Anekdoten und Briefe aus der Welt der DDR-Kunst

"Du mit Deiner frechen Schnauze" würdigt Renate Holland-Moritz

Ja, die freche Schnauze hatte sie schon, wie es im Titel des Buches mit Anekdoten und Briefen von Renate Holland-Moritz heißt. Aber sie war vor allem eine engagierte und kenntnisreiche Journalistin, die über Jahrzehnte die widersprüchliche Kinowelt der DDR mit pointierter Kritik, aber auch mit Freundlichkeit beschrieb. Die Älteren wissen, was sie an der Bück-Dich-Zeitschrift "Eulenspiegel" hatten: eine der wenig öffentlichen Besichtigungen des kulturellen Lebens.

In dem Band, den Reinhold Andert und Matthias Biskupek herausgegeben haben, lesen wir nicht nur, wie die Filmkritikerin das Angebot der DDR-Kinos durchmusterte, sondern auch, was nicht so unnormal ist, wie sie gelegentlich mit ihrer Kritik im Unrecht war, wenn sie etwa die großartige Anita Ekberg einen "schwedischen Fleischberg" nannte. Nun ja, Kritiker haben es nicht leicht, und auch Renate Holland-Moritz musste manche Kritik einstecken.

Wer aber noch einmal dem Personal der DDR-Filmwelt begegnen möchte, der wird die Briefe, die Andert und Biskupek ausgewählt haben, mit Interesse, Vergnügen und Nachdenklichkeit lesen. Natürlich kannte sie die illustre Gesellschaft der Filmemacher in der DDR: Regisseure, Schauspieler und auch die "Funktionäre", die besonders gern in die Filmproduktion und Filmrezeption hineinredeten. Und sie hatte sogar Verständnis dafür, dass die Akteure eines Filmes für ihre Arbeit immer gelobt werden wollten. Freilich musste sie ihnen sagen, dass ein Kritiker eben ein Kritiker und kein Lobredner ist; da kann man manche hübsche Anekdote lesen.

Nun möchte ich meine schönste Schauspieleranekdote zum Besten geben. Renate Holland-Moritz erzählt in ihrem Buch, das der Schauspieler Raimund Schelcher schwerer Alkoholiker war. Mir erzählte der Schauspieler Herwarth Grosse, dass er einst in die Theaterkantine kam, wo Schelcher vor der Vorstellung schon betrunken war. "Mensch, Raimund, in 20 Minuten beginnt die Vorstellung", sagt Grosse kopfschüttelnd. "Da muss ich ja betrunken sein", sagt Schelcher, denn man spielte ein Stück, wo im ersten Akt ein Schauspieler einen Betrunkenen darstellt, der einen Verkehrsunfall verursacht hat. "Ja, das ist richtig", sagte Grosse, " aber im zweiten Akt musst du ja nüchtern sein". Da erhebt sich Schelcher schwankend und sagt: "Das muss man dann spielen".

So war das also im Schauspielerleben: Das muss man dann spielen. Das vorliegende Brief- und Anekdotenbuch erinnert an die heiteren wie die weniger erfreulichen Ereignisse in der DDR-Kunst- und Schauspielerwelt. Aber auch und vor allem ist es eine Erinnerung an Renate Holland-Moritz, die eben nicht nur eine freche Schnauze hatte.

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