Gestenforschung: Sprechen mit den Händen

Die Technische Universität Chemnitz gehört zu den drei Einrichtungen in Deutschland, an der Sprachwissenschaftler Gestenforschung betreiben. Was macht das "Sprechen mit den Händen" so interessant für die Wissenschaft?

Ehe ich mich selbst das erste Mal per Video beim Sprechen beobachtet habe, hätte ich schwören können, kaum zu gestikulieren. Als ich dann die vielen Bewegungen mit den Händen sah, war ich sehr überrascht." Jana Bressem erinnert sich mit einem Lächeln an diesen Moment.

Stimmt, sie hat sich getäuscht. Das erkennt jeder, der mit ihr spricht, nach wenigen Minuten: Mit weitausholenden Gesten unterstreicht sie ihre Worte, ihre Hände, die Finger sind fast ständig in Bewegung. Sie führt die Arme zum Körper, vom Körper weg, nach rechts, links, oben, Handflächen nach vorn, Daumen hoch, Zeigefinger vor...

Was hat sie eben gesagt?

Wer einem Gesprächspartner gegenübersitzt, wird im Allgemeinen kaum von dessen Gestikulieren abgelenkt. Wir sind daran gewöhnt: Wer etwas erzählt, begleitet das Gesprochene zumeist mit Gesten. Oft fällt das nicht besonders auf.

Doch in diesem Gespräch ist das anders. Jana Bressem muss es sich gefallen lassen, dass die Augen ihren Worten intensiver folgen als die Ohren. In ihrem Arbeitsalltag macht sie es ja selbst so: Die Sprachwissenschaftlerin ist Gestenforscherin.

Es ist eine recht nüchterne Pressemitteilung, die die Technische Universität Chemnitz kürzlich verschickt hat: Germanisten der TU sind Mitherausgeber des zweibändigen Handbuches "Body - Language - Communication", das auf 2200 Seiten in einer ersten Zusammenstellung die Bandbreite der Gestenforschung vorstellt. Neben Ellen Fricke, die seit 2012 die Professur Germanistische Sprachwissenschaft an der Chemnitzer Universität inne hat, ist Jana Bressem, wissenschaftliche Mitarbeiterin in diesem Fachbereich, an der Herausgabe beteiligt. Fünf Jahre hat es gedauert, dieses Standardwerk der Gestenforschung, in dem jeder vertreten ist, der national und international auf diesem Gebiet arbeitet, zu veröffentlichen. Entstanden ist ein Überblick über die Forschung, die in den vergangenen zehn Jahren explodiert ist.

Was macht die Geste so interessant für die Wissenschaft?

"Wir stehen noch ganz am Anfang, aber schon jetzt ist klar, dass es ungeahnte Einsatzmöglichkeiten gibt. Allein auf dem Gebiet Mobilität und Verkehr. In den Forschungsabteilungen von Automobilkonzernen sind fahrerlose Autos ein wichtiges Thema. Wie kann der Mensch sich mit ihnen künftig verständigen? Über Gesten wäre eine Möglichkeit. Das gilt auch für die Kommunikation mit autonomen Robotern. Oder denken wir an die Wohnung der Zukunft, in der Menschen bis ins hohe Alter leben sollen. Wie können bestimmte Tätigkeiten auf einfache Art gesteuert werden? Mit typischen, vertrauten Gesten beispielsweise", erklärt Bressem. Es gäbe einen großen Bedarf, aber noch zu viele weiße Flecken auf diesem Forschungsgebiet. In Deutschland wird Gestenforschung auf sprachwissenschaftlicher Grundlage nur an drei Standorten betrieben. Die TU Chemnitz ist einer davon neben Frankfurt/Oder und Aachen.

"Unser großes Ziel ist es, hier am Lehrstuhl ein umfassendes Lexikon menschlicher Gesten des Alltagsgebrauchs zu erstellen", sagt Jana Bressem, die bereits an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder an mehreren Projekten zum Thema Gestenforschung beteiligt war und dort ihre Doktorarbeit über Wiederholungen bei Gesten schrieb.

Die Wissenschaft unterscheidet zwei Haupttypen von Gesten: singuläre und rekurrente. Während singuläre Gesten spontan während des Sprechens entstehen, handelt es sich bei den rekurrenten um Gesten, die immer wieder in derselben Form und Bedeutung verwendet werden. Wer nutzt sie nicht selbst - das Heranwinken mit der Hand zum Körper zu oder das Abweisen mit der flachen, nach vorn gestreckten Hand beispielsweise. Bei den singulären Gesten aber gibt es noch viele Unterarten. Dabei handelt es sich um verschiedene Formen des Nachahmens. Da kann die Hand selbst zum Objekt werden. Kleiner Finger und Daumen ans Ohr fürs Telefonieren ist solch eine typische Bewegung, die jeder versteht. Mit anderen Gesten werden Tätigkeiten nachgeahmt oder Gegenstände in ihrer Größe oder Form beschrieben: So groß war der Fisch an der Angel, der Abstand der Hände verdeutlicht es. Oder die Hände zeichnen ein Oval oder Rechteck in die Luft, um die Form des Bilderrahmens zu erklären.

Können Gesten auch allein stehen? "Selbstverständlich. Wir sprechen dann von sogenannten Emblem-Gesten. Das Victory-Zeichen, der gespreizte Zeige- und Mittelfinger, oder das An-die-Stirn-tippen beispielsweise bedürfen keiner Worte. Es gibt noch unzählige andere. Dennoch brauchen Gesten meist die Sprache, sie können - außer bei Gebärdensprache, das ist allerdings etwas anderes - nicht losgelöst vom gesprochenen Wort existieren." Aber auch der Sprache würde ohne die Geste viel fehlen. "Zeigen Sie mal jemandem die Richtung, in die er gehen soll, ohne mit der Hand zu weisen. Oder erklären Sie einem Kind ohne jegliche Handbewegung, wie eine Schleife gebunden wird." Es herrsche Arbeitsteilung zwischen Geste und Sprache.

Das Gestikulieren beginnt beim Menschen früh. Schon kleine Kinder zeigen auf das, was sie haben wollen, oder dorthin, wohin sie gehen wollen. Mit wachsendem Sprachschatz werden die Gesten umfangreicher und abstrakter. Das unterscheidet den gestikulierenden Menschen vom Affen. Britische Primatenforscher haben bei Orang Utans zwar ebenfalls Gesten entdeckt, mindestens 64 verschiedene. Doch es sind vor allem Bewegungen, die Tätigkeiten nachahmen. Nur der Mensch ist in der Lage, abstrakte Gesten, die Formen beschreiben, zu verwenden. "Allerdings ist es kaum möglich, Gerüche oder Farben mit Gesten darzustellen."

Also: Jeder Mensch gestikuliert, der eine mehr, der andere weniger. Die Südländer viel intensiver als die Deutschen, stimmt's? Das hat doch jeder bei einem Italienurlaub schon beobachten können.

Das sei ein Klischee, sagt Jana Bressem, und Untersuchungen hätten es auch bewiesen: Südländer gestikulieren anders, nämlich aus dem Schulter- und dem Ellenbogengelenk heraus. "Dadurch wirken die Gesten größer, wilder, ausladender. Je weiter nördlich man ist, desto kleiner werden die Gesten. Weil unsere Bewegungen in erster Linie aus dem Handgelenk kommen."

Könnte ich also mit den Händen sprechen, um mich im Ausland verständlich zu machen? "Das kann zu großen Missverständnissen führen", schränkt Jana Bressem ein. "Es gibt international ähnliche Gesten, die aber ganz unterschiedliche Bedeutungen haben." Ein Beispiel sei das schon erwähnte Victory-Zeichen, das für "Sieg" steht: Zeige- und Mittelfinger werden gespreizt, Handfläche nach vorn. "Wird lediglich die Hand umgedreht, ist die Geste zwar ähnlich, sie steht in Irland dann aber für eine obszöne Beleidigung." Ein anderes Beispiel sei der Ring, den Daumen und Zeigefinger bilden und womit hierzulande absolute Präzision unterstrichen wird und was soviel wie 'Super!' heißen soll. In Japan steht der Ring für Geld, in Südeuropa dagegen für eine Körperöffnung und ist ebenfalls obszön. "Gesten sind also kulturgeprägt."

In Veranstaltungen zum Thema Gestenforschung beschreibt Jana Bressem anfangs auch gern eine Szene aus dem Hollywood-Film "Inglourious Basterds", in der ein englischer Spion, der behauptet, ein Deutscher zu sein, drei Whiskys bestellt. Er hebt Zeige-, Mittel- und Ringfinger. Der Mann wird enttarnt, jeder Deutsche benutzt Daumen, Zeige- und Mittelfinger, um die Zahl Drei darzustellen.

"Die Gestenforschung ist ein spannendes Feld", betont Jana Bressem. "Aber sie ist auch ein mühsames Unterfangen." Per Video werden über viele Stunden Gesprächssituationen beobachtet - Unterhaltungen unter Freunden, Talkshows, Vorlesungen, Bundestagsdebatten. Im ersten Schritt ist das Gehörte zweitrangig, Gesten werden gesucht und jede einzelne erfasst. Wie bewegt sich die Hand? Vom Körper weg, zum Körper hin? Welche Finger sind beteiligt? In welcher Höhe sind die Arme? "Manche Szenen schaue ich mir vierzig-, fünfzigmal an." Im zweiten Schritt werden die Gesten im Zusammenspiel mit dem Gesprochenen untersucht. Unterstreicht die Hand das Gesagte, ergänzt sie es? Verläuft die Geste zeitgleich zum Wort oder folgt sie nach?

In den kommenden Semestern werden Seminare und Vorlesungen zum Thema angeboten. "Bereits sehr gut angenommen werden beispielsweise zum Tag der offenen Tür Vorträge wie 'Verstehste die Geste?', wodurch wir künftige Abiturienten auf ein Germanistikstudium neugierig machen wollen. Am 30. Mai laden wir wieder dazu ein."

Welche Gesten könnte diese Ankündigung von Jana Bressem beim Gesprächspartner hervorrufen? Arm in Brusthöhe, Hand senkrecht aufgestellt, Handflächen nach vorn? Also: Nein, kein Interesse! Oder die Ring-Geste? Das heißt: Super, das merk ich mir, da geh ich hin!

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...