Tierliche Personen

Menschen müssen ihre bisherigen Vorstellungen vom Leben, Denken und Handeln der Tiere korrigieren: Sie können viel mehr, als wir dachten. Es ist die Frage, welches Alleinstellungsmerkmal die Menschheit hat.

Eine Mausefalle verschaffte Karsten Brensing ein Schlüsselerlebnis. Das Büro des Wissenschaftlers liegt ebenerdig, im Sommer steht die Tür häufig offen. Da kommt ab und zu eine Maus herein. Obwohl Brensing Verhaltensforscher ist, mag er trotzdem keine Mäuse im Arbeitszimmer. Er stellte eine Falle auf, mit Nussnougatcreme. Eine Lebendfalle, also eine, in der die Maus nur gefangen, aber nicht getötet wird. Er hatte Erfolg. Die Maus wurde gefangen - aber Brensing war es nicht, der sie befreite. "Als ich die Falle sah, entdeckte ich, dass ein Steinchen von außen unter die Klappe der Falle geschoben war." Er verstand erst überhaupt nicht. Später kam ihm die Idee, dass eine Maus in die Falle gegangen war und dass eine andere Maus den Artgenossen befreit hat.

Vor Jahren hätte man den Wissenschaftler mit dieser These keinesfalls ernst genommen. Doch inzwischen vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine Meldung über eine verblüffende tierische Fähigkeit veröffentlicht wird. Delfine rufen sich beim Namen, Orcas leben in einer rund 700.000 Jahre alten Kultur, Ameisen erkennen sich im Spiegel. Raben können sich gedanklich in einen anderen Raben hineinversetzen, um sein Verhalten vorauszusehen. Fische und sogar Insekten benutzen Werkzeuge. Krähen bestehen Tests, die in Assessment-Centern angewandt werden und an denen menschliche Kandidaten scheitern. Schnecken drehen Fitnessrunden im Hamsterrad.

Ja und Brensing stieß bei der Suche nach der Erklärung für die leere Mausefalle in der Literatur auf ein entsprechendes Experiment mit Ratten. Sie zeigten Mitgefühl für ihre Artgenossen und hatten eine Strategie entwickelt, sie zu befreien. Dies übrigens völlig uneigennützig, altruistisch, also ohne eigenen Vorteil. Mehr noch, die Ratten wurden vor zwei Käfige gestellt, in einem war ein Artgenosse, in dem anderen lockte die süßeste Versuchung, die es für Ratten gibt: Schokolade. Sie befreiten dennoch erst den Artgenossen, um sich mit ihm gemeinsam die Schokolade zu teilen.

"Das Mysterium der Tiere" hat Brensing sein jüngstes Buch genannt. Darin beschreibt der aus Erfurt stammende, promovierte Meeresbiologe und Verhaltensforscher anhand zahlreicher Beispiele, dass es mit dem Unterschied zwischen Mensch und Tier nicht so weit her ist, wie wir lange Zeit annahmen. Fast alle Leistungen, die Menschen bisher für sich als exklusiv reklamierten, ja mit denen sogar die Abgrenzung zum Tierischen erfolgte, erbringen auch Tiere.

Brensing erlebte bei seinen Studien Überraschungen. Zwar weiß man schon lange, dass Delfine über große kommunikative Fähigkeiten verfügen. "Sie können visuell mit uns Menschen kommunizieren, in einer Art Gebärdensprache. Experimentell wurde nachgewiesen, dass sie abstrakte Symbole verstehen, neue Begriffe lernen und abstrahieren können, dass sie kurze Sätze verstehen und sich entsprechend verhalten. Sie kennen das Konzept von Null, entwickeln also eine Vorstellung von etwas, das nicht da ist", beschreibt Brensing. Bittet man etwa einen Delfin, den roten Ball in den eckigen Korb zu bringen, macht er genau das. Sagt man ihm, er solle den blauen Ball in den runden Korb transportieren, wird er dies tun. Und verlangt man, dass er den Unterwasserlautsprecher zum Korb bringt, dann unternimmt der Delfin erst einmal nichts. Brensing: "Tiere, die nur darauf trainiert sind, Kommandos auszuführen, würden nun am Lautsprecher rütteln. Die Tiere reagierten aber anders, ihnen war klar, dass der Lautsprecher nicht abgebaut werden konnte. Sie schwammen nicht einmal zu ihm hin, sondern starrten die Trainer an und warteten auf einen sinnvollen Auftrag." Doch während man bei Delfinen um diese kommunikativen Fähigkeiten schon längere Zeit wusste, konnten japanische Wissenschaftler jetzt auch bei Kohlmeisen Ansätze einer echten Sprache nachweisen. Sie sind in der Lage, einen Satzbau mit grammatikalischen Regeln zu verwenden.

In der Zusammenschau zeigen die Erkenntnisse, wie falsch unsere bisherigen Vorstellungen vom Leben, Denken und Handeln der Tiere sind. Und es bleibt die Frage, ob der Mensch etwas hat, das ihn grundsätzlich aus dem Tierreich heraushebt. Das Denken ist es nicht, die Sprache nicht, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl sind es nicht, strategisches Handeln auch nicht. Tiere können logisch und abstrakt denken, sie besitzen eine Biografie und ein Selbstbewusstsein, sie planen ihre Zukunft, sie können über ihr Wissen und Handeln reflektieren. Viele Wirbeltiere haben ein vergleichbares Gefühlsleben.

Bleibt dem Menschen ein Alleinstellungsmerkmal? Aus Brensings Sicht ist der "hohe Grad der menschlichen Kooperationsbereitschaft der einzige wirklich große Unterschied zwischen uns und anderen Tieren". Die Menschheit lebe in einer über Generationen entstandenen Welt. Städte, Infrastruktur, Wissenschaft und Kultur seien mit nichts zu vergleichen, was wir kennen. "Es ist schlicht fantastisch, was ,wir' aufgebaut haben", meint Brensing. Er verweist in diesem Zusammenhang auch auf den Leipziger Verhaltensforscher Michael Tomasello. Der spricht vom Menschen als "dem Tier, das ,wir' sagt".

Angesichts des Wissenszuwachses setzt sich Brensing dafür ein, diesen in die Lehrpläne an Schulen und Universitäten zu integrieren. Doch selbst ältere Erkenntnisse über die Fähigkeiten von Tieren findet man in aktuellen Fachbüchern von Studenten der Biologie vergeblich. Brensing hat Hochschulen Seminare angeboten, die die Lücke schließen könnten. Nur eine Handvoll Einrichtungen will sein Angebot nutzen; die meisten lehnten ab. Brensing sieht die Politik in der Verantwortung, Sorge zu tragen, dass Erkenntnisse über das Denken und Fühlen von Tieren und damit auch über die Stellung des Menschen in der Natur zum Allgemeinwissen werden.

Dies zum einen. Zum anderen erfordern die neuen Kenntnisse einen anderen Umgang mit Tieren. Sie erfordern einen, im wahrsten Sinne des Wortes, menschlichen Umgang mit ihnen. Vermenschlichung ist das Stichwort. "Weil wir wissen, wie Tiere fühlen, denken, empfinden, geht es darum, die Konsequenzen zu ziehen und ihren Schutz zu verbessern", sagt Brensing. So gebe es eine große Differenz zwischen dem, was im Tierschutzgesetz vorgeschrieben und was Realität ist. Nach rund 20 Jahren Arbeit im Natur- und Tierschutz ist Brensing der Meinung, dass Schutzgesetze nicht funktionieren. "Wenn sie einen effektiven juristischen Mechanismus darstellen würden, könnten Sie sicher sein, dass wir Aktiengesellschafts- und GmbH-Schutzgesetze hätten. Haben wir aber nicht. Stattdessen haben wir juristische Personen."

Um es nicht beim wirkungslosen Schutz zu belassen, sondern um Rechte einfordern zu können, hat Brensing die Individual Rights Initiative gegründet, die Initiative für individuelle Rechte, www.iri.world. Ihr gehören Wissenschaftler, vor allem Juristen an. Sie setzen sich dafür ein, dass Tiere einklagbare Rechte erhalten. Dafür wollen die Mitglieder ins juristische System eine dritte Person einführen. Neben natürlichen Personen, also uns Menschen, und der juristischen Person, also Firmen und Vereinen, sollte es die "tierliche Person" geben. In ihrem Sinne könnte jeder Anwalt sich dafür stark machen, dass Tierschutz nicht nur auf vermeiden von Schmerzen, Stress und Leiden ausgelegt wird, sondern auf Wohlergehen.

Das Buch:

Karsten Brensing: "Das Mysterium der Tiere"

Aufbau-Verlag

384 Seiten

22 Euro

ISBN: 978-3-351-03682-9

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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