Neuer Bahnhof fürs große Zug-Puzzle geht ans Netz

Der sperrige Begriff Zugbildungsanlage umschreibt ein großes Mosaik für die Eisenbahn: In solchen Anlagen werden einzelne Waggons zu kompletten Zügen zusammengestellt - vollautomatisch. In Halle ist seit Freitag zu sehen, was da in der Praxis passiert.

Halle/S..

Viereinhalb Jahre wurde daran gebaut, am Freitag war es so weit: Die Deutsche Bahn hat ihre neue Zugbildungsanlage in Halle in Betrieb genommen. 180 Millionen Euro wurden investiert. Allein 42 Kilometer Schienen wurden verlegt, damit hier zukünftig Züge wie große Puzzles zusammengestellt werden können: 2400 Waggons sollen Tag für Tag die Anlage passieren und je nach Zielort zu neuen Zugverbänden sortiert werden. Auf acht Gleisen rollen die Waggons in die Anlage hinein, wo sie auf 36 Richtungsgleise verteilt werden. Die neue Zugbildungsanlage gehört nach Angaben der Deutschen Bahn zu den modernsten in Europa und wurde durch den Ausbau des vorhandenen Knotens zur zentralen derartigen Einrichtung in Ostdeutschland.

In der Zugbildungsanlage wird nach den Worten von Eckart Fricke, Konzernbevollmächtigter der Bahn, das Güterverkehrsgeschäft der drei Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zusammengefasst. Das Einzugsgebiet reiche, wie Gerhard Schulze, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, am Freitag betonte, von der Lausitz bis zur Magdeburger Börde. Die Anlage übernehme unter anderem Aufgaben der Güterbahnhöfe in Bebra (Hessen) und Dresden-Friedrichstadt. Laut Fricke wird die Zugbildungsanlage nach Fertigstellung der Bahnstrecke Knappenrode-Horka bis zur deutsch-polnischen Grenze noch einmal zusätzlich an Bedeutung gewinnen. Die Anlage werde eine Schlüsselrolle für den Güterverkehr nach Osteuropa einnehmen, so der Bahn-Manager. Fricke: "Halle steht mit seiner langen Eisenbahntradition wieder im Zentrum der Verkehrsströme." Bei der Zusammenstellung von Zügen aus Einzelwaggons stellt die neue Bahnanlage ein Novum dar: Der gesamte Ablauf und Rangierbetrieb in den 36 Abfertigungsgleisen wird vollelektrisch gesteuert und überwacht.

Und dennoch: Auch das uralte Prinzip der Schwerkraft macht sich die Bahn zunutze. Die Waggons rollen einen sogenannten Ablaufberg hinunter, ihre Daten werden zentral erfasst und in Sekundenschnelle ist ermittelt, an welcher Stelle sie im Bahnhofsgelände ankommen müssen. Für ein optisches Spektakel sorgt die Anlage später im Betrieb in der Nacht. 1130 LED-Lampen an über 650 Masten sorgen dafür, dass sich die Rangierer auch in der Nacht sicher im sogenannten Gleisfeld bewegen können.

Dabei müssen die Bahner bestimmte Lichtstärken garantieren, weil diese Voraussetzung für die vorgeschriebene Arbeitssicherheit sind. Dämmerungssensoren bestimmen, ab wann die Lampen eingeschaltet werden. 100 Mitarbeiter sind laut Bahn in der Zugbildungsanlage tätig. Tatsächlicher Betriebsbeginn soll am Montag sein. Nach Darstellung des Vorsitzenden der DB Cargo, Roland Bosch, werden die Stahl- und die Chemiebranche besonders profitieren. Deutschlandweit betreibt das bundeseigene Unternehmen neun derartiger Zugbildungsanlagen. Die größte davon ist Maschen bei Hamburg.

Der sogenannte Einzelwagenladungsverkehr erfolgt bei der Bahn nach einem Knotenpunktsystem. Hierbei werden die Wagen meist von Güterverkehrsstellen, der letzten Meile zum Kunden, abgeholt. In Satellitenbahnhöfen werden diese Wagengruppen gebündelt und zu Knotenpunktbahnhöfen überführt. Von dort aus werden die Züge entweder zu überregionalen Zugbildungsanlagen transportiert. In diesen Rangierbahnhöfen werden die eingehenden Züge zerlegt und nach Zielen zu neuen überregionalen, möglichst langen Güterzügen zusammengefasst.

Die letzte Inbetriebnahme eines solchen Rangierbahnhofs liegt laut Fricke 26 Jahre zurück - 1992 war die Rangieranlage München-Nord in Betrieb genommen worden. (mit dpa)

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