute erhaltenen Hängebahn bis zur Gichtbühne, die die sechs Hochöfen verbindet. Zur Geschichte gehört auch, dass man im Ersten Weltkrieg Granaten produzierte und Stahl für die Stahlhelme.

Im Zweiten Weltkrieg waren in der Völklinger Hütte 12.393 Zwangsarbeiter registriert. 261 von ihnen starben, darunter 60 Kinder. Mit diesem dunklen Kapitel setzt sich heute eine raumfüllende Installation von Christian Boltanski auseinander: In der Sinteranlage sind Archivkästen aufgestapelt, sowie ein großer Berg Kleidung in der Mitte. Hermann Röchling wurde 1949 wegen Kriegsverbrechen verurteilt, zwei Jahre später begnadigt.

Nach dem Krieg kam eine neue Blütezeit, doch 1975 folgte die Stahlkrise. Im Jahr 1986 wurde die Eisenproduktion stillgesetzt. Und dann beschloss der Völklinger Stadtrat, die stillgelegte Hütte abreißen zu lassen. Einstimmig. "Es gab keine Fantasie", sagt Generaldirektor Grewenig heute. Niemand habe sich vorstellen können, dass man aus dem "großen Rosthaufen" noch etwas machen könnte. Ihn rettete schließlich, dass die Rohstoffpreise im Keller waren. Das Abbruchmaterial hätte nicht genug eingebracht. Da hatte der damalige Landeskonservator eine Idee, von der er auch die Landesregierung unter Oskar Lafontaine überzeugen konnte: Die Völklinger Hütte sollte Weltkulturerbe werden.

Tatsächlich bekam sie schon 1994 den begehrten Unesco-Titel - als eins der ersten Industriedenkmäler überhaupt. In Völklingen hielt sich die Begeisterung in Grenzen, erinnert sich Grewenig: "Die Leute sagten: Bleib mir weg mit der Hütte!" Das teils verfallene Eisenwerk, dessen Lärm den Völklingern noch in den Ohren klang, sollte bald Touristen anlocken? Und hatte die Stadt nicht andere Probleme, nachdem der größte Arbeitgeber weggefallen war? Doch Meinrad Maria Grewenig und seine Mitarbeiter fingen an zu sanieren. Inzwischen hätten sie den größten Teil geschafft, sagt er. Doch noch immer verschlingt die Sanierung jedes Jahr 7 bis 8 Millionen Euro, finanziert zur Hälfte von der Bundesrepublik und zu je einem Viertel vom Saarland und der Europäischen Union. Das Land zahlt außerdem jährlich 3,2 Millionen Euro für laufende Kosten.

Das zahlt sich aus, meinen die Autoren einer Studie, die von der Völklinger Hütte in Auftrag gegeben wurde. Demnach hat das Weltkulturerbe allein im Jahr 2014 insgesamt 393 Arbeitsplätze in der Region geschaffen. "Heute sind die Leute stolz auf ihre Völklinger Hütte", sagt Meinrad Maria Grewenig. Die bislang erfolgreichste Ausstellung in der Gebläsehalle über die Kelten ging 2011 mit einem Rekord von fast 200.000 Besuchern zu Ende.

Doch damit nicht genug: In der Möllerhalle mit ihren rostbraunen Wänden ist zurzeit die 5. Urban-Art-Biennale zu sehen. Die 100 zeitgenössischen Künstler, die ihre Wurzeln im Graffiti haben, verwandeln den besonderen Raum: Der chinesische Künstler Liu Bolin etwa lässt seinen Körper mit einer Fotografie der Völklinger Hütte verschmelzen. Außerdem sind im Weltkulturerbe Konzerte zu hören oder Theaterstücke zu sehen. Und auf dem Hüttengelände begegnet man den 100 Hüttenarbeitern, die der Künstler Ottmar Hörl als bunte Skulpturen gestaltet hat.

Ein paar echte ehemalige Arbeiter sind auch unterwegs und führen Besucher herum. Zum Beispiel Detlev Thieser. "Eigentlich wollte ich ja Gärtner werden", erzählt er. Doch auf Wunsch des Vaters lernte er in der Völklinger Hütte Schlosser. Und arbeitete dort, an verschiedenen Stationen, 39 Jahre lang. Er ertrug Lärm, Dreck und musste sogar zwei tödliche Unfälle miterleben. Nachdem das Eisenwerk stillgelegt war, begann er mit Gleichgesinnten, die ersten Führungen anzubieten.

Jetzt ist Thieser 82 Jahre alt. Gerne hält er sich im Paradies auf. So heißt jene Brachfläche zwischen der Kokerei und der Saar, die man zuerst der Natur überlassen und dann als Garten gestaltet hat. Fledermäuse und Eisvögel leben heute auf dem Hüttengelände. Detlev Thieser kümmert sich um die Pflanzen. Eigentlich wollte er ja Gärtner werden.

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist im Sommer täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet, im Winter bis 18 Uhr. Geschlossen ist am 24., 25. und 31. Dezember. Der Eintritt kostet 17 Euro, Zwei-Tages-Ticket 20 Euro. Kinder, Jugendliche, Schüler, Studenten und Auszubildende (bis 27 Jahre) haben freien Eintritt.www.voelklinger-huette.org

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