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Foto: Jens Kalaene/dpa/Archiv

Mittweidaer Institut setzt auf die nächste digitale Revolution

Die Hochschule Mittweida wendet sich energisch dem "nächsten großen Ding" nach der Digitalisierung zu. Es wäre "verheerend", nicht bei Blockchain mitzumischen, so der Rektor.

Ronny Schilder
erschienen am 29.06.2017

Mittweida. In seinem Berufsleben habe er noch nie ein Thema kennengelernt, das Menschen in wenigen Minuten so euphorisiert: Ludwig Hilmer, der am Mittwoch für weitere fünf Jahre im Amt bestätigte Rektor der Hochschule Mittweida, glaubt, dass die Blockchain-Technologie die Welt verändern wird. Fachleute teilen diese Ansicht. Seit zwei Jahren machen Nachrichten von weltumspannenden Allianzen die Runde, in denen sich Großkonzerne, Banken und Investoren mit dem Potenzial von Blockchain befassen.

Um an der rasanten Entwicklung teilzuhaben, von deren Ausmaß im Moment noch jeder Begriff fehlt, wurde am Donnerstag an der von Hilmer geleiteten Hochschule das Blockchain Competence Center Mittweida (BCCM) gegründet. Zahlreiche Lehrstuhlinhaber und Vertreter namhafter Unternehmen unterstrichen die Bedeutung der Gründung. Nach Ansicht Leonhard Zintls, Vorstand der Volksbank Mittweida, die das Zentrum unterstützt, könnten Mittweida und der Landkreis Mittelsachsen zu einer "Schaufensterregion für Anwendungen der Blockchain-Technologie" werden.

Blockchain ist vor rund zehn Jahren als technische Lösung für das digitale Zahlungsmittel Bitcoin entwickelt worden. Bitcoins werden in komplizierten Rechenprozessen erzeugt, sie sind im Internet auf speziellen Plattformen gegen klassische Währungen handelbar. Jede Transaktion wird in einer verketteten, revisionssicheren und öffentlich einsehbaren Liste gespeichert. Eine Technologie, von der nun viele erwarten, dass sie die gesamte digitale Welt erfasst - und verändert.

Wo Blockchain eingesetzt wird, verwandeln sich digitale Einheiten zu Gütern von Wert, erläutert Andreas Ittner, Professor für Informatik und Verteilte Informationssysteme der Hochschule Mittweida. Er ist der Direktor des BCCM. "Das bisherige Internet funktioniert wie eine Kopiermaschine: Wer E-Mails versendet, Dateien herunterlädt oder Fotos teilt, arbeitet im Prinzip mit Kopien. Handelt es sich nun um digitale Güter und Werte, ist das zu Ende: Blockchain ermöglicht einen tatsächlichen Übergang von Werten, wie wenn der eine dem anderen einen Geldschein in die Hand drückt."

Die Folgen sind frappierend. Bitcoins (und 1500 andere Kryptowährungen) ersetzen schon heute in Teilen der Wirtschaft das klassische Geld. Volksbank-Chef Zintl nennt das Beispiel einer Zahlung aus Kanada nach Deutschland, eingezahlt in kanadischen Dollars, umgewechselt in Euro und bar ausgezahlt. Was im herkömmlichen Bankbetrieb zwei Tage dauert, funktionierte im Praxistest mit Bitcoin-Technik binnen sieben Sekunden, bei Überweisungskosten von mageren drei Cent.

Aber die neuen Zahlungssysteme sind nur der Anfang. Wenn selbst kleinste Datenpakete oder Videos sauber von Hand zu Hand gehen und gegen Bezahlung den Besitzer wechseln können, entsteht eine dezentralisierte Welt digitaler Waren: ein "Facebook" ohne Facebook, ein "Youtube" ohne Youtube. "Wir brauchen dann keine zentralen Leuchttürme mehr", sagt Professor Ittner.

Die Blockchain-Technologie verspricht, die eigene Integrität zu sichern, also Fälschungen und nachträgliche Manipulationen zu verhindern. Damit könnte man ihr im Grundsatz auch die Führung von Grundbüchern, Personenstandsregistern oder Handelsbüchern anvertrauen - mit weitreichenden Folgen bis in die öffentliche Verwaltung hinein. Und es geht noch weiter: Künftig hätten nicht mehr nur Personen die Verfügungsgewalt über monetäre Werte, sondern auch Geräte, Maschinen, Software. Da drängen sich ethische und philosophische Fragen auf - wenn etwa eine Maschine ihren eigenen Entwickler bezahlt, der daran arbeitet, sie zu verbessern.

Wegen der unübersehbaren Potenziale und Konsequenzen einer auf Blockchain gegründeten Welt beschränkt sich das BCCM nicht auf technologische Fragen, sondern lotet das Thema umfassend aus. Im Herbst kommt ein viertägiger Praxisworkshop. Für 2018 ist ein neuer Master-Studiengang geplant, auf zwei Jahre einschließlich Praxissemester angelegt und zweisprachig. Arbeitstitel: "Blockchain and Distributed Ledger Technologies".

 
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