"Kaufanreize des Staates unverzichtbar"

Forschungschef von BMW sieht Nachholbedarf bei der Entwicklung der Elektromobilität - Vernetzung wird wichtige Aufgabe für die Branche

München.

Google und Apple nimmt BMW als mögliche Mitbewerber ernst. Und weil das "vernetzte Auto" immer selbstverständlicher wird, sucht die weltweite Nummer 1 unter den Premiumherstellern händeringend IT-Experten. Hubert Kemper sprach darüber sowie über den trägen Absatz des i3 in Deutschland mit BMW-Entwicklungsvorstand Klaus Fröhlich.

Freie Presse: Der i3 verkauft sich hierzulande nur schleppend. Hat dieses Projekt eine Zukunft?

Klaus Fröhlich: Natürlich. Die Marke BMWi wird es ebenso weiter geben wie die Marke BMW M. Und die gibt es jetzt bereits seit 40 Jahren. Es war uns von Beginn an klar, dass der i3 vor allem in den Märkten einen hohen Absatz hat, die mit steuerlichen Erleichterungen Kaufanreize bieten.

Ohne Hilfe des Staates funktioniert die Elektromobilität nicht?

Sie ist als Anschub unverzichtbar. Schauen Sie sich Norwegen an. Der Anteil der E-Fahrzeuge liegt in Oslo bei 30, in Norwegen bei 13 Prozent, auch in Holland ist der Absatz beeindruckend. Deutschland liegt deutlich dahinter. Das ist für unser Land eine verpasste Chance.

Konkret: An welche Unterstützung denken Sie?

Bei einer neuen Technologie gibt es eine gewisse Schwellenangst, die bei den Diesel-affinen europäischen Kunden abgebaut werden sollte. Denn die aufwendigere Technik errichtet ja auch eine Preisbarriere. Hier müsste der Staat mit einer intitialen Förderung gegensteuern.

Denken Sie an den Ausbau der dürftigen Lade-Infrastruktur?

Nicht nur. In die wird ohnehin nur investiert, wenn es genügend E-Fahrzeuge gibt. Ich denke vor allem an eine Anschub-Unterstützung in einer Übergangsperiode - so lange, bis eine Schwelle überwunden ist. Denn wenn die Autos in größerer Zahl auf der Straße sind, dann schwinden auch die Bedenken zur Reichweite der Fahrzeuge und Restwerten.

Nachgefragt: Mit welchen Betrag sollte der Staat unterstützend eingreifen?

Nehmen Sie Kalifornien: Dort beträgt die steuerliche Erleichterung ca. 12.000 Dollar, also ein Drittel der Kaufsumme. So hoch muss es natürlich nicht sein. Hilfreich wäre auch eine steuerliche Abschreibung. Denn Firmen können schneller eine Lade-Infrastruktur errichten. Firmen sind neben Privatkunden, die einen interessanten Zweitwagen suchen, eine wichtige Zielgruppe.

Können Sie sich bei BMW einen Kleinwagen unter der Größe des i3vorstellen?

Nein. Nachdem trotz des Angebots kleinerer, auch preiswerterer Fahrzeuge der i3 auf Anhieb Marktführer geworden ist, dann würde dieses Angebot keinen Sinn machen.

Wenn selbst BMW nur mühsam ins Geschäft kommt, wie sollen Neulinge wie Google oder Apple den Durchbruch schaffen?

Denken Sie an Tesla: Auch die kamen aus dem Stand und hatten Erfolg. Nicht in Deutschland, aber in den USA. Elektromobilität gibt neuen Anbietern eine Chance - auch, weil sie sich mit den schwierigen Herausforderungen der Optimierung eines Verbrennungsmotors nicht beschäftigen müssen.

Sie nehmen also die Internet-Riesen als Konkurrenten ernst?

Wir nehmen jeden Wettbewerber ernst. Google und Apple sind eben sehr kompetent in Daten-Management und Vernetzung. Beides wird in der Autoindustrie eine immer wichtigere Rolle spielen. BMW rüstet bereits jedes Auto mit einer Sim-Karte aus, um es internetfähig zu machen.

Sie denken auch an das autonome Fahren?

Ja, so wie das Smartphone dazu dient, zu Hause die Heizung zu regeln oder die Jalousien zu bedienen, so funktioniert das autonome Fahren nur mit Datenmanagement. Dort haben Google und Apple enorme Kapazitäten, und deswegen müssen wir in einer Zeit, in der sich die Industrie in einer enormen Veränderung befindet, alle Antennen ausfahren. Zu sagen, wir haben schon 100 Jahre Erfahrung, und es wird schon gut gehen, können wir uns nicht leisten.

Doch ist die Herstellung eines Autos nicht wesentlich komplexer als die eines Smartphones?

Ein Auto muss ich 30 Jahre im Voraus denken. Einen Plug-in-Hybrid wird heute entwickelt, geht fünf Jahre später in Serie, wird neun Jahre produziert, und wir müssen zwölf Jahre Ersatzteile vorhalten. Das ist vom Vertrieb bis zur umfassenden Lagerhaltung eine sehr komplexe Sache.

BMW stellt in diesem Jahr 8000 neue Mitarbeiter ein. Welche Fachleute sind gesucht?

In der Entwicklung sind es weniger Spezialisten für Verbrennungsmotoren als IT-Spezialisten. Die zu finden ist nicht so leicht, weil nicht alle IT-Fachleute davon träumen, zu einem Dax-Unternehmen zu gehen. Deshalb haben wir die BMW-Tochter Car-IT, hier schaffen wir für IT-Spezialisten ein besonderes Umfeld, in dem sie sich wohl fühlen und Software für uns entwickeln.

Der beschworene Fachkräftemangel: Gilt der auch für BMW?

IT wird eine Engpass-Ressource. Demnächst wird es das "Internet of things" geben, das heißt, bis zum Kühlschrank-Hersteller muss man sich mit Vernetzung und der dafür notwendigen Software auskennen. BMW geht es gut, weil wir ein attraktiver Arbeitgeber sind. Mit einiger Sorge sehe ich aber, dass in anderen Weltregionen viel mehr passiert als bei uns. Diese Dynamik veranschaulicht das Tempo, in dem im Silicon Valley Hochschul-Absolventen eine Firma gründen und welchen Wert diese Firma nach wenigen Jahren hat. Im Silicon Valley spielt die Musik. Auch deswegen sind wir dort vertreten.

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