20 Jahre Hospiz-Verein - "Hier kann ich in Würde sterben"

Was zählt am Ende eines Lebens? Ein Mann berichtet, wie es für ihn ist, die letzte Etappe angetreten zu haben - und gibt einen Rat.

Es könnte jeden Tag zu Ende sein. Horst Emmer* hat die letzte Etappe seines Lebens angetreten und ist sich darüber völlig im Klaren. Seit Anfang August lebt er im Hospiz am Karbel. Wie viel Zeit genau ihm noch bleibt, diese Frage stellt er seinen Ärzten nicht. "Aber von Tag zu Tag geht es bergab", sagt der 76-Jährige. Allerdings sei nicht jeder Tag gleich. Er habe Phasen, da sei er sehr niedergeschlagen, manchmal aber auch gut drauf, sagt er sachlich und mit fester Stimme. Dann sei er auch dankbar für den Ort, an dem er sich befindet. "Hier kann ich in Würde sterben. Das ist nicht vielen vergönnt", sagt Emmer. Er könne jeden Wunsch äußern, er würde ihm sogar von den Augen abgelesen. Aber er wolle sich nicht in den Vordergrund drängen. Schließlich sei er einer von momentan 16 Bewohnern im Haus.

Vor 20 Jahren wurde in Chemnitz der Verein Hospiz- und Palliativdienst gegründet. Seitdem macht ein ambulanter Hospizdienst das Sterben in Würde zu Hause möglich. Speziell ausgebildete, ehrenamtliche Mitarbeiter - aktuell 57 - bieten psychosoziale Begleitung für schwerstkranke und sterbende Menschen sowie deren Familien an. Außerdem beraten sie zur häuslichen Betreuung in der letzten Lebenszeit und zu palliativen Möglichkeiten. Im Jahr 2005 konnte zudem das stationäre Hospiz am Karbel eröffnet werden. Insgesamt arbeiten 44 Festangestellte im ambulanten und stationären Bereich. Auch für Hinterbliebene gibt es verschiedene Angebote und Gruppen zur Trauerarbeit. Das Jubiläum wird in den kommenden Tagen mit einer Ausstellung in der Jakobikirche und einem Konzert in der Markuskirche gewürdigt. Für das Konzert unter dem Titel "... und die Welt steht still..." hatte Stefan Weiller Interviews mit Hospiz-Bewohnern in ganz Deutschland geführt. In der Veranstaltung präsentiert er ihre Geschichten und Lieder. Auch in Chemnitz war er zu Gast und sprach 2018 mit Bewohnern des Hospizes.

Auch Horst Emmer denkt dort über sein Leben und seine Geschichten nach. Das wichtigste sei für ihn immer Bewegung gewesen. Gleich in mehreren Wandervereinen war er Mitglied, unternahm zahlreiche Berg- und Wanderreisen und sei fast täglich im Stadtpark gewesen. "Manche kennen mich nur mit Rucksack", sagt Emmer, der seit diesem Sommer im Rollstuhl sitzt. Es sei für ihn eine psychisch sehr schwere Situation gewesen, "zu realisieren, dass es nicht mehr anders wird". Im Januar 2018 wurde bei ihm aggressiver Prostatakrebs festgestellt, mit Metastasen in den Knochen. "Ich habe geglaubt, dass es nicht so schlimm wird, weil es mir gut ging", erinnert er sich. Er habe sich gesund ernährt, kaum Alkohol getrunken, nicht geraucht und sich viel bewegt. "Ich hätte nicht gedacht, an Krebs zu erkranken."

Seit der Diagnose habe er noch eine Wanderung gemacht, sei noch einmal in den Leipziger Zoo gefahren und auf der Aussichtsplattform der Frauenkirche gewesen. "Ich habe gehofft, noch eine Weile hinzukommen und die Grenzen dessen, was geht, getestet. Vielleicht war das naiv", sagt er. Seit Mai ging es ihm schlechter. Die Metastasen drücken auf sein Rückenmark, weshalb er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Nach einer Untersuchung im Klinikum im Juli kam er ins dortige Palliativzentrum und schließlich ins Hospiz. "Es war schockierend, dass es so schnell ging", sagt er. Dreimal täglich bekomme er Schmerzmittel gespritzt, das helfe sehr. Auch das Ambiente im Hospiz tue ihm gut. Er lese viel und genieße den Blick ins Grüne, das sich nun herbstlich färbt. Regelmäßig kommen ihn seine Frau, sein Sohn, seine Tochter und sein Enkel besuchen. Mit seiner Frau - 2020 wäre Goldene Hochzeit - spreche er vor allem über Alltägliches. "Das Lebensende lassen wir außen vor." Es sei so, als käme er bald wieder heim. Und er wolle es auch nicht anders. Seine Frau wisse, dass er sie nicht belasten und nicht "rumjammern" wolle. Alles soll so normal wie möglich sein. "Vielleicht ist es besser, wenn ich zuerst gehe. Meine Frau wird allein gut zurechtkommen. Ich hätte größere Probleme damit", sinniert er. Mit seinem Leben und Sterben sei er im Reinen, sagt Emmer. Alles sei geklärt. Ob er im Laufe der Jahre etwas anders hätte machen sollen? "Nein", sagt er. Alles sei gut gewesen. Was ihn aber betrübt sei, dass er es nicht mehr geschafft habe, mit dem Postschiff von Bergen über die Lofoten zum Nordkap zu reisen. Daraus ergibt sich für ihn auch ein Rat: "Man sollte im Leben die Dinge nicht aufschieben. Es kann morgen schon vorbei sein."

20 Jahre Hospizdienst in Chemnitz: Vom 21. Oktober bis 24. November wird in der Jakobikirche die Ausstellung "Ein Koffer für die letzte Reise" gezeigt. Ein Bestatter bat 103 Menschen, einen Koffer für ihre letzte Reise zu packen. Am 26. Oktober findet 19.30 Uhr in der Markuskirche das Konzert mit letzten Liedern und Geschichten von Menschen im Hospiz statt. Der Eintritt ist frei.

*Name von der Redaktion geändert.

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