300 Schüler werden in vier Tagen zur Band

Seit Montag haben Kinder der Annenschule Instrumente gelernt. Am Freitag gaben sie gleich ein Rockkonzert. Nicht irgendwo, sondern im Opernhaus.

Stellen Sie sich vor, jemand drückt Ihnen ein Instrument in die Hand, das Sie nicht beherrschen, und sagt Ihnen, Sie hätten vier Tage Zeit, sieben Lieder zu üben, die Sie dann am fünften Tag vor Publikum spielen sollen. Und zwar auf der Bühne des Chemnitzer Opernhauses, vor nahezu komplett gefüllten Rängen. Sie würden schreiend wegrennen? Rund 300 Kinder im Alter zwischen 6 und 15 Jahren, die alle die Annen-Grund- oder -Oberschule besuchen, haben sich der Aufgabe gestellt. Sie sind in vier Tagen zu einer riesigen Bigband zusammengewachsen, mit Gitarristen, Bassisten, Schlagzeugern, Posaunisten, Saxofonisten, Keyboardern und Sängern.

Hinter dem Projekt steht die Braintree-Academy, ein privates Unternehmen aus Berlin. Das Big-Band-Projekt bietet es nicht nur für Schulen, sondern auch für Unternehmen an. Gegründet hat es die Musikerin Sandra Weckert. Sie sagt, jeder, der bis vier zählen kann, könne mitmachen. Beim gemeinsamen Spiel in einer Bigband lernten die Schüler sehr schnell, dass sie umso stärker sind, desto mehr sie zusammenarbeiten, erklärt Weckert in einem Video auf ihrer Homepage. Durch klare Regeln der Zusammenarbeit, den stark strukturierten Lernprozess und die Gleichwertigkeit aller, entfalte sich das Potenzial jedes Teilnehmers sowie der ganzen Gruppe. Auf der Bühne im Opernhaus sagt Weckert zudem, es gehe umso besser, desto größer und heterogener die Gruppe ist.

Das Bild vom Zuschauerraum aus wirkt ungewohnt, denn die Bühne ist wirklich brechend voll, Kind an Kind steht dort. Selbst Generalintendant Christoph Dittrich zeigt sich beeindruckt. "Das sprengt jeden Rahmen", sagt der Hausherr zur Begrüßung. Im Publikum wird eine Vielzahl an Sprachen gesprochen, Eltern rufen ihre Kinder, die auf der Bühne stehen, winken, filmen alles und klatschen begeistert mit. Einige unter ihnen dürften zum ersten Mal im Opernhaus sein.

Die jungen Musiker enttäuschen ihr Publikum nicht. Jeweils ein Trainer gibt in einer Instrumentengruppe den Ton an, Weckert dirigiert und singt mit. Mit "TNT" von AC/DC zeigt die Band dem Publikum gleich mal, wo soundmäßig der Hammer hängt. Das Blech scheppert ordentlich und die Schüler schwingen sogar Saxofone und Posaunen im Takt. Insgesamt werden sieben Songs gespielt. Es sind "Sweet About Me" von Gabriella Cilmi, "Jumpin' Jack Flash" von den Rolling Stones, "Alles Neu" von Peter Fox, "Hey, Hey, Wickie" von den Bläck Fööss, "Seven Nation Army" von The White Stripes sowie ein Rapstück, nämlich "Das erste Mal" von Dendemann. "Wir haben auch viel Deutsch gelernt in dieser Woche", sagt Weckert. Denn zum Beispiel die Texte von Peter Fox sind nicht unbedingt jugendfrei. Natürlich sitzt nicht jeder Ton perfekt. Aber die Kinder sind hoch konzentriert bei der Sache, nehmen das Projekt ernst und machen trotz Aufregung begeistert mit. Dass sie stolz auf sich sind, sieht man ihnen an.

Freude am Projekt hatte Nico Liedloff. Er spielte Posaune. Allerdings war sie ihm nicht neu. Die Annen-Oberschule bietet in Klasse 5 und 6 sogenannte Bläserklassen, in denen die Schüler Blasinstrumente lernen. Da habe er mitgemacht, sagt der 14-Jährige nach dem Konzert. "Das Projekt war schön, aber manche Stücke sehr einfach", sagt er. Ebenfalls beteiligt war Nastaroon Azimi. Die 12-Jährige hatte sich für Schlagzeug entschieden. Am Ende sei es gar nicht so schwer gewesen, sagt sie nach dem Konzert. Nun hat sie einen Wunsch: "Ich möchte weiter Schlagzeug lernen", sagt sie. Ihre Freundin Lea Eichhof gehörte zu den Sängern. Die englischen Texte seien das Schwerste gewesen, sagt die Zehnjährige. Was sie gelernt haben? "Wie man mit anderen zusammenarbeitet", sagen beide unisono.

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