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WhatsApp weiß was geht

Der Dienst für den Versand von Texten, Bild-, Video- und Ton-Dateien, der 2009 an den Start geht, hat die Kommunikation revolutioniert - ein Ersatz für das persönliche Gespräch ist er aber nicht.

Beat Siebenhaar, Professor für Germanistische Linguistik an der Uni Leipzig, weiß nicht, wie viele der vor ihm sitzenden Studierenden gerade 'beim Messengerdienst WhatsApp abhängen, während er spricht. "Ich weiß aber, dass Chatgruppen über die Vorlesungen laufen und sich Studierende darin über den Vorlesungsinhalt austauschen", sagt er. Studierende, die einen Sachverhalt nicht verstanden haben, können so bei ihren Kommilitonen unkompliziert nachfragen. Im besten Fall hat das für beide Seiten Vorteile: Der Fragende bekommt eine Antwort, der Antwortende kann durch die Erläuterung sein Wissen besser abspeichern. Warum also sollte der Professor etwas gegen die Kommunikation per WhatsApp haben, zumal er selbst schon seit einigen Jahren zu bestimmten Aspekten der Kommunikation über den Kurznachrichtendienst forscht und publiziert?

"Ich habe mich um die Jahrtausendwende mit dem Chatten beschäftigt, anschließend mit den SMS und bin so zwangsläufig bei Whats- App gelandet", sagt der Professor. Im Unterschied zur SMS, die in der Regel aus einer Begrüßung, dem Inhaltsteil und einer Verabschiedung besteht, funktioniere WhatApp eher wie ein Chat: "Wir schicken nicht Texte, sondern wir interagieren", sagt der Professor. Der Sender schicke zum Beispiel eine Frage und erwarte vom Empfänger sofort eine Antwort. Meist bekommt er diese auch relativ schnell.

Seinen Durchbruch erlebte WhatsApp, nachdem der Dienst kostenlos wurde - eine SMS kostet, wenn sie nicht Bestandteil einer Flatrate ist, noch heute einige Cent. Für die Netzbetreiber war das lange Zeit ein einträgliches Geschäft, doch seit Jahren sinkt die Anzahl der verschickten SMS. Messengerdienste - zu den stärksten Konkurrenten von WhatsApp zählen Signal, Telegram und Threema - werden dagegen für die Kommunikation immer mehr zum Mittel der Wahl - und das, obwohl die meisten Nutzer doch zumindest das diffuse Gefühl haben, dass ein kurzer Anruf das Thema mitunter schneller geklärt hätte, das ständige Piepen des Handys dem vertieften, konzentrierten Arbeiten sehr abträglich ist und vor allem Gruppenchats echte Zeitfresser sein können. Dazu kommt, dass einige Anbieter Datenschützern graue Haare wachsen lassen.

Beat Siebenhaar ist gar nicht traurig darüber, dass er bei den Gruppenchats, die seine Vorlesungen betreffen, nicht mit dabei ist. "Als ich während der Coronapandemie keine Präsenzverstaltungen anbieten konnte, habe ich die Vorlesungen als Videokonferenz gehalten. Dabei war die ganze Zeit auch ein Chat online, in dem deutlich mehr Fragen gestellt worden sind, als in der Präsenzvorlesung. Eine Vorlesung zu halten und den Chat im Blick zu behalten, war für mich als Professor schon anspruchsvoll", sagt Beat Siebenhaar. (cw)

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