Unser Blut: Das Rote in uns

Jedes Jahr wälzt das Herz so viele Liter Blut in uns um, dass sie ein Schwimmbecken füllen würden. Dabei rätselten die Gelehrten anfangs, was es mit der Flüssigkeit auf sich hat - und füllten sie gern mit Rotwein auf. Unser Blut - eine Geschichte von Irrtümern und Wunderwerken.

Wenige Wörter wecken blitzschnell so viel Aufmerksamkeit wie "Blut". Buchverlage wissen das, und so ist die Vielzahl von einschlägigen Titeln kein Wunder - von Stephen Kings "Blut" über Kim Harrisons Bücher "Blutspur", "Blutjagd" und "Blutspiel" bis hin zum Psycho-Thriller "Das Schwarze Blut" von Jean-Christophe Grangé. Blut sei halt ein "ganz besondrer Saft", ließ schon Goethe seinen Mephisto im "Faust" urteilen.

Seit jeher haben Gelehrte versucht zu begreifen, wozu die metallisch schmeckende Flüssigkeit in den Adern gut sein könne - und dabei kam viel Fantasie ins Spiel. "Das Blut ist einer der vier Kardinalsäfte im Sinne der antiken Vier-Säfte-Lehre", sagt Volker Hess, Direktor des Instituts für Geschichte der Medizin an der Berliner Charité. Nach dieser medizinisch längst überholten Vorstellung, der sogenannten Humoralpathologie, verfügt ein gesunder Mensch über ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Säften Schleim, Blut sowie gelbe und schwarze Galle.

Aderlass und Blutbrände: Der schon in der Antike vor über 2000 Jahren verbreitete Aderlass setzte hier an. "Mit ihm wollte man ein Zuviel an Blut im Körper beseitigen und das Gleichgewicht der Säfte wiederherstellen", erklärt Hess den Therapieansatz. Bis in die Neuzeit war die Methode weitverbreitet; Ärzte ließen viele Kranke zur Ader. Daran änderte auch die Entdeckung des Blutkreislaufs durch den englischen Arzt William Harvey (1578 bis 1657) lange Zeit wenig.

Zutreffende Vorstellungen über die Blutherkunft im Körper haben sich erst allmählich herausgebildet. "Noch um 1600 nahmen die einfachen Menschen, aber auch die Ärzte, an, dass unsere Nahrung zuerst im Magen und dann in der Leber verdaut wird und dass dort, in der Leber, das Blut entsteht", sagt Michael Stolberg, der an der Universität Würzburg das Institut für Geschichte der Medizin leitet.

Konsequenterweise konnten dieser Vorstellung nach Blutverluste auch durch Nahrungsaufnahme ersetzt werden - am besten durch Rotwein, der als besonders stärkend galt. "Bis ins 19. Jahrhundert hinein gaben viele Ärzte ihren Patienten nach der Operation mit starken Blutverlusten Rotwein zu trinken", sagt Stolberg.

Ließen Ärzte oder Chirurgen die Kranken zur Ader, untersuchten sie routinemäßig das aus den Venen abgelassene Blut - die sogenannte Blutschau war neben der Harnschau ein wichtiges Diagnoseverfahren. Dabei kam es, wenn das Blut gerann und sich dunkel färbte, leicht zu Fehlschlüssen. "Das Blut galt dann als schwarz und verbrannt, eine Folge zu großer Hitze im Körper, etwa durch Fieber", sagt Stolberg. Dazu passte, dass der Körper als eine Art Ofen angesehen wurde, der die Nahrung quasi verkochte und in dem es bei Überhitze leicht zu solchen Blutbränden kommen konnte.

Nach damaliger Vorstellung bildeten sich die Lebensgeister eines Menschen im Herzen und gelangten von dort in den restlichen, auf diese Weise belebten Körper. Nur so war dieser zu raschen Regungen und Sinnesempfindungen imstande. Verletzte sich jemand und verlor Blut, entwichen aus den offenen Gefäßen auch die Lebensgeister und somit nach und nach die Lebendigkeit. Nach der Lehre des französischen Philosophen und Naturwissenschaftlers René Descartes (1596 bis 1650) gelangten die Lebensgeister als feinste und beweglichste Blutteilchen vom Herzen ins Gehirn und wurden dort zu Seelengeistern, zu den ominösen "esprits animaux", die von dort aus weiter durch die Nerven in die Muskeln des Körpers drangen, wo sie die Bewegungen erzeugten. Descartes zufolge floss das wärmste und lebhafteste Blut vom Herzen auf kurzem Wege zum Gehirn - auch um dort dem Verstand Leben einzuhauchen.

Das Adernetz: Nichtsdestotrotz begegnen wir unserem Blut auch heute noch teils irrational. Nimmt ihnen der Arzt Blut ab, wenden viele Menschen lieber den Blick ab. Fließendes Blut weckt Ängste. Seine alarmierende Farbe erhält es durch den Farbstoff Hämoglobin, der die Blutkörperchen rötet. Durchschnittlich fünf bis sechs Liter Blut kreisen in den Adern von Frauen beziehungsweise Männern - einem feinst verzweigten Geflecht mit einer Gesamtlänge von vielen tausend, manche Schätzungen sprechen sogar von bis zu hunderttausend Kilometern. Der weitaus größte Teil davon ist freilich nur sichtbar unter einem starken Mikroskop.

Das Adernetz ist ein Zu- und Abfluss in Perfektion. Die roten Blutkörperchen werden in der Lunge mit Sauerstoff beladen und schaffen ihn zu den Körperzellen, wo er sozusagen verbrannt wird, um Energie zu erzeugen. Praktischerweise schwimmt Kohlendioxid als Abfallprodukt dieser Kohlenstoffoxidation mit dem Blutstrom gleich wieder zurück zur Lunge und wird über sie ausgeatmet. Das ist so, als würde der Pizza-Service die geleerten Pappschachteln wieder mitnehmen.

Doch das zu etwa 90 Prozent aus Wasser bestehende Blut kann viel mehr: Nicht nur nimmt es im Darm lebensnotwendige Nährstoffe auf, führt sie zu den Körperzellen und nimmt auch von dort die schädlichen Stoffwechselprodukte wieder mit zu Leber und Niere, wo sie abgebaut werden. Das Blut transportiert auch die weißen Blutkörperchen heran, die sich bei Infektionen und Krankheiten auf deren Erreger stürzen und diese unschädlich machen - wenn alles gut geht. Die Polizisten des Körpers entstehen im Knochenmark. Ihr Einsatz gilt Bakterien, Giftstoffen und Krebszellen, Würmern, Pilzen und in den Körper eingedrungenen Fremdpartikeln.

Der Blutkreislauf in Zahlen: Kein Wunder, dass der Mensch von seinem Blut lebt. Etwa einen Liter davon zu verlieren, kann der Körper eines gesunden Erwachsenen noch verkraften; darüber wird es kritisch, bei mehr als zwei Litern Blutverlust droht ohne Gegenmaßnahmen der Tod. Die bei Blutspenden abgezapfte Menge von einem halben Liter ist hingegen leicht zu verkraften.

Schlägt das meist 300 bis 350 Gramm schwere Herz eines - eher untrainierten - Mannes durchschnittlich 80-mal pro Minute, pumpt es dabei sämtliche sechs Liter Blut einmal komplett durch die Blutgefäße, 75 Milliliter pro Schlag. Jeden Tag wälzt dieses Herz etwa 8640 Liter um, im Jahr also 3,15 Millionen Liter - genug, um ein 40 Meter langes, 20 Meter breites und 4 Meter tiefes Schwimmbecken fast komplett zu füllen. Die tatsächliche Menge schwankt von Mensch zu Mensch, und auch bei demselben Menschen hängt sie von mehreren Einflussgrößen ab - etwa der körperlichen Betätigung.

Die Zahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) in einem Menschen ist gewaltig. Bei einem durchschnittlichen Mann enthält bereits ein Millionstel Liter Blut - etwa der Inhalt eines Stecknadelkopfes - über fünf Millionen davon, in sechs Litern Blut finden sich also ungefähr 30.000.000.000.000 oder 30 Billionen rote Blutkörperchen; bei einer Frau etwa 25 Billionen. Jede Sekunde kann der Blutkreislauf auf zwei bis drei Millionen neue Erythrozyten zurückgreifen - und ebenso viele sterben in einer Sekunde ab. Stapelte man alle Blutkörperchen übereinander, würde der rote Turm etwa 40 Kilometer in den Himmel ragen.

Wenn Blut fließt: Vom einfachen blauen Fleck bis zur lebensbedrohlichen Störung

Blutergüsse haben eine verräterische Dauer. So manche Gewalttat - vor allem an Frauen und Kindern - bleibt so selbst für Laien oft wochenlang erkennbar. Männer bekommen etwas schwerer einen Bluterguss, weil ihre Gefäßwände stabiler und das Bindegewebe in ihrer Haut weniger weich ist als das von Frauen. Auch alte Menschen neigen verstärkt zu einem Hämatom, weil ihr Unterhautfettgewebe dünner ist und daher Stöße schlechter puffert. Durch einen Stoß oder Schlag reißen kleine und kleinste Blutgefäße (Kapillare), sodass sich das Blut in ihnen ins umgebende Gewebe ergießt. Dieser Vorgang lässt sich eindämmen, wenn man etwas Kaltes auf die Verletzung presst. Dadurch verengen sich die Haargefäße, und der Blutfluss wird deutlich schwächer. Menschen mit Bluthochdruck verlieren bei Gefäßverletzungen etwas eher Blut ins umgebende Gewebe als Gesunde.

Gerinnt das ausgetretene Blut, verdunkelt sich seine rote Färbung und wird allmählich zum charakteristischen Blau des gleichnamigen Flecks. Doch die eigentliche Farbenpracht folgt erst noch, wenn der rote Blutfarbstoff (Hämoglobin) durch Enzyme weiter abgebaut wird, und zwar in diverse Farbstoffe, die zunächst braun oder schwärzlich schimmern. Später bildet sich das dunkelgrüne Biliverdin, danach das gelb-bräunliche Bilirubin. Allmählich verblasst der Fleck dann.

Wenn sich das Hämatom bindegewebsartig verkapselt und Schmerzen oder andere Beschwerden verursacht, sollte ein Facharzt zurate gezogen werden.

Bluterkrankheit, die Hämophilie, ist eine lebensbedrohliche Störung der Blutgerinnung, an der hauptsächlich Männer leiden. Verletzen sich Bluter, gerinnt das austretende Blut nur langsam oder gar nicht. Schlimmstenfalls droht ein lebensgefährlicher Blutverlust; es kann jedoch auch zu inneren Blutungen kommen. Bei der klassischen Form der echten Bluterkrankheit stockt das Blut nicht, weil ihm ein Blutfaktor namens "antihämophiles Globulin" fehlt.
Die Krankheit wird über das X-Chromosom vererbt - und zwar rezessiv, also unterdrückbar durch dominante Erbanlagen der Mutter, nämlich ein nicht belastetes X-Chromosom. Deshalb können männliche Bluter die Störung nur an ihre Töchter vererben, denn an ihre Söhne geben sie nur das Y-Chromosom weiter, während deren X-Chromosom, das in der Regel ja unbelastet ist, von ihrer Mutter stammt.

Bei Töchtern eines bluterkranken Vaters tritt die Krankheit nur in sehr seltenen Fällen auf - wenn nämlich sowohl das X-Chromosom des Vaters wie auch dasjenige der Mutter die Krankheit vermitteln. Die Töchter hämophiler Väter können das großväterliche Bluter-Erbe über das väterliche X-Chromosom mit dem Defekt jedoch an ihre Söhne weitergeben. Diese werden jedoch ebenfalls nur dann selber zu Blutern, wenn zusätzlich auch das von ihrer Mutter stammende X-Chromosom das Leiden vermittelt.

Blutegel - zurück in der Alternativmedizin

Sie mögen eklig erscheinen - doch Blutegel erfreuen sich in der Heilkunde wieder reger Beliebtheit. Mindestens schon die Babylonier haben den Blutegel vor 3500 Jahren medizinisch eingesetzt. Die einst begründete Therapie diverser Gefäßleiden wurde jedoch so beliebt, dass der Egel Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa auszusterben drohte. Auch vom Menschen verschmutzte Gewässer setzten ihm stark zu. Wer heute Blutegel vermarktet, greift deshalb auf Zuchtexemplare zurück. In Deutschland, der Schweiz und in vielen anderen Ländern Europas steht der Blutegel unter Naturschutz; ihn wild zu sammeln, ist verboten.

Zum Einsatz kommen Egel heute bei Venenleiden, Tinnitus, Arthrose, Krampfadern, Besenreisern, meist in der Alternativmedizin. Aber auch bei entzündeten Hoden, Mandel-Abszessen, Gürtelrose oder Bluthochdruck gelten sie als bewährt. Zudem sind sie bei der wiederherstellenden Chirurgie nützlich, indem sie etwa einen angenähten Finger neu zu durchbluten helfen. Der Biss eines Blutegels mit seinen drei Kiefern schmerzt kaum. Wenn das ausgestreckt 15 Zentimeter lange Tier saugt, sondert es die Blutgerinnungshemmer Hirudin und Calin sowie den bei Arthrose helfenden Entzündungshemmer Eglin in die Wunde ab.

Wenn Blut an Wörtern klebt

Blaublütigkeit: Adlige mögen anderen Menschen einiges voraushaben, doch ihr Blut war nie blau. Vielmehr haben das Meiden direkten Sonnenlichts und bei den Damen obendrein kunstvolle Sonnenschirmchen eine vornehme Blässe erzeugt. Und diese hat das bläulich schimmernde Geflecht der Venen etwa an den Armen durchscheinen lassen - anders als beim gebräunten Bauernvolk.

Bluthund: Im Englischen "Bloodhound" genannt, ist diese Hunderasse nicht blutrünstig, sondern freundlich. Sie wird auch Sankt-Hubertus-Hund genannt, weil Mönche des Klosters Saint-Hubert in den Ardennen sie im Mittelalter gezüchtet haben. Im 11. Jahrhundert sollen sie nach England gekommen sein. Warum der Bluthund so heißt, ist unklar. Möglich, dass "von edlem Blut" gemeint ist, doch vielleicht meint der Name die Eignung des Hundes zum Verfolgen verletzten Wildes. So gehört der Bluthund zur Gruppe der Schweißhunde - Jäger nennen das Blut des Wildes Schweiß.

 

Dieser Beitrag erschien in der Wochenendbeilage der "Freien Presse".

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