Zwei Kameraden und der Ernstfall für die NVA

In den Wäldern des Vogtlands warteten Karl Wolf und Werner Lippmann im Sommer 1968 zusammen mit tausenden anderen Soldaten der DDR-Volksarmee auf den Einmarschbefehl in die ÈSSR. Bis heute lässt die Geschichte sie nicht los - ein Ortsbesuch.

Die Landstraße schlängelt sich den Hügel hinauf, raus aus dem Dorf, vorbei an einer Bank mit Wanderwegweiser und einem Feld, auf dem sich Hafer im Wind wiegt. Es ist friedlich an diesem Sommertag im Vogtland. Doch Karl Wolf hat die Vergangenheit eingeholt. Oben am Waldrand, wo vom Asphalt nach rechts ein Feldweg abzweigt, gibt es eine Grasfläche. "Hier wurden einige Bäume gefällt", sagt Wolf. "Für den Munitions-Lkw und das Offizierszelt."

Karl Wolf war schon öfter hier - zusammen mit Werner Lippmann. Das erste Mal vor 50 Jahren, da war es nicht so friedlich in den Wäldern des Vogtlands. Jetzt haben die Männer ihre vergilbten Armeepapiere mitgebracht, für sie ist dieser Besuch nahe dem Dorf Gunzen zwischen Schöneck und Markneukirchen ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Immer wieder zieht es sie an diesen Ort zurück. Karl Wolf zeigt Feldpost, blättert in einem Album voller Schwarz-Weiß-Fotografien, gleicht sie ab mit der Landschaft vor seinen Augen und mit den Bildern in seinem Kopf. "Hier hat sich fast nichts verändert", sagt er.

Karl Wolf und Werner Lippmann dienten im Sommer 1968 bei der Nationalen Volksarmee, den Streitkräften der DDR. Im Mai hatte man die beiden 19-Jährigen zum Wehrdienst in die Thomas-Müntzer-Kaserne nach Weißenfels eingezogen - den einen aus einem Metallbaubetrieb in Zwickau, den anderen aus der Fahrdienstleitung bei der Deutschen Reichsbahn im kleinen Bahnhof Muldenhütten bei Freiberg. Zwei Charaktere, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten: der extrovertierte Karl, begeistertes Mitglied der vormilitärischen DDR- Massenorganisation Gesellschaft für Sport und Technik (GST), und der eher in sich gekehrte Werner aus einem christlichen Elternhaus in Oberbobritzsch, der mit Militär nichts am Hut hatte. Das Schicksal hat sie zusammengeschweißt.

Die Grundausbildung bei den motorisierten Schützentruppen war gerade erst vorbei, ein einziges Mal hatten sie auf einem Schießplatz in Hermsdorf auf Pappscheiben geschossen, da kam für die beiden Heranwachsenden der Ernstfall. Die sowjetische Führung hatte beschlossen, die Reformen in der Tschechoslowakei, die weg führten vom dogmatischen Kommunismus hin zu mehr Freiheit und Demokratie, nicht länger zu dulden. Bereits seit Frühsommer liefen Vorbereitungen für den Einmarsch zur Niederschlagung des Prager Frühlings. Neben der Sowjetarmee sollten Truppen aus Polen, Ungarn, Bulgarien und der DDR beteiligt sein. Karl Wolf sagt: "Das war der einzige Ernstfall, den die NVA je hatte."

Damals wussten die beiden freilich nicht, was genau bevorstand. Alles war geheim. Am 28. Juli begann die Mobilmachung, Wolf und Lippmann rückten mit einem Bataillon aus Weißenfels aus. Die etwa 300 Mann starke Truppe erhielt den Befehl, im Raum Neustadt an der Orla im Osten Thüringens Stellung zu beziehen. Am Abend vorher schrieben alle noch einmal an ihre Familien. "Der Postausgang war bis oben hin voll", erinnert sich Wolf. "Da wussten wir: Es wird ernst."

Heute weiß man: Bereits Ende Juli 1968 stand ein Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei unmittelbar bevor. Doch die Invasion wurde noch einmal verschoben, wegen der politischen Verhandlungen, die damals mit der tschechoslowakischen Führung im ostslowakischen Grenzort Čierna nad Tisou und in Bratislava liefen.

In Neustadt/Orla erhielt Karl Wolf eines Morgens auf Wache den Befehl: "Alle Posten einziehen - wir müssen aufsitzen." Die Soldaten mussten antreten zum Empfang scharfer Munition - jeder bekam einen halben Kampfsatz. "Das waren für mich 300 Patronen", erzählt Karl Wolf. Er hatte eine Kalaschnikow, sein Kamerad Werner Lippmann erhielt drei Granaten für seine Panzerbüchse und 120 Schuss für seine Makarow-Pistole.

Am Nachmittag des 23. August 1968 setzte sich der Tross in Richtung Tschechoslowakei in Bewegung - mehrere Panzer, Schützenpanzerwagen und Transport-Lkw. Schon nach wenigen Kilometern blieb der erste Panzer liegen, die T-34 aus Beständen der Roten Armee stammten noch aus dem Zweiten Weltkrieg. "Wir sind kaum vorwärts gekommen", berichtet Wolf. In Plauen warfen Anwohner im Halbdunkel Eier und Steine auf die Panzer.

Am Morgen des 24. August stoppte die Kompanie in einem Waldstück südlich von Schöneck, rund zehn Kilometer entfernt von der Grenze. Zu diesem Zeitpunkt war die Tschechoslowakei längst von sowjetischen, polnischen, ungarischen und bulgarischen Einheiten besetzt. "Wir wussten davon nichts. Wir hatten keine Zeitung, kein Radio, kein Fernsehen", sagt Wolf.

Die Truppe aus Weißenfels, die im Wald bei Gunzen ein neues Lager eingerichtet hatte, rechnete noch tagelang mit dem Einmarschbefehl. Auch die NVA-Panzer waren mit einem weißen Streifen versehen. So sollte das Kriegsgerät der Invasionstruppen von dem der tschechoslowakischen Armee unterscheidbar sein, die dieselbe sowjetische Technik besaß. Doch von höchster Stelle in Moskau war inzwischen entschieden worden: Die NVA rückt nicht ein in die Tschechoslowakei.

Die Truppe steckte fest im Vogtland, der Lageralltag bestand aus Wachdienst und dem Kampf gegen den Schlamm, der sich mit einsetzendem Regen bildete. Fernmelder hatten Kabel verlegt zu benachbarten Einheiten, die überall in der Gegend versteckt in den Wäldern lagen. Hinunter ins Dorf durften sie nicht; einmal trat eine Musikgruppe für sie auf. Karl Wolf gelang es, trotz strengen Verbots einige der Lager-szenen im Bild festzuhalten - mit einem Fotoapparat, den er in seiner Uniformtasche versteckte.

Die Bilder zeigen junge Männer mit fröhlichen Gesichtern, sie erwecken den Eindruck von Abenteuerleben. "Wir haben uns mit markigen Sprüchen Mut gemacht", sagt Karl Wolf. "Aber eigentlich hätte ich lieber bei den Pragern Revolution gemacht." Er ist herausgetreten aus dem Wald, wo sie acht Wochen lang, bis zum 17. Oktober 1968 campierten, und deutet auf den Straßenrand hinunter Richtung Gunzen: "Da stand mal die Feldküche." Werner Lippmann sagt mehrmals, es sei ihm mulmig gewesen damals. "Wir hätten auf Leute schießen müssen, die uns nichts getan hatten."

Gunzen ist heute ein hübsches, aber verschlafenes Dorf im Vogtland. Es gibt hier keinen Gasthof mehr, also muss man woanders nach einer Gelegenheit zum Mittagessen suchen. Man hat noch viel zu bereden an diesem Tag. Einige Dörfer weiter ist eine Einkehr gefunden. Karl Wolf zieht eines der Schwarz-Weiß-Fotos heraus und hält es der Wirtin vors Gesicht. Auch bei ihr kehrt die Erinnerung sofort zurück - an die sowjetischen Panzer, die durch Schöneck rollten. Die Frau, Ende 50, ist für einen Moment den Tränen nahe. "Schreibt's auf, das Zeug", sagt sie, "und hoffen wir, dass nie wieder so ein Mist passiert."

 

Dieser Beitrag erschien im Wochenendmagazin der "Freien Presse".

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