Werbung/Ads
Menü

Themen:



Foto: Arno Burgi/dpa

In Sachsen zahlen die wenigsten Unternehmen den Tariflohn

Lange Zeit hat der Freistaat mit niedrigen Löhnen geworben. Nun sieht er die wirtschaftliche Entwicklung in Gefahr und vollzieht eine Kehrtwende.

Von Ramona Nagel
erschienen am 10.10.2017

Chemnitz. Sachsen ist das Bundesland mit der geringsten Tarifbindung. Galt 1996 noch für 38 Prozent der Firmen ein Tarifvertrag, so waren es 2016 nur noch 16 Prozent. Vor 20 Jahren profitierten 70 Prozent der Mitarbeiter von diesen Verträgen, nunmehr sind es nach Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur noch etwa 43 Prozent. "Der Freistaat ist damit im bundesweiten Vergleich Schlusslicht", sagte Markus Schlimbach, Vizechef des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen. Die von Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelten Tarifverträge bilden den Rahmen für Arbeitsbedingungen und Lohnniveau. Sie gelten für diejenigen Firmen, die Mitglied in den Arbeitgeberverbänden der jeweiligen Branchen sind. Nichtmitglieder sollen sich zumindest an den Verträgen orientieren.

Ein wesentlicher Grund für die geringe Tarifbindung ist der wirtschaftliche Umbruch in Ostdeutschland. Als Treuhandbetriebe waren die Firmen automatisch tarifgebunden. "Anfangs gab es auch eine große Euphorie und kaum Vorbehalte", sagte Andreas Winkler, Chef des Verbandes der Sächsischen Metall- und Elektroindustrie. "Mit dem wirtschaftlichen Einbruch in den 1990er-Jahren und gleichzeitig zweistelligen Tariferhöhungen kam jedoch die Ernüchterung." Zahlreiche Firmen verließen die Arbeitgeberverbände. Offenbar hat der sächsische Mittelstand immer noch Vorbehalte. "Unsere im Gegensatz zum Altbundesgebiet kleineren Firmen können in den meisten Fällen das hohe Tempo der Entgeltsteigerungen nicht mithalten, weil sie am Markt die dafür erforderlichen Preise nicht durchsetzen können", meinte Winkler.

Der Durchschnittslohn in tarifgebundenen Firmen liegt bei rund 3000 Euro, in nicht tarifgebundenen bei rund 2000 Euro. Genauso deutlich differieren Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie Zuschläge und Arbeitszeit.

Die Lohnzurückhaltung birgt jedoch Risiken. Schon jetzt können viele Firmen durch Fluktuation oder Ruhestand frei gewordene Arbeitsplätze nicht besetzen. "Besserqualifizierte gehen dorthin, wo sie eine hohe Arbeitszufriedenheit vorfinden, auch finanziell", mahnt der Tarifexperte Hagen Lesch vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Aktuell sind bei den Arbeitsagenturen und Jobcentern im Freistaat rund 38.400 offene Stellen gemeldet.

Als Anreiz für eine höhere Entlohnung fördert der Freistaat neuerdings Firmen mit Tarifbindung oder tarifgleicher Vergütung bei Investitionen. Zudem müssten Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften deutlich mehr Mitglieder gewinnen. "Tarifverträge bekommt man nicht im Schlafwagen", sagte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). "Eine Trendwende halte ich für wünschenswert für die wirtschaftliche Entwicklung des Freistaates."

Damit schlägt Sachsen in der Lohnpolitik eine neue Richtung ein. Auf der Suche nach Investoren für die regionale Wirtschaft hatte die Landesregierung lange Zeit mit niedrigen Entgelten als Standortvorteil geworben.

 
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
 
16

Lesen Sie auch

Kommentare
16
Kommentieren (für Digital- und Printabonnenten)
  • 12.10.2017
    21:48 Uhr

    cn3boj00: @1953... wenn man die Erhebungen der statistischen Ämter der Länder 2016 anschaut (ja solche Zahlen sieht man sonst eher selten in den Medien) stellt man folgendes fest: Thüringen hat von allen Ostländern die niedrigste Arbeitlosenquote (6,7%), die wenigsten Sozialhilfeempfänger (7,6%), die meisten Lehrer pro Schüler, und nach Meck-Pom (SPD-regiert) die meisten Ärzte po Einwohner. Millionäre sind die deswegen nicht, aber nähern sich gut dem Bundesdurchschnitt an oder sind sogar besser (Lehrer). Bloß mal so...

    0 6
     
  • 12.10.2017
    19:55 Uhr

    Zeitungss: Was soll das ganze Geheule in Sachsen. Der Verkekehrsverband Vogtland ist schon einen Schritt weiter. Er hat unter großer Anteilnehme der Bevölkerung die EHRENAMTLICHEN Busfahrer eingeführt. Es soll Deppen geben, welche es auch tun. Die Erfinder ( z.B. der Lengenfelder Bürgermeister und kostenintensieves Mitglied des VVV) sind STEUERFNANZIERT und jetzt sollte der Verstand der Leute einsetzen, welche diese Erfinder finanzieren, was ich persönlich nicht glaube. Nachzudenken wäre noch wer die Sklaverei, gelegentlich auch Zeitarbeit genannt, in Deutschland auf das Siegerpotest gehoben hat. Jeder darf jetzt nachdenken, verpflichtend ist es nicht, jammern allerdings erlaubt.
    Wer es immer noch nicht begriffen hat, Sachsen ist inzwischen ein einziger LEUCHTTURM, lange Zeit ersichtlich mit Werbung ander A72.

    0 7
     
  • 12.10.2017
    11:54 Uhr

    Vandanser: Blackadder@ Ich muß das nicht wissen, ich weiß das . Lebe selbst lange genug hier. Und aus aller Parteien Mund kommt nur "Geschwätz" im Sinne der jeweiligen Führungselite. Das "Gemurmel" das Volkes will doch gar keiner der Oberen hören bzw. überhört es geflissentlich. Das ist bei allen!!! Parteien so. Nicht nur bei der CDU! Linke, Grüne, SPD usw arbeiten doch alle nach dem Prinzip: Känguru. Nichts im Beutel, aber große Sprünge machen. Wähler angeln, viel versprechen und nichts halten. Jede Stimme zählt!
    So, das wars, schau mal Titelzeile (oben)! Thema verfehlt, 5, setzen. Wir schweifen zu weit ab.

    3 5
     
  • 12.10.2017
    10:38 Uhr

    1953866: @Blackadder, Thüringen wird seit 2014 rot-rot-grün regiert. Ministerpräsident ist Ramelow, Parteimitglied der Linken. Wie sozialer und "Armut verhindernder" ist nun Thüringen im Vergleich zu anderen Bundesländern?

    2 6
     
  • 12.10.2017
    09:56 Uhr

    Blackadder: @vandanser: Und woher wollen Sie das wissen? Seit 1990 hat in Sachsen doch IMMER die CDU als Regierungspartei regiert?!

    7 3
     
Bildergalerien
  • 16.12.2017
Ralph Köhler/propicture
Tausende Besucher erleben Bergparade in Zwickau

Zwickau. 328 Frauen und Männer aus 14 Vereinen – unter anderem aus Reinsdorf, Hohenstein-Ernstthal, Geyer, Lugau und natürlich Zwickau – haben am Samstag in der Muldestadt die Bergbautradition aufleben lassen. ... Galerie anschauen

 
  • 16.12.2017
Sebastian Willnow/dpa
Schönste Kaninchen werden in Leipzig gekürt

Leipzig (dpa) - Kaninchen mit großen Ohren oder kleineren, gefleckt oder schneeweiß: In Leipzig sind an diesem Wochenende Züchter aus ganz Deutschland zusammengekommen. ... Galerie anschauen

 
  • 15.12.2017
Daniel Karmann
Neue Union: CDU/CSU positionieren sich für Schulz und Co.

Nürnberg (dpa) - Mit einem demonstrativen Schulterschluss ziehen CDU und CSU nach langem Flüchtlingsstreit in die komplizierten Gespräche mit der SPD über eine stabile Regierung. «Stark sind CDU und CSU besonders immer dann, wenn sie einig sind», sagte Kanzlerin Angela Merkel beim CSU-Parteitag in Nürnberg. zum Artikel ... Galerie anschauen

 
  • 13.12.2017
John Stillwell
Bilder des Tages (13.12.2017)

Treffen vor dem Spitzentreffen, Ohne Kerzendocht, Weihnachtspost, Mama gibt die Richtung vor, Wie ein wahrer Meister, Goldener Morgen, Musterförmig ... ... Galerie anschauen


 
 
 
 
 
 
 
 
am meisten ...
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
|||||
mmmmm