Auf Abstand: Muttertag in Coronazeiten

Nach Wochen der Isolation gab es für viele Seniorinnen das erste Wiedersehen mit ihren Liebsten. Die Freude im Altenpflegeheim war spürbar, Umarmungen aber nicht erlaubt.

Rochlitz.

Ein Hauch von Normalität herrscht am Muttertag im Altenpflegeheim der Rochlitzer Sozialservicegesellschaft (SSG). Denn nach acht Wochen strikten Besuchsverbots dürfen zumindest die Heimbewohnerinnen wieder ihre Angehörigen Treffen - wenngleich aufgrund der Coronapandemie strenge Hygienevorschriften gelten.

"Schau mal, wie Omi sich freut", sagt Joline zu ihrer Mutter Ina Wendlandt. Maria Berger wartet strahlend auf die beiden im Windfang des Eingangsbereichs, wo am Freitag die Automatiktür durch eine Plexiglasscheibe getauscht wurde. Mit lächelndem Gesicht nehmen Ina Wendlandt und ihre Tochter auf Stühlen unter dem Vordach Platz. Ein großes Herz, von den Kindern der Betriebskita gemalt, und der Schriftzug "Alles Gute zum Muttertag" erinnern an den Anlass des Besuchs. Aber keine sanfte Berührung ist möglich, keine Umarmung, kein Kuss. Eine Plexiglasscheibe trennt die Bewohnerin von ihren Liebsten, die durch drei Schlitze in der Trennscheibe miteinander Neuigkeiten austauschen.

Eine Szenerie, die Bilder von Krimi-Serien hervorruft, in denen im Gefängnis Verbrecher ihre Besucher empfangen. Doch in Zeiten von Corona spielt das keinerlei Rolle. Klar sei es schade und traurig, wenn man nahe Familienangehörige nicht treffen könne, sagt Joline Wendlandt. "Wir konnten uns aber so zumindest sehen", fährt die Jugendliche fort. Und ihre Mutter, die selbst in der Pflegebranche arbeitet, ergänzt: "Die Regelungen sind vernünftig. Mit dem Coronavirus ist nicht zu spaßen."

Wenige Meter weiter hat SSG- Chef Knut Bräunlich kurzerhand einen weiteren Besuchsbereich einrichten lassen. Denn der Andrang ist zeitweise so groß, dass Besucher warten müssen. Zwischen einer offenen Seitentür steht ein Tisch. Barbara Hermsdorf und ihr Bruder Carsten Johne sprechen mit Mundschutz mit ihrer Mutter Christa Johne. Eine SSG-Mitarbeiterin nimmt das mitgebrachte Geschenk in Empfang. Nach einer guten Viertelstunde ist der Plausch vorbei. "Unsere Mutter hat sich sehr gefreut. Wir waren vorher jeden Tag hier", sagt Carsten Johne. Seit dem 16. März, dem Tag als das Besuchsverbot griff, telefoniert die Familie miteinander. Barbara Hermsdorf macht keinen Hehl daraus, wie schwer die Zeit für ihre Mutter ist. Die Nähe, der körperliche Kontakt fehle ihr. Nicht nur das: Auch die Behandlungen durch einen Physiotherapeuten sind momentan nicht möglich.

"Das Ganze war ein Erfolg", sagt Knut Bräunlich nach der Aktion, die laut ihm "stellenweise sehr emotional" war. Glitzernde Augen und freudestrahlende Gesichter sind an dem Tag genauso zu sehen wie die ein oder andere Träne, die rasch weggewischt wird. Zwischen 8 und 14 Uhr hatten 35 Seniorinnen Besuch erhalten. Die ersten Angehörigen hätten schon um 7.45 Uhr am Eingang gewartet.

Am Montag will Bräunlich die Muttertagsaktion auswerten und einen Modus finden, wie die Besuche in der Einrichtung, in der 82 Menschen leben, künftig stattfinden können. Denn um das Pflegepersonal nicht zu belasten, hatte eine Studentin aushilfsweise die Seniorinnen von ihren Zimmern zum Eingang und später zurück gebracht.


So bleiben Senioren in anderen mittelsächsischen Einrichtungen mit ihren Angehörigen in Kontakt

Da in Altenheimen ein Besuchsverbot gilt, haben sich die Einrichtungen etwas einfallen lassen, damit Bewohner und Angehörige in Kontakt bleiben können:

Bei den Seniorenheimen Freiberg, die unter anderem drei vollstationäre Einrichtungen mit gut 380 Plätzen betreiben, wurden laut Chef Steffen Köcher Tablets angeschafft, mit denen die Bewohner per Videotelefonie mit Angehörigen sprechen. "Das ist nicht dasselbe. Der direkte Kontakt, etwa das Handhalten, kommt zu kurz." Zudem gibt es Gespräche über den Gartenzaun. Köcher hat, wie er sagt, sogar beobachtet, wie eine Frau auf dem Bürgersteig stand und mit der Mutter auf dem Balkon telefonierte. Mittlerweile haben die Seniorenheime Besucherräume eingerichtet. So können Gäste beispielsweise im Johannishof im Treppenhaus Platz nehmen, während die Bewohner im Flur sind. Die Tür bleibt zu. Kommuniziert wird via Wechselsprechanlage. In den anderen Häusern wurden Trennscheiben montiert. Allerdings müssen Angehörige ihre Besuche vorher anmelden. "Sie werden dann an der Tür abgeholt", so Köcher.

Beim DRK Döbeln-Hainichen, das unter anderem Pflegeheime in Haichen, Mittweida und Kriebethal mit rund 190 Plätzen hat, wurden ebenfalls Tablets und Laptops angeschafft mit denen Bewohner und Angehörige per Videotelefonie reden können. Seit Freitag gibt es spezielle Besucherbereiche, wofür laut DRK-Bereitschaftsleiter Rene Illig extra Trennscheiben aufgebaut wurden. Dass die Menschen dort ausreichend Abstand zueinander halten, wird mit Tischen erreicht. Zudem sind Desinfektionsspender platziert. Wie in den Freiberger Einrichtungen wurde bisher auch in den drei DRK-Heimen über Fenster und Balkon kommuniziert.

Eine Sonderrolle nehmen Hospize ein, wie etwa die Einrichtung in Oederan. Besuche für nahe Angehörige waren nach Anmeldung immer möglich, für nahestehende Personen nur zur Sterbebegleitung. Zusätzlich bietet das Oederaner Hospiz Videotelefonie an. (acr)

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