40 Jahre an der Spitze - Bräunsdorfs Ortschef tritt ab

Hartmut Reinsberg ist 1979 zum Bürgermeister gewählt und mehrmals im Amt bestätigt worden - obwohl er nie im Dorf gewohnt hat. Nun aber will er sich anderen Dingen widmen.

Bräunsdorf.

Stephan Heym und weitere acht Autoren werden aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, die Nato fällt den umstrittenen Doppelbeschluss zur atomaren Abschreckung und der Hamburger SV gewinnt in der BRD die Deutsche Fußballmeisterschaft. Das waren Schlagzeilen im Jahr 1979. Keine bundesweite Aufmerksamkeit erregte die Nachricht, dass Hartmut Reinsberg am 14. Juni vom Gemeinderat zum Bräunsdorfer Bürgermeister gewählt wurde. Was damals nicht ungewöhnlich war, ist es inzwischen geworden - weil der Chef des heutigen Limbach-Oberfrohnaer Ortsteils noch immer Hartmut Reinsberg heißt. Der 74-Jährige feiert an diesem Freitag sein 40-jähriges Dienstjubiläum an der Spitze des Ortes mit einem Empfang in der Gaststätte Teichmühle.

Dabei verband den gelernten Maschinenschlosser und studierten Maschinenbauingenieur mit Bräunsdorf lange überhaupt nichts. Reinsberg wurde in Lichtenberg bei Freiberg geboren, arbeitete unter anderem in der Nähe von Leipzig und dann fast zehn Jahre im Werkzeugmaschinenkombinat in Karl-Marx-Stadt. Aus diesem Grund zog er nach Limbach-Oberfrohna. Als innerhalb der DDR-Blockparteien ein Bürgermeister für Bräunsdorf gesucht wurde, sprach man Reinsberg als Mitglied der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) an. Er willigte ein, einen Gegenkandidaten gab es nicht. Seitdem ist Reinsberg siebenmal im Amt bestätigt worden. Er war Bürgermeister zu DDR-Zeiten, nach der Wiedervereinigung erst haupt-, dann ehrenamtlicher Bürgermeister, durch die Eingemeindung wurde er schließlich zum Ortsvorsteher. Der verheiratete Vater einer Tochter lässt keinen Zweifel daran, dass er die Ämter immer gern ausgefüllt hat, auch wenn es oft anstrengend war. Von 1994 bis 2010 war Reinsberg hauptamtlich im Limbacher Rathaus tätig und organisierte unter anderem die Bauernmärkte auf dem Johannisplatz. Das Ehrenamt des Ortsvorstehers absolvierte er quasi nebenbei.


"Auch heute diene meist ich als erste Anlaufstation der Bräunsdorfer, nicht die Stadtverwaltung in Limbach", sagt Reinsberg, der eine wöchentliche Sprechstunde anbietet. Dass er noch immer in Limbach-Oberfrohna zu Hause ist und nie in Bräunsdorf gewohnt hat, betrachtet der beleibte Mann mit dem runden Gesicht nicht als Nachteil. "Man hat einen gewissen Abstand, das ist oft nicht verkehrt."

Das bedeutet aber nicht, dass sich Reinsberg in Bräunsdorf nicht engagiert. Er ist Mitglied im Heimatverein, in der Feuerwehr und im Schulverein. Als größte Erfolge seiner Laufbahn bezeichnet er neben der Tatsache, dass in den 1990er-Jahren durch die Aufnahme in ein Programm zur Dorferneuerung umfangreiche Fördermittel zur Gebäudesanierung nach Bräunsdorf flossen, die erfolgreiche Organisation der Feiern zu den Dorfjubiläen 1990 (700 Jahre) und 2015 (725 Jahre). Die Bewohner rechnen Reinsberg an, dass ihm der Zusammenhalt wichtig ist. Zugleich gibt es aber auch kritische Stimmen. Einige Bräunsdorfer sind mit dem Erscheinungsbild des Dorfes unzufrieden, verweisen etwa auf die morschen Holzpalisaden an der Kirche sowie am sogenannten Kasperberg und lasten dies Reinsberg an. Bei der jüngsten Stadtratswahl erhielt Reinsberg, der seit 1990 Mitglied der FDP ist, etwa 300 Stimmen - das ist nur Durchschnitt. "Ich habe mich nicht geärgert, aber etwas gewundert", sagt er dazu.

Mit dem Sitz im Stadtrat wurde es nichts, und auch als Ortsvorsteher soll bald Schluss sein. Wenn im Spätsommer neu gewählt wird, tritt Reinsberg nicht wieder an. Er will sich mehr seiner Familie und seinen Hobbys widmen. Er interessiert sich für die Geschichte der Luftschifffahrt und ist im Schützenverein Rußdorf aktiv. Die Redewendung von einer Ära, die zu Ende geht, wird überstrapaziert. Aber im Fall Reinsberg trifft sie wohl zu.


40 Jahre Dienst im Rathaus reichen nicht für Platz eins

Wer in Sachsen am längsten als Bürgermeister bzw. Ortsvorsteher amtiert, ist offiziell nicht bekannt. Weder das Innenministerium, noch das Statistische Landesamt oder der Städte- und Gemeindebund führen dazu eine Statistik, hieß es auf Anfrage von den Behörden. Klar ist allerdings, dass Hartmut Reinsberg nicht die Spitzenposition einnimmt: In der Gemeinde Röderaue nahe Riesa hat Bürgermeister Lothar Herklotz (67) bereits im vergangenen Jahr sein 40-jähriges Dienstjubiläum gefeiert.

In Sachsen-Anhalt wird Reinsberg von Anni Schulz sogar deutlich übertroffen: Die 80-Jährige führt seit 52Jahren den Ort Wernstedt bei Salzwedel - erst als Bürgermeisterin, inzwischen als ehrenamtliche Ortschefin. (jop)

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