In Sachsen zahlen die wenigsten Unternehmen den Tariflohn

Lange Zeit hat der Freistaat mit niedrigen Löhnen geworben. Nun sieht er die wirtschaftliche Entwicklung in Gefahr und vollzieht eine Kehrtwende.

Chemnitz.

Sachsen ist das Bundesland mit der geringsten Tarifbindung. Galt 1996 noch für 38 Prozent der Firmen ein Tarifvertrag, so waren es 2016 nur noch 16 Prozent. Vor 20 Jahren profitierten 70 Prozent der Mitarbeiter von diesen Verträgen, nunmehr sind es nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur noch etwa 43 Prozent. "Der Freistaat ist damit im bundesweiten Vergleich Schlusslicht", sagte Markus Schlimbach, Vizechef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen. Die von Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge bilden den Rahmen für Arbeitsbedingungen und Lohnniveau. Sie gelten für diejenigen Firmen, die Mitglied in den Arbeitgeberverbänden der jeweiligen Branchen sind. Nichtmitglieder sollen sich zumindest an den Verträgen orientieren.

Ein wesentlicher Grund für die geringe Tarifbindung ist der wirtschaftliche Umbruch in Ostdeutschland. Als Treuhandbetriebe waren die Firmen automatisch tarifgebunden. "Anfangs gab es auch eine große Euphorie und kaum Vorbehalte", sagte Andreas Winkler, Chef des Verbandes der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie. "Mit dem wirtschaftlichen Einbruch in den 1990er-Jahren und gleichzeitig zweistelligen Tariferhöhungen kam jedoch die Ernüchterung." Zahlreiche Firmen verließen die Arbeitgeberverbände. Offenbar hat der sächsische Mittelstand immer noch Vorbehalte. "Unsere im Gegensatz zum Altbundesgebiet kleineren Firmen können in den meisten Fällen das hohe Tempo der Entgeltsteigerungen nicht mithalten, weil sie am Markt die dafür erforderlichen Preise nicht durchsetzen können", meinte Winkler.

Der Durchschnittslohn in tarifgebundenen Firmen liegt bei rund 3000 Euro, in nicht tarifgebundenen bei rund 2000 Euro. Genauso deutlich differieren Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Zuschläge und Arbeitszeit.

Die Lohnzurückhaltung birgt jedoch Risiken. Schon jetzt können viele Firmen durch Fluktuation oder Ruhestand frei gewordene Arbeitsplätze nicht besetzen. "Besserqualifizierte gehen dorthin, wo sie eine hohe Arbeitszufriedenheit vorfinden, auch finanziell", mahnt der Tarifexperte Hagen Lesch vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Aktuell sind bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern im Freistaat rund 38.400 offene Stellen gemeldet.

Als Anreiz für eine höhere Entlohnung fördert der Freistaat neuerdings Firmen mit Tarifbindung oder tarifgleicher Vergütung bei Investitionen. Zudem müssten Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften deutlich mehr Mitglieder gewinnen. "Tarifverträge bekommt man nicht im Schlafwagen", sagte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). "Eine Trendwende halte ich für wünschenswert für die wirtschaftliche Entwicklung des Freistaates."

Damit schlägt Sachsen in der Lohnpolitik eine neue Richtung ein. Auf der Suche nach Investoren für die regionale Wirtschaft hatte die Landesregierung lange Zeit mit niedrigen Entgelten als Standortvorteil geworben.

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16Kommentare
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  • 6
    0
    cn3boj00
    12.10.2017

    @1953... wenn man die Erhebungen der statistischen Ämter der Länder 2016 anschaut (ja solche Zahlen sieht man sonst eher selten in den Medien) stellt man folgendes fest: Thüringen hat von allen Ostländern die niedrigste Arbeitlosenquote (6,7%), die wenigsten Sozialhilfeempfänger (7,6%), die meisten Lehrer pro Schüler, und nach Meck-Pom (SPD-regiert) die meisten Ärzte po Einwohner. Millionäre sind die deswegen nicht, aber nähern sich gut dem Bundesdurchschnitt an oder sind sogar besser (Lehrer). Bloß mal so...

  • 7
    0
    Zeitungss
    12.10.2017

    Was soll das ganze Geheule in Sachsen. Der Verkekehrsverband Vogtland ist schon einen Schritt weiter. Er hat unter großer Anteilnehme der Bevölkerung die EHRENAMTLICHEN Busfahrer eingeführt. Es soll Deppen geben, welche es auch tun. Die Erfinder ( z.B. der Lengenfelder Bürgermeister und kostenintensieves Mitglied des VVV) sind STEUERFNANZIERT und jetzt sollte der Verstand der Leute einsetzen, welche diese Erfinder finanzieren, was ich persönlich nicht glaube. Nachzudenken wäre noch wer die Sklaverei, gelegentlich auch Zeitarbeit genannt, in Deutschland auf das Siegerpotest gehoben hat. Jeder darf jetzt nachdenken, verpflichtend ist es nicht, jammern allerdings erlaubt. Wer es immer noch nicht begriffen hat, Sachsen ist inzwischen ein einziger LEUCHTTURM, lange Zeit ersichtlich mit Werbung ander A72.

  • 5
    3
    gelöschter Nutzer
    12.10.2017

    Blackadder@ Ich muß das nicht wissen, ich weiß das . Lebe selbst lange genug hier. Und aus aller Parteien Mund kommt nur "Geschwätz" im Sinne der jeweiligen Führungselite. Das "Gemurmel" das Volkes will doch gar keiner der Oberen hören bzw. überhört es geflissentlich. Das ist bei allen!!! Parteien so. Nicht nur bei der CDU! Linke, Grüne, SPD usw arbeiten doch alle nach dem Prinzip: Känguru. Nichts im Beutel, aber große Sprünge machen. Wähler angeln, viel versprechen und nichts halten. Jede Stimme zählt! So, das wars, schau mal Titelzeile (oben)! Thema verfehlt, 5, setzen. Wir schweifen zu weit ab.

  • 6
    2
    1953866
    12.10.2017

    @Blackadder, Thüringen wird seit 2014 rot-rot-grün regiert. Ministerpräsident ist Ramelow, Parteimitglied der Linken. Wie sozialer und "Armut verhindernder" ist nun Thüringen im Vergleich zu anderen Bundesländern?

  • 3
    7
    Blackadder
    12.10.2017

    @vandanser: Und woher wollen Sie das wissen? Seit 1990 hat in Sachsen doch IMMER die CDU als Regierungspartei regiert?!

  • 7
    4
    gelöschter Nutzer
    12.10.2017

    Blackadder@ zu Ihrer Frage (11.10. ,10:46) Weil die angeblich "sozialen Parteien" nur dem Namen nach "sozial" sind, aber letztendlich unser Sachsen genauso ins Unglück stürzen wie alle anderen Parteien auch. Diese Sozialen haben doch längst ausgespielt und das Vertrauen der Mehrzahl der Sachsen verloren. Ich sage "Und das mit Recht" ! Von sozial keine Spur mehr. Nur aufs eigene Geldsäckel bedacht und zu allem Mist "Ja und Amen" sagen wie die Anderen auch. Oder stimmts nicht? Ein ´Hoch´ auf unsere Politiker.

  • 10
    0
    cn3boj00
    11.10.2017

    In JEDER Statistik, egal worüber, Durchschnittseinkommen, Tariflöhne, Einkommen der Berufsgruppen, Betreuungsschlüssel, Kinderarmut, bis hin zum Breitbandausbau: IMMER sind 5 Ostländer die letzten, und Sachsen ist meist der Allerletzte. Und dann gibt es EINE andere Statistik: Der Anteil der AfD Stimmen. Dort hat man exakt die umgekehrte Reihenfolge. Ein Zufall? Wie blind muss ein Tillich oder auch eine Merkel eigentlich sein, um den Zusammenhang nicht zu erkennen? Die Sachsen sind nicht fremdenfeindlicher als andere Deutsche, sie sind einfach überall die LETZTEN.

  • 4
    7
    Blackadder
    11.10.2017

    @ ffc19: In meinem Augen eine gerechte und auch solidarische Sozialpolitik, die Ungleichheiten in der Gesellschaft ausgleicht und Armut verhindert. Findet man z.B. bei der Linkspartei, auch wenn mir da u.a. in der Außenpolitik vieles sauer aufstößt.

  • 2
    1
    gelöschter Nutzer
    11.10.2017

    @V: Welche Merkmale zeichnen eine Partei als ?sozial? aus?

  • 6
    5
    BlackSheep
    11.10.2017

    @Blackadder, weil es schon lange keine soziale Partei mehr gibt.

  • 4
    5
    Blackadder
    11.10.2017

    @Vandanser: Aber warum wählen die Sachsen dann mit großer Mehrheit wirtschaftsliberale Parteien und nicht soziale?

  • 8
    0
    gelöschter Nutzer
    11.10.2017

    "In Sachsen zahlen die wenigsten Unternehmen den Tariflohn" !? Ja warum wohl? Weil hier in Sachsen das Chaos regiert, und dieses auch noch von Sachsens Regierung als Standortvorteil verkauft wird. Jeder ist bestrebt soviel Lohn zu erhalten, was seine Arbeit wert ist. Oder? Verleihfirmen haben hier Hochkonjunktur. Mindestlohn + paar Cent zulage und alle sind glücklich. Vor allem die Arbeitgeber. Haben keine Sorgen mit Entlassungen, sparen sich festangestellte Arbeiter, welche man ja nicht so schnell los wird. Aber wenn selbst die sächsische Regierung weiß, sie regiert ein Land am Rande des Abgrundes, warum hat sie nicht den Ar.. in der Hose was zu ändern? Von wegen =Niedriglohn als Standortvorteil= was ist daraus geworden? Abwanderung, Leiharbeit, Arbeitswege mit 100ten Km Hin- und Heimfahrt jede Woche. Ich spreche aus Erfahung (Vandans/Vorarlberg). Soviel zum sächsischen StandortVORTEIL.

  • 3
    0
    Zeitungss
    10.10.2017

    Leuchttürme braucht das Land, da haben wir schon mal einen, wenn auch nicht für alle sichtbar. Der Landeshauptmann kann diese Erfolgsserie sicherlich erklären, er will ja wieder.

  • 9
    0
    Zahlemann
    10.10.2017

    Wieso kommen sie jetzt nach 27 Jahren mit solch einer Forderung? Man, ich habe meine Million noch nicht voll und meine Frau braucht einen neuen Zweitwagen. Außerdem wollen meine Kinder auch noch was davon haben. Mein Kind ist von Beruf 'Sohn' und will die Firma mal übernehmen. Kann natürlich sein, dass meine Minderjährige Tochter sich ihren Anteil der Firma auszahlen lassen will, dann machen wir eben gleich zu. Uns gehts doch gut wird uns immer gesagt und ich kann dem nur zustimmen! Was stören mich die Arbeitnehmer, die können doch Wohngeld und andere Zuschüsse vom Staat erhalten. Wenn sie kein Geld für Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen kaufen! Bitte nicht so ernst nehmen, aber solche und ähnliche Sprüche habe ich schon oft gehört.

  • 12
    1
    Steuerzahler
    10.10.2017

    Das Ergebnis jahrelanger sächsischer Politik! Jetzt kommt die Quittung und der Arbeitskräftemangel wird es den so auf ihren Profit bedachten Arbeitgebern hoffentlich zeigen, dass niemand mehr bereit ist, für einen Hungerlohn zu arbeiten!

  • 13
    0
    Pedaleur
    10.10.2017

    Der Freistaat ist nicht nur hier im bundesweiten Vergleich Schlusslicht. Die Rahmenbedingungen im Kita- Bereich oder der Personalschlüssel in der Pflege sind weitere Beispiele für die rote Laterne. In den neunziger Jahren aus den Arbeitgeberverbänden ausgestiegen, lebte es sich doch ganz gut ohne Tarifbindung. Und diesen Umstand umzukehren, auch noch freiwillig, daran denken die Arbeitgeber nicht. Viele andere Dinge kommen dazu: Keine Personalentwicklung, fehlende Familienfreundlichkeit, entschieden mehr als gesetzlicher Urlaub, andere Vergünstigungs- und Anreizmodelle, auch für die Jugend- alles nicht im Sinne der sächsichen Wirtschaft. Und jetzt? Auf einmal Personalnotstand! Kommt wirklich ein Umdenken? Auf der anderen Seite sind genauso die Arbeitnehmer in der Verantwortung. Es muss vielleicht nicht gleich eine Gewerkschaft sein, aber sich als Betriebsrat zu engagieren, auch das ist nicht populär. Aber meckern ist es!



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