Zur Kasse, bitte: Machen die Zusatzleistungen überhaupt Sinn?

Immer mehr Ärzte werden zu Verkäufern. Patienten sind verunsichert.

Frau B. muss in wenigen Tagen zur OP. Wegen Schmerzen im Knie ist bei ihr eine Gelenkspiegelung geplant. Im Vorgespräch bot ihr die Praxis an, bei dieser Gelegenheit ein Hyaluronsäurepräparat spritzen zu lassen. Dies verringere die Schmerzen und beschleunige die Regeneration des Gelenks. Einziger Haken: Die Kosten von 120 Euro müsste Frau B. aus eigener Tasche tragen.

Das Beispiel ist kein Einzelfall. Im Rahmen unserer Patientenumfrage haben wir die Versicherten auch um Auskunft gebeten, ob ihnen im Zusammenhang mit dem ambulanten Eingriff kostenpflichtige Zusatzleistungen angeboten wurden. Ergebnis: Es gibt keine OP, bei der das Thema gar keine Rolle spielt. Zugleich offenbaren sich gewaltige Unterschiede - sowohl zwischen den einzelnen Eingriffen als auch zwischen den Praxen und Krankenhäusern. Während Handchirurgen und Kardiologen damit eher zurückhaltend agieren, sind Zusatzangebote bei der Entfernung von Krampfadern und bei gynäkologischen Operationen keine Seltenheit.

Aktive Augenärzte

Am häufigsten treten indes Augenärzte als Verkäufer in Erscheinung, wenn es etwa um die OP des Grauen Stars geht. Dr. Katharina Pollack aus Dippoldiswalde bietet allen Patienten die optische Biometrie an, um die Augapfellänge zu messen und die einzusetzende Kunstlinse zu berechnen. Dieses Verfahren sei schmerzfrei und obendrein genauer als das, was als Kassenleistung abgerechnet werden kann. "Letztlich können wir mehr, als die gesetzliche Kasse bezahlt", betont die Augenärztin. Außerdem seien alle Ärzte auch verpflichtet, über solche alternativen Leistungen aufzuklären.

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) sind längst ein großes Geschäft. Nach Berechnungen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK haben vergangenes Jahr allein die niedergelassenen Ärzte (ohne Zahnärzte) zusätzliche Einnahmen von etwa einer Milliarde Euro erzielt. Jeder dritte gesetzlich Versicherte habe innerhalb von zwölf Monaten ein solches Angebot erhalten, Frauen häufiger als Männer. Verkaufsschlager sind Ultraschalluntersuchungen insbesondere zur Krebsfrüherkennung bei Frauen. Wie bei fast allen IGeL ist der Nutzen laut Studienlage nicht nachgewiesen, weshalb die Kassen nicht dafür zahlen.

"Leider hat sich unser Gesundheitssystem in eine Richtung entwickelt, wo es in einigen Bereichen für die Ärzte aus wirtschaftlichen Gründen ohne IGeL kaum mehr geht", sagt Dr. Klaus Heckemann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. Aber wenn manche Patienten bereit seien, für Medikamente ohne jeden Wirknachweis privat Geld auszugeben oder andere gern für Heilpraktikerleistungen bezahlten, könne man es Ärzten nicht verübeln, solche Angebote zu machen - vorausgesetzt, sie sind solide und bleiben ein Angebot. Niemals dürfe gelten: "Wenn Sie das jetzt nicht unterschreiben und bezahlen, behandele ich Sie nicht."

Hilfe im Internet

Das Problem: Patienten können häufig gar nicht einschätzen, ob eine Zusatzleistung wirklich Sinn macht. Selbst Ärzte sind sich oft nicht einig, weil hieb- und stichfeste Studien fehlen. Eine Hilfe kann der IGeL-Monitor sein, den der Medizinische Dienst der Krankenkassen im Internet veröffentlicht - zur Arthroskopie wird Frau B. dort allerdings nichts finden. » Internet: www.igel-monitor.de

 

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