Regionale Nachrichten und News mit der Pressekarte
Sie haben kein
gültiges Abo.
Regionale Nachrichten und News
Schließen
Chemnitz
Chemnitz: Die populärsten Kulturhauptstadt-Irrtümer

Die Kritik an Versäumnissen der Kommunikation rund um den Kulturhauptstadtprozess reißt nicht ab. Doch viele Behauptungen, die vor allem in Sozialen Medien herumschwirren, sind abenteuerlich. „Freie Presse“ hat einige davon unter die Lupe genommen.

Es wird jeden Monat ein großes Konzert geben.

Auch wenn das Programm erst am 25. Oktober veröffentlicht wird, ist es unwahrscheinlich, dass seitens der Kulturhauptstadt gGmbH außer zur Eröffnung und zum Kosmos Konzerte mit internationalen Stars organisiert werden. Das schließt aber nicht aus, dass privatwirtschaftliche oder kommunale Veranstalter dies tun.

Die EU hat viele Millionen Euro reingepumpt.

Nein. Der einzige finanzielle Beitrag der EU sind 1,5 Millionen Euro, die mit der Verleihung der Melina-Mercouri-Medaille verbunden sind und wahrscheinlich Ende dieses Jahres nach dem dritten Monitoringbericht kommen. EU-Mittel aus Fachförderprogrammen, die teilweise bei den Interventionsflächen einfließen, sind strikt zweckgebunden.

Die Kulturhauptstadt GmbH wurde gegründet, damit keine Kontrolle möglich ist.

Die Gesellschaft ist zu 100 Prozent kommunal und unterliegt der Kontrolle des Stadtrates. Die Finanzen werden durch einen Aufsichtsrat überwacht. Um den Stadtrat nicht mit Vorlagen zu überlasten, wurde ein Strategieausschuss gegründet, der als Bindeglied fungiert. Die Umwandlung der GmbH in eine gGmbH zum 1. Januar 2024 dient der besseren Sponsorengewinnung und ermöglicht die Bewerbung bei Förderprogrammen.


Wie steht es um die Fianzen?

Die gGmbH ist pleite.

Seit die Gesellschaft existiert, wird über ihre Zahlungsunfähigkeit spekuliert. Das Budget wurde in sogenannte Jahresscheiben unterteilt, also nicht als Ganzes ausgezahlt. Fixkosten wie Miete und Gehälter sind fest eingeplant. Ein Minus ist erst möglich, sollten 2025 vorgesehene Einnahmen in erheblichen Größenordnungen ausfallen.

Die Werke des Purple Path wurden für andere Standorte geschaffen, fanden dort aber keine Zustimmung.

Kurator Alexander Ochs hat die Arbeiten gemäß dem Motto „Alles kommt vom Berg her“ ausgewählt. Die Hälfte davon wird mit lokalem Bezug extra für das Projekt geschaffen. Andere Arbeiten sind nicht neu, waren aber schon in großen Museen der Welt von den USA über Duisburg bis nach Saudi-Arabien mit positiver Resonanz zu sehen.

Außer dem Kosmos-Festival, das in diesem Jahr 70.000 Besucher anzog, werden kaum große Konzerte zu erwarten sein.
Außer dem Kosmos-Festival, das in diesem Jahr 70.000 Besucher anzog, werden kaum große Konzerte zu erwarten sein. Bild: Mark Frost

Alles Import?

Die Kulturhauptstadt-Verwaltung ist ein Team von ortsfremden Kulturnomaden.

Gegenwärtig hat die gGmbH 53 Festangestellte, manche in Teilzeit. Hinzu kommen neun freie Mitarbeiter, darunter Werkstudenten und FSJler. Elf Mitarbeiter ohne biografischen Bezug zu Sachsen sind hergekommen. „Für ein so großes, einmaliges europäisches Projekt ist es zwingend notwendig, Fachkräfte mit außerordentlicher Kompetenz ins Team zu bringen“, sagt die Verwaltung. Damit ist der Transfer von Erfahrungen gewährleistet. Da alle Arbeitsverträge befristet sind, ist es normal, dass sich die Fachkräfte im Anschluss nach Beschäftigungen bei Projekten überregional und international bewerben.

Chemnitz ist Kulturhauptstadt.

Die gesamte Region ist Kulturhauptstadt. 38 Kommunen sind Standorte des Purple Path, es gibt acht Makerhubs. Hinzu kommen viele Veranstaltungen und Projekte zwischen Schwarzenberg und Mittweida. Effekte der besseren Vernetzung und eines gemeinsamen Marketings von Chemnitz und der Region sind schon jetzt positiv spürbar.

Die Kulturhauptstadt ist eine Leistungsschau der lokalen und regionalen Kulturszene.

Der Titel Europäische Kulturhauptstadt besagt, dass es ein Ereignis von internationalem Rang ist. Zweifellos werden viele regionale Musiker, Künstler und andere Akteure beteiligt sein. Doch im Mittelpunkt steht der gesamteuropäische Austausch.

Viele Kunstwerke des Purple Path wie die „Modified Social Bench for Jahnsdorf #1“ von Jeppe Hein wurden ortsbezogen geschaffen.
Viele Kunstwerke des Purple Path wie die „Modified Social Bench for Jahnsdorf #1“ von Jeppe Hein wurden ortsbezogen geschaffen. Bild: Niko Mutschmann/Archiv

Alles nur für Eliten

Es ist eine Veranstaltung für kleine Bildungseliten.

Das Programm wird Ereignisse haben, die keine breiten Massen ansprechen – wie etwa die neue Oper nach dem Roman „Rummelplatz“ von Werner Bräuning. Insgesamt aber ist sicher, dass es viele Angebote für die unterschiedlichsten Ansprüche geben wird, von Streetart bis Edvard Munch, von Rap bis Klassik, von Poetry Slam bis Stefan Heym. Sport ist dabei, innovative Technik, Garagen und Apfelbäume ebenso.

Die gGmbH verwaltet die Interventionsflächen.

Nein. Die 30 Interventionsflächen liegen in der Regie des Baudezernates der Stadtverwaltung.

Bei einem Wahlerfolg mit Regierungsbeteiligung der AfD in Sachsen kann der Kulturhauptstadtprozess gestoppt werden.

Der Prozess hat 2020 begonnen. Ein Großteil der Mittel aus dem Vertrag zwischen Stadt, Land und Bund wurde bereits eingesetzt. Die Verträge können nicht abgewickelt werden. Rechte und Rechtsradikale werden Probleme schaffen. Die Kulturhauptstadt wird sich daran messen müssen, wie weit es gelingt, Gegenkräfte zu aktivieren.

Am 29. November 2025 geht das Licht aus.

Von Beginn an ist das Ereignis auf „Legacy“ ausgerichtet, also auf bleibende Effekte. Das betrifft nicht allein die materiellen Investitionen in die Interventionsflächen oder den Nutzen für die Tourismusindustrie. Es sollen Netzwerke und Initiativen entstehen, ein neuer Geist des aktiven Anpackens. (kas)

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
Das könnte Sie auch interessieren
23.11.2025
4 min.
„Das war unsere große Chance, wie geht es jetzt weiter?“: Wissenschaftler stimmt auf den Kater nach Chemnitz 2025 ein
Wie politisch ist ein Garagenkonzert? Konkret lässt sich das nicht festmachen. Für Soziologe Ulf Bohmann liegt der gesellschaftliche Wert im bloßen Zusammenkommen.
Ulf Bohmann hält das Projekt „#3000 Garagen“ für ein gutes Beispiel, wie Menschen zusammengebracht wurden. Der Professor für Soziologie und sein Team an der TU haben die gesellschaftliche Relevanz von Chemnitz 2025 untersucht und zeigen auf, was bleibt.
Jens Kassner
27.11.2025
18 min.
Kulturhauptstadt-Chef Stefan Schmidtke im Interview: „Wir werden 2026 in einer anderen Stadt leben“
„Man hat mich für diesen Job bekommen, weil es Chemnitz ist“: Stefan Schmidtke, Geschäftsführer der Kulturhauptstadt gGmbH, ist 2021 in die Stadt gekommen.
Stefan Schmidtke ist einer der führenden Köpfe hinter der Kulturhauptstadt. Wie hat er dieses Jahr erlebt? Was hätte er heute anders gemacht? Was wird bleiben?
Katharina Leuoth, Anne Lena Mösken
05.12.2025
2 min.
„Rücktritt“, „großes Vorbild“: So reagiert das Netz auf Sachsens „Bleifuß-Minister“ Conrad Clemens
Ist gerne (zu) flott unterwegs: Conrad Clemens (CDU), Kultusminister von Sachsen.
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Das musste jüngst auch Sachsens Kultusminister lernen. Nachdem herauskam, dass er wiederholt mit zu hohem Tempo erwischt wurde, reagierte das Netz prompt.
Patrick Hyslop
14:00 Uhr
2 min.
Tirpersdorfer holen Schätze vom Dachboden
Brigitte Engler, Sigrid Six, Karin Rudert, Angelika Vödisch, Karin Förster und Erika Rogler (von links), nicht im Bild ist Brigitte Clemens.
Holzspielzeug aus vergangenen Zeiten steht im Mittelpunkt der diesjährigen Weihnachtsausstellung in der Heimatstube.
Eckhard Sommer
05.12.2025
1 min.
Dorf im Erzgebirge eröffnet Weihnachtsmarkt am Nikolaustag
In Crottendorf (Archivfoto) findet am Wochenende der Weihnachtsmarkt statt.
In Crottendorf wird am zweiten Adventswochenende zum Weihnachtsmarkt eingeladen. Neben dem Weihnachtsmann kommen auch Wichtel.
Annett Honscha
14:30 Uhr
3 min.
Gleich geht es los: Tipps für die Bergparade in Freiberg
Wie im Vorjahr wird am Sonnabend zur traditionellen Bergparade in Freiberg auf dem Schlossplatz wieder eine bergmännische Aufwartung stattfinden.
Am Sonnabend ziehen ab 17 Uhr wieder rund 300 Berg- und Hüttenleute in ihrem traditionellen Habit durch die Freiberger Altstadt. Die „Freie Presse“ verrät, wo die besten Plätze sind.
Steffen Jankowski
Mehr Artikel