Hoffnung für den Chemnitzer Hauptbahnhof - fast alle Läden vermietet

Einzelhändler berichten von wachsenden Umsätzen, erstmals seit Jahren soll es nun wieder ein Bahnhofsfest geben. Die Werbung dafür wirkt allerdings merkwürdig.

Es war kein leichter Start. "Wir haben mit gruseligen Umsätzen angefangen", sagte Tobias Böhringer. Doch das sei nun vorbei. Vor 14 Monaten öffnete er als Franchise-Nehmer das "Back-Werk" am Bahnhof. Bis Weihnachten hätten sich seine Sorgen dann in Luft aufgelöst. Zwar gebe es noch Potenzial nach oben, er sei aber mit dem Standort zufrieden. Für die Zukunft sieht er einen Punkt kritisch. Das sei das Chemnitzer Modell, wodurch Fahrgäste direkt im Bahnhof vom Zug in die Straßenbahn umsteigen können. Damit müssen sie nicht mehr durch den Bahnhof laufen. Doch auch Hoffnungspunkte sieht Böhringer, und die überwiegen für ihn: Er setze auf die Universitätsbibliothek, die an der Straße der Nationen entsteht sowie auf das Technische Rathaus, das gerade an der Bahnhofstraße, Ecke Dresdner Straße gebaut wird. Außerdem hofft er, dass bald die Fernbusse am Bahnhof halten. Das würde weitere Kundschaft bringen.

Auch Uwe Wirkner, Betriebsleiter einer Gesellschaft, die das Schnellrestaurant Burger King und den Spar-Express-Markt betreibt, zeichnet ein hoffnungsvolles Bild, nachdem er im Herbst 2013 noch von großen Problemen sprach. Fast alle Ladenflächen im Bahnhof seien vermietet. Er habe von früh bis abends Kundschaft und könne, seitdem der Bahnhof keine Großbaustelle mehr ist, auf eine positive Umsatzentwicklung blicken. Auch er rechne mit noch mehr Kunden, wenn die Uni-Bibliothek und das Technische Rathaus fertig sind. Kritisch sieht er den "unnützen Bahnhofsvorplatz" und die Poller, die das Parken vor dem Gebäude verhindern und vor allem dem Schnellrestaurant Kundschaft gekostet hätten.

Grund zum Jubeln sieht Axel Reinhold hingegen nicht. Er ist Geschäftsführer des Chemnitzer Blumenrings, der eine Filiale am Hauptbahnhof betreibt. Der Standort sei "höchst problematisch", sagt er. Seine Hoffnung knüpfe er an die Fernbusse, die eines Tages am Bahnhof halten sollen.

Auch bei den Reisenden scheint noch keine Euphorie auszubrechen. Von zwei angesprochenen Frauen sagte die eine, sie komme aus Leipzig, sei ein paar Stunden in Chemnitz gewesen und habe gedacht, sie erwarte mehr auf dem Bahnhof. Die zweite wohnt in Hohenstein-Ernstthal und arbeitet in Chemnitz. Täglich ist sie auf dem Bahnhof, den sie nicht schön finde. "Ich kaufe hier auch nie etwas ein", sagte sie.

Der Eisenbahnknoten Chemnitz wurde von 2008 bis 2014 erneuert und außerdem die Westfassade saniert. Der Bahnhof ist eine zentrale Umsteige-Stelle für das Chemnitzer Modell geworden. Akteure auf dem Bahnhof sind die Erzgebirgsbahn, die City-Bahn Chemnitz, die Mitteldeutsche Regiobahn und der Verkehrsverbund Mittelsachsen. Die Deutsche Bahn, der das Gebäude gehört, steuert es selbst gar nicht mehr an. Am Montag wird nun ein Bahnhofsfest gefeiert. Das gab es laut Uwe Wirkner zuletzt im Jahr 2010. Organisiert wird es von "Station und Service" der Deutschen Bahn, die bundesweit 5400 Bahnhöfe betreibt. Der Bahnhof sei heute die Schaltstelle in der Mobilitätskette, sagte eine Sprecherin der Deutschen Bahn. Die DB "Station und Service" sorge dafür, "dass diese Schaltstellen funktionieren und je nach Größe zusätzliche Leistungen anbieten, die Aufenthalt und Umstieg angenehm machen". Pro Tag passierten rund 11.000 Reisende den Chemnitzer Hauptbahnhof, wo täglich 350 Nahverkehrszüge halten. Derzeit gebe es 17 Geschäfte und Gastronomieangebote. Zwei Flächen seien unvermietet.

Nur eine Frage konnte die Sprecherin nicht beantworten. Nämlich die, warum die Flyer für das Bahnhofsfest auf einer Vorlage von einem anderen Bahnhof, vermutlich einem Foto aus Halle an der Saale, gedruckt wurden. Im Bild zu sehen ist ein ICE, der in Chemnitz eine ausgestorbene Spezies ist. Der Slogan "Ihr Einkaufsbahnhof", zu dem bundesweit rund 40 Stationen, aber nicht Chemnitz gehören, wurde überklebt, schimmert aber noch durch.

Das Bahnhofsfest findet am Montag statt. In der Zeit von 10 bis 18 Uhr gibt es eine Fahrzeugausstellung, Kinderprogramm, Schulungen an Fahrkartenautomaten und ein Training für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen an einem dafür bereitgestellten Zug der Erzgebirgsbahn. Um 14.30 Uhr werden Fahrräder versteigert.


Kommentar: Fakten, bitte!

Eindeutig hat sich der Bahnhof verändert. Mehr gastronomische Angebote versprühen einen Hauch von Großstadtflair. Doch von einem "Einkaufsbahnhof" ist er noch Lichtjahre entfernt.

Das liegt daran, dass es zu wenige Reisende gibt. Jetzt zu fordern, dass Chemnitz den ICE-Anschluss bekommt, ist müßig und versteht sich von selbst. Doch auch den Busbahnhof am Hauptbahnhof braucht es. Ursprünglich sollte das bis 2018 geschehen, jetzt heißt es, frühestens 2020. Und was mit dem Fernbus-Terminal wird, ob es überhaupt in Bahnhofsnähe kommt, ist nach wie vor unklar. Seit Jahren verhandelt die Stadt mit der Bahn über den Kauf der benötigten Flächen. Fakten, bitte, Deutsche Bahn, irgendwann ist für Chemnitz der Zug abgefahren.

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1Kommentare
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  • 7
    3
    Klemmi
    29.09.2016

    Die Deutsche Bahn AG sollte lieber das Bahnhofsfest auf Dezember verschieben. Dann gibt es einen echten Anlass zur Feier: 10 Jahre Großstadtbahnhof ohne Fernverkehrsanschluss. Das Werbeplakat konnte mir nur ein Kopfschütteln entlocken. Der Paradezug der DB steht für Chemnitz als Synonym für den Anfang vom Ende des Fernverkehrs. Die inzwischen überklebte Anmerkung "Einkaufsbahnhof" ist Tinnef. Die Grundbedürfnisse können in Chemnitz Hbf befriedigt werden und wenn die Umsätze steigen ist es positiv aufzufassen. Es wäre ohnehin überflüssig aus dem Bahnhof die nächste Einkaufsmeile zu stampfen, hat die Innenstadt selbst Probleme alle Flächen an Mann zu bringen. Dazu kommt der Bahnhof selbst. Trotz umfangreicher Sanierungsarbeiten lässter er an vielen Ecken einen morbiden Charme auf mich. Ob es nun der Seiteneingang mit den Kacheln aus den 70er Jahren ist oder der runtergekommene Tunnel zu den Gleisen 11-14. In allen Städten wäre so ein Tunnel gleich mit auf Vordermann gebracht worden, in Chemnitz hat es natürlich nicht funktioniert. Stadt und Bahn liegen sich in den Haaren und die Gradwanderung von moderner, leuchtender Fassade zum Flickenteppich im Untergeschoss ist genauso nervig wie das ewige Hickhack bzgl. Omnibus- und Fernbusbahnhof. Sonst bietet sich ein trister Blick zu riesigen Flächen vorwiegend in Grau- und Beigetönen. Wie schön waren einst die grünen Inseln an den Kopfgleisen. Dazu kommt die zeitlich sehr weitgefasste Wiederanbindung ans IC-Netz, obwohl Lösungen schon eher realisierbar wären. Ich denke da an eine Verlängerung der IC-Linie ab 2017 Warnemünde-Dresden-(Chemnitz-Hof). Warum dafür sich niemand stark macht ist mir schleierhaft. Jedenfalls in diesem Zustand des Bahnhofes und dem Fahrplanangebot gibt es nichts zu feiern.



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