Hotel, Ferienwohnung, Camping – in Chemnitz gibt es viele Übernachtungsmöglichkeiten. Die „Freie Presse“ stellt besondere Locations in der Kulturhauptstadt 2025 vor. Diesmal die Jugendherberge „Eins“ – vom historischen Bauwerk zur touristischen Nutzung.
An ihren zweiten Arbeitstag in der frisch eröffneten Jugendherberge „Eins“, den 2. Juni 2012, kann sich Denise Mönnich noch gut erinnern. „Nach der Eröffnungsfeier am Vortag kam ich voller Elan morgens hier an“, erzählt die Leiterin der Einrichtung: „Und dann sehe ich einen Haufen Feuerwehren vor dem Haus!“ Ein ungünstig in der Nähe eines Dampfgarers angebrachter Rauchmelder in der herbergseigenen Küche hatte Alarm ausgelöst: „Ein typischer Fall von Fehlplanung“, sagt Mönnich.
Moderner Standard: Eigene Dusche und Toilette in jedem Zimmer
Von den anfänglichen Kinderkrankheiten hat sich das Haus nach zwölfjährigem Betrieb längst erholt. Es hat sich zu einem Anlaufpunkt für Gruppenreisen von Musik- oder Sportvereinen oder Hochschulseminaren, für Azubi-Events und Klassenfahrten, aber auch zum Übernachtungsort kleinerer und größerer Familien, Pärchen sowie Rucksack- und Pilgertouristen entwickelt. Auch integrative Gruppen sind dank Barrierefreiheit der allermeisten Räumlichkeiten willkommen. Über 131 Betten verfügt das Haus, die unter anderem auf fünf Familienzimmer mit Doppelbetten und kompletter Kleinkindausstattung, vor allem aber auf Vier-Bett-Zimmer verteilt sind. „Damit sind wir sehr flexibel in der Belegung und können auf viele unterschiedliche Wünsche eingehen“, so Herbergsleiterin Mönnich. Jedes Zimmer ist mit eigener Dusche und eigener Toilette ausgestattet – die früher für Jugendherbergen üblichen Gemeinschaftsduschen sucht man hier vergeblich. „Es ist ein Standard, der Schritt für Schritt in allen Häusern des Jugendherbergsverbandes umgesetzt wird“, erläutert Mönnich: „Wir haben den gleich zur Eröffnung 2012 bekommen.“
In der Industriekulisse: Verwandlung vom Umspannwerk zur Jugendherberge
Doch zuerst erfolgte eine umfangreiche Renovierung. Denn dem historischen Bauwerk inmitten des Chemnitzer Stadtzentrums war eine touristische Nutzung nicht vorgezeichnet. 1929 war das Gebäude fertiggestellt worden, entworfen vom Architekten Friedrich Wagner-Pollock. Sein ursprünglicher Zweck: Der Industriebau beherbergte ein Umspannwerk, um den Strombedarf des wachsenden Chemnitzer Straßenbahnnetzes zu decken. Diese ursprüngliche Nutzung wurde beim Umbau zur Jugendherberge aufgegriffen: Im hohen Foyer steht bis heute ein großes metallenes Laufrad, in den Räumlichkeiten wurde der Industriecharakter zum Loft-Charme weiterentwickelt. Von der mit einer Loungeecke ausgestatteten sachlichen Dachterrasse geht’s über ein paar Treppenstufen direkt zum Trabbi-Grill. Die Tagungsräume sind hell. Freizeitangebote wie Tischtennisplatte, Klavier, Kicker und Dartscheiben wurden hingegen hinter den lärmschluckenden Wänden des alten Industriebaus untergebracht.
Spiel mit der Geschichte: Das kreative Konzept der Jugendherberge
„Wir spielen mit der industriellen Vergangenheit unseres Hauses wie auch dem wirtschaftlichen Wachstum von Chemnitz im 19. und 20. Jahrhundert bis in unsere speziell entworfenen Programme für Gruppen und Schulklassen hinein“, so die Jugendherbergsleiterin. Neben Verwaltungsarbeit, der Führung eines elfköpfigen Teams, Veranstaltungsmanagement zum Beispiel für Tagungen und Seminare und natürlich viel Arbeit am Gast gehört diese Programmentwicklung zu den kreativen Aufgaben ihres Jobs. Für die Vielfalt an Tätigkeiten bringt Mönnich ein kombiniertes Sport- und BWL-Studium mit touristischer Vertiefung mit.
Individuelle Angebote: Pauschalprogramme für Schulklassen und Familien
Die Programme kombinieren oft Kunst und Kultur der Chemnitzer Museen, Wissenschaft in Zusammenarbeit mit der TU Chemnitz, Stadtgeschichte und – „damit die Kids am Abend auch mal so richtig ausgepowert sind“ – Sport und werden vor allem von Schulklassen oder Familien gern als Pauschalangebot angenommen: „Das funktioniert sehr gut, weil wir Programmpunkte integrieren, auf die man sonst nicht so einfach zugreifen kann – wie etwa Bogenschießen oder Bouldern.“ Auch die Verpflegung kann entweder nur mit Frühstück oder als Halb- oder Vollpension im Komplettpaket mitgebucht werden. „Trotz der vielen Restaurants, Bistros und Gaststätten in der Nähe passiert das angesichts der Inflation gerade immer häufiger“, sagt Mönnich. Der eigene Speisesaal ist also gut ausgelastet – genau wie die Küche, die auch auf unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten eingestellt ist. Dass dort durch falsch platzierte Rauchmelder ein Feueralarm ausgelöst wird, kommt heute aber nicht mehr vor.






