Anzahl der Pflegebedürftigen in Sachsen steigt deutlich an

Bis 2030 rechnen Experten mit einem Plus von über 25 Prozent. Sie sehen eine großere Herausforderung bei der Versorgung. Der Freistaat will die Lage in den Kommunen jetzt systematisch erfassen.

Chemnitz.

In Sachsen werden in den kommenden Jahren noch deutlich mehr Menschen auf Pflege angewiesen sein als heute. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer aktuellen Studie anhand von zwei Varianten der Regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung für den Freistaat Sachsen ermittelt: Die Anzahl der Pflegebedürftigen wird von 166.792 im Jahr 2015 auf 209.400 bzw. 212.500 im Jahr 2030 steigen.

Die Experten der Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit gehen insbesondere von einer kräftigen Zunahme der Personen im Alter über 80 Jahre aus. Der Anteil dieser Personen an der Gesamtbevölkerung wird sich zwischen 2014 und 2030 von 6,9 auf 9,5 Prozent erhöhen. Im Erzgebirge, im Landkreis Zwickau und im Vogtland wird die Quote sogar auf Werte zwischen 11,2 und 11,7 Prozent steigen - mit besonders vielen Über-85-Jährigen.

Die Folgen: Nicht nur zusätzliche Pflegeheime werden gebraucht - die vorhandenen 885 sind zu 99 Prozent ausgelastet -, sondern es wird vor allem deutlich mehr Personal benötigt. Bis 2030 müssen 16.700 zusätzliche Vollzeitstellen geschaffen werden. Weil aktuell aber mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Pflege in Teilzeit arbeitet, könnte das einen Anstieg von über 21.000 Frauen und Männern bedeuten. Um die Personalnot zu lindern, schlagen die IAB-Experten vor, mehr Beschäftigte in Vollzeit zu bringen. Die Pflege müsse aber auch für ältere Beschäftigte attraktiver werden und besser mit der Familie vereinbar sein. Eine besondere Herausforderung sei jedoch die geringe Vergütung. Das mittlere Gehalt lag 2016 in Sachsen bei 2050 Euro für eine Altenpflegefachkraft und bei 1597 Euro für einen Helfer. Im Bundesdurchschnitt waren es 2621 bzw. 1870 Euro.

Die Landesregierung setzt derweil vor allem auf Pflege durch Angehörige. Dabei ist der Anteil in Sachsen zwischen 1999 und 2015 von 48 auf 40 Prozent zurückgegangen; Experten erwarten, dass sich der Trend fortsetzt. Die Gründe: Als Folge der Abwanderung wohnen Kinder und Enkel heute oft weit entfernt; außerdem sind hierzulande überdurchschnittliche viele Frauen berufstätig und haben damit weniger Zeit, sich um Angehörige zu kümmern. "Wir brauchen neben den stationären Einrichtungen ein gut ausgebautes Netz, um zu Hause pflegen zu können. Dazu sind die Angehörigen ganz wesentlich", sagte Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) in einem Interview mit der "Freien Presse".

Morgen startet die Ministerin in Annaberg-Buchholz den ersten Pflegedialog mit Angehörigen, Pflegekräften und Branchenexperten. Solche Veranstaltungen sollen künftig in allen Landkreisen und kreisfreien Städten Sachsens stattfinden. Man wolle damit den regionalspezifischen Blick auf das Thema Pflege schärfen und den Austausch aller Beteiligten vertiefen, hieß es aus dem Ministerium.

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1Kommentare
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  • 2
    0
    VaterinSorge
    10.09.2018

    liebe FP, danke Oliver Hach. Endlich wird das seit Jahren sich anbahnende Drama mal thematisiert. Wir reden in Sachsen von etwa 92.000 Menschen derzeit, die von starken Mobilitätseinschränkungen betroffen sind, aber noch gar keine Pflegestufe haben und von über 200.000, die kurz davor stehen. Die große Koalition im Freistaat hat seit über einem Jahr ein sächsisches Förderprogramm aufgelegt, dessen Etat im kommenden Doppelhaushalt deutlich erhöht wurde, damit Menschen mit Mobilitätseinschränkungen Zuschüsse von bis zu 8.000 Euro erhalten, um ihre Wohnungen techn. auszustatten oder bis zu 20.000 Euro, um diese sogar rollstuhlgerecht umzubauen. Pflege fängt immer mit Mobilitätseinschränkungen und daraus resultierenden Schwierigkeiten bei der täglichen Hygiene, der Zurückgezogenheit und Einsamkeit und den fehlenden Aufgaben und sozialen Kontakten an. Dagegen helfen techn. Hilfsmittel wie bodengleiche Duschen mit Wandklappsitzen, elektrisch höhenverstellbare Dusch-WC's mit integrierten Selbstreinigungsprogrammen, barrierefreie Zugänge zu Haus und Wohnung und eine gute Vernetzung zu Familie und Freunden. Das ist in Japan Tradition und in Skandinavien längst selbstverständlich. Das wäre ein wirklich hilfreiches Thema für die Medien, älteren Menschen und deren Angehörige die nötigen Informationen zukommen zu lassen. Diesmal ist es weder das Geld oder das fehlende Interesse, nein es fehlen schlicht und einfach die Informationen, die weder bei den Betroffenen, noch ihren Angehörigen ankommen und es fehlt an qualifizierten Fachkräften, die das entsprechend umsetzen können. Wir werden weder genügend Pflegheime, noch Personal bekommen, aber wir sollten uns damit auseinander setzen, bevor es uns überrollt.



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