Er arbeitet beim größten Vermögensverwalter der Welt

Tim Henning gehört zu den Top-30-Finanzleuten unter 30 Jahren in Europa. Die Schule hat er im Erzgebirge besucht. In seinem jetzigen Job bewegt er Millionen. Aber nicht die Zahlen sind es, worin er am besten ist.

Frankfurt/Main.

Tim Henning, 27 Jahre, erklärt seinen Job. "Einmal, zum Beispiel, mussten wir eine Kapitalanlage umschichten. 500 Millionen Dollar. Zwei Tage Zeit für einen Prozess, der sonst drei Monate beansprucht. 40 bis 50 Leute involviert. Meine Aufgabe ist es in so einer Situation, die richtigen Leute zum richtigen Zeitpunkt einzubeziehen. Wir haben das hinbekommen. Der Kunde hat mit unserer Hilfe 1,6 Millionen gespart."

Verabredung bei seinem Arbeitgeber - Blackrock - im Frankfurter Opernturm. Die Blackrock-Büros im 23. Stock sind für Besucher tabu, also schießt der Lift zur Konferenzetage empor. 41. Stock, Terrassenebene. Die City zu Füßen, der Taunus am Horizont. Tim Henning hat Muffins mit heraufgebracht. "Wenn ich an ihn denke, geht mir das Herz auf!" Das wird die einstige Lehrerin von ihm aus Schneeberg später sagen.

Es ist nicht leicht, sich seiner Alltagswelt zu nähern. Marc Bubeck, Sprecher von Blackrock in Deutschland, weiß natürlich von den Vorbehalten gegenüber globalen Finanzakteuren. "Wir erklären uns gern", sagt er lächelnd. Aber wie von Milliarden reden, die sich jeder Vorstellung entziehen? Wie von der verwirrenden Komplexität und dem irren Tempo, in dem die Energien in den kommunizierenden Röhren der Finanzzentren hin- und herjagen? Im Foyer des Opernturms, einer Halle wie in einem Mausoleum, hängt ein abstraktes Bild von Kapitän Ahab und der Jagd nach dem Wal Moby Dick. Ahab scheiterte an seiner Besessenheit. Tim Henning geht jeden Tag daran vorbei.

"Blackrock ist nichts anderes als ein Vermögensverwalter, der sich im Interesse seiner Kunden um deren Geld kümmert", erläutert Henning sachlich, und strahlt dabei aus, es gäbe hier nichts, das sich nicht erklären ließe. Die Kunden von Blackrock sind vor allem institutionelle Investoren. Gepoolte Vermögen, oft Versicherten- und Pensionärsgelder, auch von Kleinanlegern, die auf Rente sparen. Ein spezialisiertes Computersystem, Aladdin, bewertet die Risiken. Als 2007 einige Akteure der Finanzwelt über ihren Wahnwitz stolperten, wurden Blackrock-Analysten von der US-Regierung beauftragt, außer Kontrolle geratene Giftfonds beherrschbar zu machen.

Die Geschichte, wie Tim Henning hier an Bord kommt, klingt märchenhaft: 2014 studiert er Betriebswirtschaftslehre auf Diplom in Greifswald und bewirbt sich bei Blackrock um ein Praktikum. Sein Dossier landet infolge eines Versehens im Ordner für "Berufseinsteiger". Der Student fährt nach Frankfurt, absolviert ein knappes Dutzend Interviews und gehört plötzlich zu den Auserwählten. Einer von 320 weltweit, die sich zum dreiwöchigen Einstiegsmeeting in New York wiederfinden. Sein Studium in Vorpommern, anderthalb Jahre noch, bringt er trotzdem zu Ende.

Marc Bubeck, der Blackrock-Sprecher, bestätigt die Story. "Unkonventionell. Ja, passt zu uns. Wir suchen nicht die Stromlinienförmigen. Viel wichtiger sind Leute, die brennen für das, was wir tun: die finanzielle Zukunft unserer Kunden zu managen. Es gibt Computernerds bei Blackrock, einen Opernsänger in New York, in London einen Ex-Hubschrauberpiloten der Air Force. Sehr stressresistent, der Mann. Was für uns am wichtigsten ist? Kommunikationstalent. Neugier. Sensibilität. Und Interesse an Menschen." Wissen? Klar. Aber sein Wissen, sagt Tim Henning, sei winzig, wenn er es mit den gigantischen Ressourcen des Unternehmens vergleiche. "Da kannst du nicht der Schlaumeier sein wollen. Du musst als Schnittstelle wirken."

Wie lernt man das?

Geboren wurde Tim Henning in Köthen, er hat Kindheitsjahre in Lutherstadt Eisleben verbracht. Als der Vater, ein Ingenieur, eine Stelle in Aue annahm, zog die Familie ins dörfliche Lindenau, das zu Schneeberg gehört. Tims Mutter, eine ausgebildete Opernsängerin, arbeitet jetzt als Pädagogin in einer Schule für geistig behinderte Kinder.

"Ich habe Tim kennengelernt, als er elf Jahre alt war und in die fünfte Klasse kam", sagt Verena Rockstroh, pensionierte Deutschlehrerin am Schneeberger Johann-Gottfried-Herder-Gymnasium - und jene Lehrerin, der "das Herz aufgeht", wenn die Rede auf Tim Henning kommt. "Er war zurückhaltender als andere Kinder, beobachtend, hörte gerne zu. Und er war kritisch, stand zu seiner Meinung, auch wenn sie konträr zur Klassenmeinung lag. Einmal, in der sechsten Klasse, schafften wir ein Sparschwein an. Wer ein schlechtes Wort sagte, warf zehn Cent hinein. Auch ich, die Lehrerin. Tim war dagegen. Er kam am nächsten Tag und sagte, er mache nicht mit. Geld sei nicht zur Bestrafung da, mit Geld müsse man sorgsam umgehen. Die Klasse machte es trotzdem. Am Ende des Jahres sprang eine Pizza für alle heraus. Tim bekam natürlich sein Stück ab, doch legte er Wert darauf, dafür seinen Obolus zu entrichten!"

"Ich habe immer vieles ausprobiert", erzählt Tim Henning, "über die Jahre alles mögliche. Und wieder aufgehört, wenn es langweilig wurde. Beim Background meiner Mutter habe ich Klavier gelernt, war musikalisch interessiert und beschäftigte mich mit Tontechnik. Irgendwann mit 14, 15 bekam ich in der Schule einen eigenen Raum für ein Tonstudio." Das sei natürlich ein enormer Vertrauensbeweis gewesen, sagt Adlin Elle, Schulleiterin damals wie heute. "Wir haben es ausgebaut und nicht bereut. Tim hat der Schule damit gute Dienste erwiesen. Dieses Tonstudio unter dem Dach, das gibt es immer noch!"

Konrad Gehring, ältester Schulfreund Tim Hennings aus Schneeberg, der gerade in Jena sein Medizinstudium zu Ende bringt, erzählt: "Wir haben bei seinen Musik- und Werbeproduktionen manche Lieder zusammen eingesungen, aber nicht immer durchgeblickt, wie er das alles genau macht. Er hatte da Hilfe von seinem Onkel." Seit er Tim Henning kenne, sei der "immer in Projekte involviert" gewesen. Vielseitig interessiert, begeisterungsfähig, initiativ. Das beschreibe ihn am besten.

Noch als Jugendlicher gründete Tim Henning eine eigene Tonproduktionsfirma und versuchte, seine Leistungen per Telefonakquise an den Mann zu bringen. Der Geschäftsführer der Schneeberger Stadtwerke war der erste, der anbiss. "Ich erinnere mich an einen hoch motivierten, intelligenten, zielstrebigen jungen Mann", sagt Gunar Friedrich. "Mit seinem Auftreten hat er mich sofort überzeugt, und es gibt Menschen, die erreichen bei mir binnen Sekunden durchaus das Gegenteil. Mit dem, dachte ich, musst du was machen. Schade, dass solche Menschen die Region verlassen, aber ich verstehe es auch. Leute wie ihn braucht das Land." Hennings Jingle, von ihm mit jugendlicher Stimme eingesungen, ist auf der Silberstrom-Webseite noch zu hören.

Zum ersten Auftritt auf großer Bühne verhalf ihm "Jugend debattiert", ein bundesweiter Schülerwettbewerb, unterstützt von der Hertie-Stiftung. 2005 und 2007 wurde Henning Landessieger. Das Argumentieren hat er auch in Verena Rockstrohs schulischem Debattierklub gelernt. "Bei der Recherche spannte Tim seine ganze Familie ein", erzählt die Lehrerin. "Er sprach nie erzgebirgisch, das war beim Landeswettbewerb von Vorteil. Sein Auftreten war exzellent. Als er in der achten Klasse zum ersten Mal Landessieger wurde, bin ich nach vorn gerannt und ihm um den Hals gefallen, so stolz war ich!" Tim habe es nicht immer leicht gehabt, obwohl er ehrlich und kameradschaftlich aufgetreten sei. Sie findet dann ein wunderbares Bild: "Er war wie eine Blumenzwiebel unter der Erde."

Noch zu Studienbeginn in Greifswald hegte Tim Henning die Vorstellung, er könne an der Filmhochschule landen. Dann merkte er, wie sehr ihm das Präsentieren, die Markt- und Finanzrichtung gefiel. Er machte Schluss mit Hörfunk und übernahm die Leitung des Akademischen Börsenvereins, dessen Mitgliederzahl damals von 80 auf über 400 wuchs. Ab 2013 stand er dem Bundesverband der Börsenvereine an deutschen Hochschulen vor. Kurz darauf bewarb er sich um das Praktikum bei Blackrock.

Heute ist er Teil eines internationalen, 15-köpfigen Teams, mit Sitz in London, wo er regelmäßig arbeitet. Seine Chefin ist Französin. Henning betreut sein eigenes Großkundensegment, arbeitet mit Vermögensmanagern in Deutschland und in Österreich. Den vorläufigen Höhepunkt seiner Laufbahn hat er im Januar erreicht: Die Aufnahme in die Top-30-unter-30-Liste des US-Magazins "Forbes".

Ins Erzgebirge, zu Familie und Freunden, kehrt er alle paar Monate zurück. Gibt es eine Lehre aus seiner Geschichte, ein Rezept? "Die Leute hier haben Hunger nach dem, was sie tun", sagt Tim Henning beim Abendspaziergang durch Frankfurt. "Die Lernkurve ist steil, man spürt die Energie. Du musst immer Neues ausprobieren! Nur so findest du heraus, wonach du wirklich strebst."

Der US-Vermögensverwalter Blackrock in Deutschland und im Frankfurter Opernturm

Die Firma Blackrock wurde 1988 als Finanzmanagementgruppe unter dem Dach eines Fondsbetreibers in New York gegründet und war zunächst auf wenige Anlageformen spezialisiert. 1994 entstand das selbstständige Unternehmen, das seine Operationsbasis durch strategische Zukäufe systematisch erweiterte. 2009 stieg Blackrock zum größten bankenunabhängigen Vermögensverwalter der Welt auf. Die Mitgründer Larry Fink und Rob Kapito führen noch heute das Unternehmen an der Spitze eines 21-köpfigen Vorstands. Aufsichtsratschef in Deutschland ist der frühere CDU-Spitzenpolitiker Friedrich Merz. Das von Blackrock verwaltete Kundenvermögen in Höhe von 6,3 Billionen Dollar entspricht etwa dem Doppelten der jährlichen Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Die Unternehmenskultur bei Blackrock ist US-amerikanisch geprägt. Die Firmenchefs aus New York sind auch in Deutschland präsent, Probleme werden über Hierarchieebenen hinweg gelöst. Neueinsteiger in einem globalen Unternehmen unterschätzten leicht die Relevanz der passenden und richtigen Kommunikation, sagt Tim Henning. "Wie komme ich schnell und vernünftig ans Ziel?" Die Antwort auf diese Frage sei eine "gigantische Ressource".

Weltweit arbeiten rund 13.000 Mitarbeiter für Blackrock. In London sind es etwa 2500, in Frankfurt am Main rund 100, in München 50. Hauptaufgabe der deutschen Niederlassungen ist der Vertrieb. Zu Blackrock gehört ein großer Technologiebereich, in dem unter anderem das Portfoliomanagement- und Analysetool Aladdin gepflegt wird (Abkürzung für Asset, Liability, and Debt and Derivative Investment Network). Etwa 2000 Softwareentwickler gibt es im Team. "Hier konkurriert Blackrock zum Beispiel mit Google um die besten Köpfe, das prägt auch unsere Kultur", sagt Blackrock-Sprecher Marc Bubeck. Die Techkultur wirke auch in den Finanzbereich hinein. Tim Henning empfindet den internen Umgang als recht bodenständig. In London, wo er einen weiteren festen Arbeitsplatz hat, sei es informeller: "Man trifft sich hinterher auf ein Pint, ein Glas im Pub. In Frankfurt gehen alle nach Hause." Im Sommer sind Blackrock-Mitarbeiter gemeinsam per Rad unterwegs: voriges Jahr von Wien nach Prag, dieses Jahr von Zürich nach Mailand.

Im Frankfurter Opernturm belegt Blackrock anderthalb Etagen: die Arbeitsetage im 23. Stock und Konferenzräume im 41. Hauptmieter des Gebäudes ist die Schweizer Großbank UBS. Der Opernturm mit 170 Metern Höhe belegt derzeit den achten Rang unter den Hochhäusern in Deutschland. Der Büroturm wurde 2010 eingeweiht und ist mit weißem Kalkstein verkleidet. Das Segeltuch-Gemälde "Ahab" des US-Künstlers Julian Schnabel, 14 mal 13 Meter groß, dominiert die 17 Meter hohe Eingangshalle. Die Frankfurter Hochhäuser sind nicht öffentlich zugänglich. Zuletzt 2007 und 2013 fanden "Wolkenkratzer-Festivals" mit Besichtigungsgelegenheiten statt.

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10Kommentare
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  • 2
    2
    aussaugerges
    10.03.2018

    Die,die durch Krankheit,Unfälle und Kündigung von einen Tag auf den anderen in denAbgrund gestoßen wurden, können sich hier gar nicht äußern.
    Den fehlt einfach die Kraft.
    Sie haben schon recht mit ihrer Feststellung.

    Wie hat ,,Frank Zander'' gesagt .

    Vorsicht,Vorsicht.......t

  • 3
    0
    Zeitungss
    10.03.2018

    @auss....: Ich weiß nicht wo Sie aufgewachsen sind. Was wir heute haben, habe ich schon in der Schule gelernt. Wer im ach so bösen Westfernsehen nicht nur den "Blauen Bock" oder "Auf der Flucht" gesehen hat, wußte wie es nach 89 weitergeht. Es ist auch so gekommen. Wer nicht alles glaubt und sich wehren kann, ist einen großen Schritt weiter und ich gehöre dazu. Heute erledigen die Aufgabe der Verblödung (eh Bildung) RTL, SAT1 & Co mit reisigen Erfolgen in diversen Sendungen. Auf diese Steine können sie bauen, auch wenn dieser Spruch ursprünglich eine ganz andere Bedeutung hatte.

  • 1
    1
    aussaugerges
    10.03.2018

    Ich sehe gerade wie Menschen nach (36 Arbeitsjahren) durch die Gier der Vermieter im Alter aus den Wohnungen geschmissen werden.
    (Tagesschau 24)
    Es war mir nicht bewust wie Menschenun-würdig es hier ist.
    Ist denn das möglich soviel Leid und Elend.
    Er muß 60 PUNKTE HABEN um einen Antrag zustelle,und nach 1,8 Jahren bekommt er eine Zuweisung.
    So ist es in einer Großstadt so wurde es gezeigt.
    Und nur durch das Fernsehen ging es etwas schneller

  • 4
    0
    Zeitungss
    09.03.2018

    @auss.....: Nicht nötig mit der Handynummer, es reicht, wenn sich sich diese Abzockerbande selbst auflöst, es wäre eine Erlösung für die Menschheit. Weiter möchte ich es nicht ausschmücken, wäre bei Bedarf allerdings möglich.

  • 1
    4
    aussaugerges
    08.03.2018

    Ich war selbst dabei,wo der junge Mann sich bei der Geburtstagsfeier von den Job losgesagt hat.
    Unter den 8 frischgebackenen Bänkern war eine tiefe Betroffenheit.

    Wer mehr darüber wissen will? ich gebe gern meine Händy Nr. durch.

  • 2
    4
    Pixelghost
    07.03.2018

    @Freigeist14, nach Ihrem Kommentar schlafe ich auf jeden Fall ruhig. Ich weiß, es kümmert sich jemand.

  • 8
    0
    Freigeist14
    07.03.2018

    Pixelghost@ schlafen Sie ruhig weiter. Hier wird in einem Portrait versucht,die der öffentlichen Kontrolle völlig entzogenen Vermögensverwaltung von "Blackrock" ein menschliches Anlitz zu geben. "Blackrock ist nichts anderes als ein Vermögensverwalter ,der sich im Interesse seiner Kunden um deren Geld kümmert" .Aha.Das die Kunden Bayer-Monsanto heißen oder Siemens,die auch Joe Kaeser "zwingen" Görlitz zu schließen,scheint dieser Finanzhai nur am Rand zu interessieren. Die FP hat es versäumt,auf die dunklen Machenschaften von Blackrock in der Welt hinzuweisen.

  • 2
    5
    Pixelghost
    07.03.2018

    Ist doch gut, wenn das noch welche, allen ?Widrigkeiten? zum Trotz, durchziehen. An wem könnten wir uns sonst abarbeiten?

    Naja, obwohl, es gibt da ja noch Pfarrer, die üblichen Verdächtigen im öffentlichen Dienst wie Beamte, Lehrer und andere Villenbauer.

  • 7
    0
    Zeitungss
    07.03.2018

    Wenn ich den Medien glauben darf, hingen auch schon welche unter der Brücke und zwar nicht zum ausruhen, die hingen dort wirklich. Sei die Frage erlaubt, warum das so ist ???? Genau diese will man allerdings nicht beantworten.

  • 10
    1
    aussaugerges
    07.03.2018

    Ich kenne Bänker die haben nach der Lehre aufgehört,ich kann das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren.



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