Baku: Wo die leeren Häuser funkeln

Die wichtigste Entscheidung über die Zukunft des Erzgebirges fällt am Wochenende mehr als 3000 Kilometer Luftlinie vom Erzgebirge entfernt. Was ist das für eine Stadt?

Baku. Nicht nur der Berliner Fernsehturm hat sein Drehrestaurant. Das Hilton-Hotel in Baku verfügt über dergleichen auch. Man kann dort im 25. Obergeschoss in einem der Sessel oder Lesersofas lümmeln, während hinter den raumhohen Fenstern die Skyline der Stadt langsam an einem vorüberzieht. Eine Stunde dauert die 360-Grad-Runde, satt gesehen hat man sich in dieser Zeit nicht unbedingt. Baku, Hauptstadt Aserbaidschans, bietet mit seinen funkelnden Hochhäusern, der Altstadt mit ihren malerischen Gassen und der einem riesigen Amphitheater ähnelnden Lage in einer weiträumigen Bucht des Kaspischen Meeres, in dem nachts auch noch die Bohrtürme weithin leuchten, spektakuläre Aussichten in Hülle und Fülle.

Es ist dieses Baku, an dem eine Entscheidung fallen wird, die die Zukunft des Erzgebirges nachhaltig prägen kann. Wohl prägen wird. Denn hier, mehr als 3000 Kilometer Luftlinie von Annaberg entfernt, stimmt das Unesco-Welterbekomitee darüber ab, ob die Bergbauhinterlassenschaften der Montan-Region Erzgebirge künftig den Welterbetitel tragen.  Zunächst war damit gerechnet worden, dass der fragliche Tagesordnungspunkt am Sonntag an der Reihe ist, doch da womöglich zwei andere Welterbe-Vorschläge zurückgezogen werden, ist es gut möglich, dass es bereits am Samstag soweit ist.  Was ist dieses Baku, die gut 2000 Jahre alte Hauptstadt Aserbaidschans mit zwei Millionen Einwohnern, für eine Stadt?

 

Eine, die in den Jahrzehnten seit der Unabhängigkeit des Landes eine gewaltige Entwicklung genommen hat. Die nächtliche Fahrt im Shuttle vom Flughafen zum Hotel auf der achtspurigen Autobahn führt durch Häuserschluchten kürzlich erbauter, herausgeputzter Hochhäuser, die dank LED in allen möglichen Farben funkeln. Der Fahrer nutzt die Breite der Straße vollständig, die Finger stets an der Lichthupe, um sich Platz im Verkehrsstrom zu machen. Bald geht es am neuen Stadion vorbei, kürzlich Austragungsort des Finals der Uefa-Euro-League, es folgt das wie der Flughafen nach dem ersten Präsidenten benannte Heydar-Aliyev-Center, ein spektakuläres Ausstellungs- und Museumszentrum, entworfen von der 2016 verstorbenen Star-Architektin Zaha Hadid. Zwischen Hoteltürmen, die ebenfalls mit Lichtspielen nach Aufmerksamkeit heischen, geht es weiter. Schließlich tauchen am Horizont die nicht weniger charakteristischen Flame Towers auf, Wolkenkratzer über der historischen Altstadt, die dank moderner LED- und Projektionstechnik sich nächtlich in riesige Bildschirme verwandeln, auf denen mal die Flammen des Ölbooms züngeln, mal Wasserfälle zu Tale rauschen, dann wieder Fahnenschwinger die aserbaidschanische Flagge schwingen. Und dann gibt es auch noch die White City, die weiße Stadt, errichtet an dem Ort, der früher Schwarze Stadt hieß und einst Zentrum der erdölverarbeitenden Industrie der Sowjetunion war. Heute entsteht dort ein gigantisches neues Viertel für 50.000 Einwohner.Baku, so scheint es, ist eine Stadt, die mit Hochdruck den Anschluss sucht. Die Öl-Einnahmen machen's möglich. Die Anstrengungen spiegeln sich nicht nur im Glitzern und Funkeln der Hochhäuser. Das erste Mal geriet Baku 2012 als Austragungsort des Eurovision Song Contests 2012 in den Blick, begleitet von Kritik, angesichts fehlender demokratischer Standards bei Themen wie Pressefreiheit und Menschenrechte. Ilham Alijew, Sohn des ersten Präsidenten, wurde 2018 zum vierten Mal gewählt, für Menschenrechtler war das eher eine Farce. Dennoch folgten dem Song-Contest bald Mega-Sport-Ereignisse wie die Formel 1 und eben Fußball, und auch die Sitzung des Welterbe-Komitees soll der Stadt weiteres internationales Renommee verschaffen.  Hunderte Volunteers, Freiwillige, kümmern sich rund um die Uhr im gesamten Stadtgebiet um die Belange der Tagungsteilnehmer und Medienvertreter, alles ist perfekt vorbereitet und funktioniert wie am Schnürchen.

Doch viele der außen glitzernden neuen Hochhäuser und Wohnblocks stehen leer. Gebaut wird in Baku allerorten auch über den Bedarf hinaus. Manchmal wird auch gar nicht mehr gebaut. So ragen am östlichen Ende der kilometerlangen Strandpromenade Bulvan am Ufer des Kaspischen Meeres zwei Hochhaus-Gerippe in die Höhe. Seit der Ölpreis 2015 fiel, ruhen dort die Arbeiten. Der aserbaidschanische Manat hat seitdem gegenüber dem Euro die Hälfte seines Werts eingebüßt, was Baku für Europäer zu einem sehr günstigen Reiseziel machte, für die Einheimischen aber die Preise explodieren ließ.Dennoch bevölkern Menschen in den lauen Sommernächten den Bulvan, kaufen an einer der zahlreichen Buden ihr Eis. Auch die kleine Sächsische Delegation mit dem Ministerpräsidenten Michael Kretschmer an der Spitze, der extra gekommen ist, die Verleihung des Titels gebührend zu feiern und ihr damit gebührend Aufmerksamkeit zu verschaffen. Wenn es keine strittigen oder offenen Fragen gibt, hält sich das Welterbe-Komitee nicht länger mit der Vergabe des Titels auf als unbedingt nötig. Allein am Freitagnachmittag wurden fünf neue Stätten aufgenommen. Und da die Montanregion von den Gutachtern die Empfehlung "Inscription", also Einschreibung, bekommen hat, scheint es tatsächlich hier in Baku nicht mehr die Frage, ob, sondern lediglich wann genau das Erzgebirge Weltkulturerbe wird.

Liveübertragung der 43. Sitzung des Unesco-Welterbekomitees

 

Veranstaltung zur Titelvergabe: Am Sonntag, den 7. Juli 2019 feiert die Kampagne "So geht sächsisch." in der Saigerhütte Olbernhau das 25. Jubiläum der Saigerhüttenknappschaft. Dabei wird der Entscheidung des Welterbekomitees gemeinsam entgegen gefiebert. Beginn 17 Uhr, 19 Uhr Schalte nach Baku.

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