Alte Mühle steigt zu Dorfzentrum auf

30 Jahre später Es ist spannend, alte Bilder zu betrachten. Erst da fällt auf, was sich im Laufe der Jahre alles verändert hat. "Freie Presse" lädt ihre Leser zum Vergleichen ein und dazu mit Fotos von damals beizutragen. Heute: Zschorlaus Ortszentrum.

Zschorlau.

Anfang der 1990er-Jahre verfügte die Gemeinde Zschorlau über kein Ortszentrum. Wie viele Dörfer im Erzgebirge hatte sich der Ort entlang eines Baches entwickelt, des Zschorlaubachs. Was die Alten als Weckmühle kannten, lag allerdings einige Meter entfernt vom Bach, dafür an einem Mühlgraben, der 1910 zugeschüttet wurde. Heute ist das Gebäude das Haus der Vereine und bildet im Ensemble mit dem benachbarten Leistnerhaus und einer gestalteten Fläche an einem Weiher das neue Ortszentrum.

Erbaut wurde das Haus 1636 von Familie Weck, von daher auch sein althergebrachter Name. Bis etwa 1890 war es eine Kornmühle, geht aus Unterlagen des Gemeindearchivs hervor. Die dazugehörige Bäckerei bestand bis 1879. Nach wechselnder Nutzung kaufte es die Gemeinde 1941. Ab 1942 befand sich in der oberen Etage ein Kindergarten, die untere Etage wurde an eine Firma aus Rodewisch vermietet, die dort Windelhosen und Gummibekleidung aller Art herstellte. Von 1955 bis 1974 hatte die Gemeindebibliothek ihr Domizil im Obergeschoss, dann war es ein Trainingszentrum für den Wintersport. Die untere Etage wurde in diesem Zeitraum unter anderem durch den Bauhof und bis 1990 als Tischlerei der HO (Handelsorganisation) genutzt. Auch eine Wohnung befand sich zwischenzeitlich in dem Gebäude.

Zschorlaus Bürgermeister Wolfgang Leonhardt ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem heute sanierten Gebäudeensemble aufgewachsen. "Als Kind war ich in der Bibliothek und auch im Wintersport-Trainingszentrum", sagt der heute 61-Jährige. Die alte Weckmühle zu sanieren und einer neuen Nutzung zuzuführen, dürfte eine der ersten Entscheidungen gewesen sein, die Leonhardt als erster Nachwende-Bürgermeister von Zschorlau herbeiführte. Zwischen Postplatz und Sparkasse sollte ein neuer Ortskern geschaffen werden. Auch wenn der Zustand der beiden Fachwerkhäuser - eines davon ist das heutige Haus der Vereine - sehr marode war, habe ein Abriss nie zur Debatte gestanden. Allerdings, so räumt Leonhardt ein, die ehemalige Weckmühle konnte nur denkmalgerecht wieder aufgebaut werden. Das Fachwerk ist nicht mehr das originale, die alte Konstruktion war nicht mehr zu erhalten, sie wurde neu aufgebaut.

Zum neuen Ortskern gehören aber auch noch das Gebäude, wo sich heute Schnitzer und Klöpplerinnen treffen und eben jene Idylle mit Teich auf der anderen Straßenseite. Als die fertig gestaltet war, hatten die Zschorlauer schnell einen Namen dafür: Wolfgangsee, benannt nach dem Bürgermeister. "Darauf bin ich sogar stolz", sagt Wolfgang Leonhardt. Wo sich heute der Teich und die Ortspyramide befinden, standen vorher eine Schmiede. Diese wurde abgerissen. Wolfgang Leonhardt hat als Kind oft beobachtet, wie dort die Hufe der Bauernpferde beschlagen wurden. Hat er heute mal ein wenig Zeit, sich das Ensemble zu betrachten, ist er mit dem Ergebnis der Sanierung nach wie vor zufrieden.

Die Sanierung dauerte von 1994 bis 1997 und kostete damals 1,3 Millionen D-Mark. Über das Stadtsanierungsprogramm, in das Zschorlau aufgenommen wurde, gab es ein Drittel Förderung vom Bund, ein Drittel vom Land, und ein Drittel musste die Gemeinde selbst als Eigenmittel tragen. Als erstes wurde 1994 der alte Schuppen beziehungsweise Stall abgerissen. Hauptarbeiten während der Rekonstruktion waren die Mauerwerkstrockenlegung, das Entkernen der Holzkonstruktion, Fachwerk und Decken wurden gesichert und erneuert und ein neuer Anbaubereich geschaffen.

Am 5. Juli 1997 wurde das Haus der Vereine eröffnet. Die Gemeindebibliothek - zwischenzeitlich mit dem Kindergarten in einer Holzbaracke hinter dem Sparkassengebäude untergebracht - zog wieder ins Obergeschoss ein. Dort sind auch der sogenannte I-Punkt der Gemeinde, also das Informationszentrum, sowie das historische Archiv der Gemeinde. Bis vor kurzem gab es einen Seniorentreff im Haus.

Regelmäßig tagt hier der Zschorlauer Gemeinderat, Feiern finden dort statt. Für die Serenaden, die im Sommer von der Gemeinde veranstaltet werden, bietet das Haus eine schöne Fassade.

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