Blessuren leben bis in die nächste Generation fort

Katya Apekina erzählt in "Je tiefer das Wasser" von dem Egoismus des Künstlertums und einem überforderten Vater.

Zwei Teenagertöchter sind allein in Louisiana, ihre Mutter hat sich etwas angetan. Nicht zum ersten Mal. Edith (16) und Mae (14) müssen zu ihrem Vater nach New York. Der hat sich zwölf Jahre lang nicht um die beiden gekümmert, hat nicht angerufen, nicht geschrieben, hat seine Frau Marianne und die Kinder sitzen lassen, war einfach weg. Nun ist er in der Pflicht und will alles wieder gutmachen. Er hat ein schlechtes Gewissen, wenigstens ein bisschen. Also gibt er sich Mühe, befreit sie von der Schule, zeigt ihnen auf ein paar Ausflügen die große Stadt und kann ansonsten nicht wirklich etwas mit ihnen anfangen.

Die in Moskau geborene Katya Apekina, die früh mit ihrer Familie nach Amerika gekommen ist, hat ihren aus einem Stimmenkaleidoskop komponierten Debütroman in einem kleinen Verlag veröffentlicht und landete damit einen Überraschungserfolg. In Zeitschriften hatte sie bis dahin immer wieder Geschichten veröffentlicht, nun aber war sie im Gespräch mit einem fein gestalteten Roman über den Egoismus des Künstlertums und was das mit den Menschen macht.

Dennis Lomack nämlich, der Vater, ist ein erfolgreicher Schriftsteller, eine Kultur-Ikone gar, heißt es. Und das ist ein einsamer Job. Als junger Mann war er am Beginn der sechziger Jahre an der High-School mehr oder weniger zufällig in die politischen Turbulenzen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung geraten. Auch weil das in jenen Jahren irgendwie mit der freien Liebe der Hippie-Jahre verbunden war, hatte ihm das gefallen. Die Dinge waren ihm mehr passiert, als dass er sie bewusst gesteuert hätte. Frauen gab es viele. So ist es für ihn geblieben. Bald, nachdem nun im Jahr 1997 die beiden Mädchen angekommen sind, meldet sich Amanda aus Wisconsin, die über ihn promovieren möchte. Diese Arbeit wird sie nie zu Ende bringen, aber sie bleibt.

Und sie bleibt den beiden Töchtern fremd, die sich fortan mehr um ihre Eltern kümmern müssen, als dass die sich um sie kümmern würden. Sie tun das auf sehr unterschiedliche Weise. Mae wird in verquerer Vaterliebe so etwas wie eine Wiedergängerin ihrer Mutter, eine die Schreibblockade ihres Vaters lösende Muse, die sich im Gegenzug endlich Fürsorge einbilden kann. Ihr Name ist ohnehin eine Kurzform von Marianne. Edith hingegen zieht es zur Mutter. Irgendwann ist sie wieder weg und auf der Suche nach ihr. Nach der Ankunft in der geschlossenen Psychiatrie bei ihr, die für ein Weiterleben verloren ist, begreift Edith auch deren Geschichte eines dreifachen Scheiterns: als Ehefrau, als Mutter und als Künstlerin. Viel zu früh war sie an Dennis Lomack geraten, der sein Leben sogar in verfilmten Romanen stilisierte und dabei nicht umhinkam, seine jeweiligen Partner bloßzustellen. Die haben sich von ihm abgewandt, mindestens. Also war er vom Rest der Welt verlassen, als die Töchter ankamen.

Katya Apekina erzählt davon nicht, indem sie ihre Figuren denunziert. Das macht die Qualität dieses ungewöhnlichen Romans aus. Immer neue Erkenntnisse ergeben sich aus den aufeinander folgenden und miteinander verzahnten Figurenreden. Tiefer und tiefer wird das Wasser, in das man steigt. So könnte man den Titel der Originalausgabe verstehen, der in der deutschen Ausgabe nicht nachvollziehbar verstümmelt wurde, indem die Fortsetzung "... desto hässlicher der Fisch" fehlt. Hässlich ist, was schichtweise zutage tritt: die Stellvertreterfunktion der Kinder, die Eitelkeit des Künstlervaters, die Verwerfungen zwischen den Protagonisten und vor allem die Blessuren, die fortleben in der nächsten Generation, die sich aus diesem depressiv machenden Lügengespinst befreien will. Katya Apekina leitet das sehr differenziert und wirklich spannend her mit immer wieder überraschenden Wendungen, sodass man ihrem zwischen Zeiten und Figuren changierenden Roman gespannt folgt, ohne das Interesse zu verlieren.


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