Wie 100 bunte Kleider vom Dachboden ins Museum kamen

Wer ans Industriemuseum denkt, hat alte Maschinen, Oldtimer und Werkbänke vor Augen. Passt das mit Mode zusammen? Und ob, sagen die Macher der aktuellen Ausstellung.

Kapellenberg.

Es ist keine Seltenheit, dass im Industriemuseum in Chemnitz das Telefon klingelt und jemand ein Angebot macht. Die Gespräche beginnen meist damit, dass der Anrufer schildert, er habe da etwas auf dem Dachboden. Meistens müsse das Museum dankend ablehnen, beschreibt Gisela Strobel, Dokumentarin des Museums.

Doch dieser Anruf war anders. Er kam aus einem Museum in der Schweiz. Der Mann am anderen Ende berichtete, dass es da eine Frau in den USA gebe, deren Freundin Maßschneiderin und Modegastalterin in Freital bei Dresden gewesen sei. Die Freundin - Ursula Hauptmann-König - müsse ins Pflegeheim, der Inhalt ihrer Schränke aber dürfe keinesfalls weggeworfen werden. "Das gehört ins Museum", versicherte der Anrufer. Man suche nun ein Ausstellungsgebäude, das Interesse habe.

Das Interesse war zumindest soweit geweckt, dass Gisela Strobel nach Freital fuhr. Schnell habe ihr Urteil festgestanden: "Nein, das darf man nicht wegwerfen", entschied sie. Zwar ist das Museum auf industriell hergestellte Textilien und nicht auf Handwerksprodukte spezialisiert. Doch in diesem Fall machte es eine Ausnahme.

Rund 100 Kleider hat Strobel mit nach Chemnitz gebracht, jedes ist ein Unikat und äußerst aufwendig gefertigt, sagt sie. Die Kleider sind durch Pailletten und kunstvoll genähte oder gestickte Applikationen gekennzeichnet. Die Handwerkskunst habe sie überzeugt, die Stücke mitzunehmen. Das war 2009. Jetzt werden einige Kleider sowie Teile der Werkstatt von Hauptmann- König ausgestellt. "Mode und Mobile" heißt die Schau. Als Kontrast zu den ausgefallenen, kunterbunten Stücken der Maßschneiderin wird DDR-Alltagsmode der 1970er- und 1980er-Jahre gezeigt. Kombiniert werden sie mit den Fahrzeugen, die zu jener Zeit üblich waren: Schwalbe-Moped, Trabant, Wartburg, Wohnwagen.

Gisela Strobel hat die Modemacherin Hauptmann-König, die 2013 im Pflegeheim verstarb, nie getroffen. Trotzdem ist sie ihr durch den Nachlass, durch Erzählungen der Freundin in den USA und nicht zuletzt auch durch die Kreationen näher gekommen. Wenn sie von ihr spricht, nennt sie die Verstorbene liebevoll Ursi. "Sie war ein bunter Vogel", sagt Strobel und zeigt zum Beweis auf die Kleider, die Hauptmann-König alle für sich selbst genäht hat. Beredtes Beispiel ist ein blauer Mantel. Ihn hatte die Modemacherin genäht, weil ihre Freundin aus den USA zu Besuch kam. Darum ist die Freiheitsstatue darauf zu sehen, sowie die amerikanischen Nationalfarben Blau, Rot und Weiß. Das Ganze ist gekürt von einem weißen Pelzkragen. "Den Mantel finde ich durchgeknallt", sagt Strobel. Die Idee, sich ein Kleidungsstück zu schneidern, weil man Besuch aus den Vereinigen Staaten erhalte, zeuge von Extravaganz. Weiteres Lieblingsstück der Museumsfrau: Ein Kleid aus seidenen Souvenirtüchern vom Bodensee, die Farben Rot und Gelb dominieren. Von der Kreativität dieser Idee, aus Tüchern ein Kleid zu nähen, ist Strobel begeistert.

Ursula Hauptmann-Königs Mutter war Schneiderin mit einem Atelier an der Prager Straße in Dresden. Schon als Kind soll die 1923 geborene Frau viel Zeit in der Werkstatt der Mutter verbracht haben. Beim Bombenangriff vom 13. Februar 1945 wurde das Haus zerstört, Mutter und Tochter kamen mit dem Leben davon und gingen nach Freital. 1946 machte die Tochter den Abschluss als Damenschneidermeisterin. Ihre Kundinnen kamen aus Dresden und Umgebung, aber auch für Prominente und Showgrößen arbeitete sie. Fotos und Briefe belegen, dass sie für die Sängerinnen Helen Donath und Ina-Maria Federowski genäht hat. Auch gab es Kontakte zu dem 1999 verstorbenen Schauspieler Günter Strack und seiner Frau Lore Hennig. Strobel ist sich sicher, dass Hauptmann-König auch für sie nähte. Mit den Zauberkünstlern Siegfried und Roy führte die Designerin einen Briefwechsel. Doch Kreationen aus Freital trugen die beiden Magier wohl nicht.

Die Freundin aus den USA, die ursprünglich aus Dresden stammt, habe Strobel berichtet, dass bei Hauptmann-König der Name Programm gewesen sein soll. Sie sei offenbar sehr selbstbewusst gewesen. "Diese Kleider trägt kein Mauerblümchen", konstatiert Strobel. Die Mutter hieß mit Mädchennamen König, heiratete einen Herrn Hauptmann. Später ließ sie sich wieder scheiden, "Ursi hat beide Namen behalten", so Strobel. Kinder hatte sie keine. In der Wohnung habe Strobel aber Fotos eines Mannes gefunden. "Er war wohl die Liebe ihres Lebens, aber es hat nicht bis zur Hochzeit überdauert", vermutet sie. Ob sie auch ein Kleid von Hauptmann-König tragen würde - jetzt, da sie sie so gut kennt? "Nein", antwortet Strobel. "Ich bin eher ein Hosentyp."

"Mode und Mobile" ist noch bis zum 30. Juli im Sächsischen Industriemuseum, Zwickauer Straße 119, zu sehen.

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