9. November: Stilles Gedenken und lauter Protest

Die Jahrestage der Novemberrevolution von 1918, der Pogromnacht von 1938 und des Mauerfalls von 1989 wurden in der Stadt in getrennten Lagern völlig unterschiedlich begangen. Laut Polizei gab es bis zum späten Abend keine größeren Zwischenfälle.

14 Uhr: Mit weißen Rosen und Putzzeug machen sich etwa zehn Leute auf den Weg quer über den Kaßberg. Sie säubern sogenannte Stolpersteine, die an Chemnitzer erinnern, die während der Nazi-Zeit ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

15 Uhr: Am Gedenkort Kaßberggefängnis haben sich Dutzende zumeist junge Menschen versammelt, um der Opfer der sogenannten Pogromnacht zu gedenken. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 waren in der Haftanstalt mehr als 170Chemnitzer Juden inhaftiert und später ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht worden, sagt Chris Bürger vom Verein Lern- und Gedenkort Kaßberggefängnis. Über weitere Stationen mit Bezug zu Verfolgung und Terror während der NS-Zeit begeben sich die Teilnehmer danach in Richtung Innenstadt.

15.30 Uhr: An der Kreuzung Brückenstraße/Straße der Nationen haben sich bei der Veranstaltung "Solidarität statt Rassismus" etwa 500Teilnehmer versammelt, darunter Landtagsabgeordnete und Stadträte. Knapp 100 junge Leipziger stoßen aus Richtung Hauptbahnhof zur Versammlung dazu, auf der Christine Buchholz, Linken-Bundestagsabgeordnete aus Berlin, spricht. Sie ist Gründerin der bundesweiten Initiative "Aufstehen gegen Rassismus". Die Polizei ist mit einem großen Aufgebot vor Ort.

Am Tat- und Gedenkort an der Brückenstraße, wo der 35-Jährige Daniel H. mit Messerstichen umgebracht wurde, haben sich etwa 20 Personen versammelt. Eine Mahnwache dort hatte die städtische Versammlungsbehörde aus Gründen der Absicherung untersagt. Weil sich nur Einzelpersonen versammelt hätten, sei die Polizei nicht eingeschritten, sagte eine Sprecherin auf Nachfrage.

16 Uhr: An der Kreuzung Brückenstraße/Straße der Nationen steigen pinkfarbene Luftballons, versehen mit Wünschen der Teilnehmer, in die Luft. Auf einer Leinwand sind Videobotschaften wie "Gemeinsam stärker" und "Stoppt die AfD" zu sehen. Nach Filmausschnitten aus der Inszenierung "Aufstand der Dinge" des Figurentheaters spielt das Saxofonquartett der Oper, Schauspieler des Theaters tragen Gedichte vor. Raphael Hillebrand aus Berlin zeigt eine Hip-Hop-Darbietung, Ballettdirektorin Sabrina Sadowska lässt das Publikum und Generalintendant Christoph Dittrich tanzen. Eine Grußbotschaft aus Wien wird verlesen, eine weitere per Video aus Brasilien gezeigt. Ein Mitglied der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde versichert, dass auch Muslime Hass und Gewalttaten verurteilen.

17.30 Uhr: Mehrere Hundert Menschen haben sich an der Synagoge zur Aktion "Lichterwege" versammelt, darunter viele Familien, aber kaum Politiker. Mit Kerzen, die mit einem Licht aus der Synagoge entzündet wurden, Lampions und Laternen zieht der Zug in Richtung Stefan-Heym-Platz und Straße der Nationen, wo Kundgebungen mit Musik stattfinden. Mit der Aktion, die ganz ohne Transparente und Parolen auskommt, soll ein Zeichen für die Grundwerte der Zivilgesellschaft gesetzt werden. "Wir wollen nicht, dass das in den vergangenen Wochen entstandene Bild von Chemnitz in den Köpfen der Menschen hängen bleibt", sagt ein Redner zur Auftaktkundgebung.

18.55 Uhr: An der Brückenstraße beginnt die Pro-Chemnitz-Kundgebung mit dem Lied "Die Gedanken sind frei". Die Versammlungsbehörde gibt die Teilnehmerzahl später mit 1200 an. Es ertönen Sprechchöre "Widerstand", "Wir sind die Wende" und "Das ist unser Land". Mehrere Redner ergreifen das Wort.

19.30 Uhr: Die Organisatorin der Kundgebung "Solidarität statt Rassismus", Gabi Engelhardt, spricht von insgesamt 1000 bis 1200 Teilnehmern vom Nachmittag bis zum Abend. Bis 21 Uhr, dem Ende der Veranstaltung, wird Musik gespielt.

19.40 Uhr: Mit Trillerpfeifen und Sprechchören wie "Refugees are welcome here" versuchen Teilnehmer der "Aufstehen gegen Rassismus"-Kundgebung die Demo von Pro Chemnitz zu stören. Pro-Chemnitz-Chef Martin Kohlmann spricht, geht auf die Novemberrevolution von 1918 ein und sagt: "Es ist ein Verbrechen, die legitime Regierung davon zu jagen." Die Demo von Pro Chemnitz wurde nur bis zum Falkeplatz genehmigt; ein Einspruch dagegen beim Verwaltungsgericht blieb laut Rathaus ohne Erfolg. Die Polizei gibt per Lautsprecher durch, die Familie von Daniel H. wünsche, dass die Teilnehmer nach Abschluss der Veranstaltung nicht an den Ort des Verbrechens zurückkehren.

20.50 Uhr: Die Teilnehmer der "Lichterwege" erreichen den Park der Opfer des Faschismus. An den Wegrändern stehen Kerzen. Die mitgebrachten Lichter werden am Mahnmal für die Opfer der NS-Zeit abgestellt, dazu spielt Pianist Jeffrey Goldberg.

22.10 Uhr: Die Polizei, die mit 1000 Beamten im Einsatz war, zieht eine erste Bilanz: Vier Straftaten gab es im Laufe des Abends, alle bei Pro-Chemnitz-Anhängern. Drei führten Reizgas mit sich, einer soll einen Polizisten angegriffen haben. Als beim Versuch, die Demo-Strecke der Rechten in Höhe Börnichsgasse zu blockieren, mehrere Personen von Beamten zurückgedrängt wurden, sei eine Frau gestürzt und habe sich verletzt, heißt es.

Als vor 80 Jahren die Synagoge brannte

Mehrere Hundert Menschen gedenken am Stephanplatz der Novemberpogrome

So viele waren es noch nie. Mehrere Hundert Menschen, darunter Schulklassen, haben sich am Freitagmittag am Stephanplatz versammelt, um dort der Novemberpogrome vor 80 Jahren zu gedenken. Die Synagoge, die am Stephanplatz stand, war die erste in Sachsen, die am 9. November 1938 in Brand gesetzt worden war.

Ministerpräsident Michael Kretschmer, Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig, Stadträte, Abgeordnete verschiedener Parlamente, die Jüdische Gemeinde und mehrere christliche Gemeinden legten Kränze und Blumen an der Stele ab, die heute an den Standort der Synagoge erinnert.

"Jetzt vor 80 Jahren stand hier noch eine Synagoge", sagte Ludwig wenige Minuten nach 12 Uhr. Das Gotteshaus war am 9. November 1938 um 19 Uhr in Brand gesetzt worden. Damals habe der Anteil der Juden an der Stadtbevölkerung nicht einmal ein Prozent ausgemacht. Und trotzdem hätten es die Nationalsozialisten geschafft, Angst zu verbreiten vor dieser Minderheit. Dass jüdisches Leben auch heute noch nichts Alltägliches und Gewöhnliches sei in Deutschland, "geht uns alle an", so Ludwig.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Ruth Röcher, sagte: "Wer seine Geschichte nicht kennt, ist in Gefahr, sie wieder zu erleben." Sie ging auch auf den gewaltsamen Tod von Daniel H. Ende August am Rande des Stadtfestes ein, eine Tat, die sie als schlimm und verachtungswürdig bezeichnete. Die Ereignisse, die folgten, die Stimmung und die Angriffe gegen Ausländer, hätten schlimme Assoziationen bei den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde hervorgerufen. "Aber der Vergleich mit der Pogromnacht von 1938 ist historisch falsch", sagte sie. Die Mehrzahl der Chemnitzer sei weder ausländerfeindlich noch antisemitisch. "Wir, die Jüdische Gemeinde, bekennen uns zu unserer Stadt. Hier wollen wir leben."

Michael Kretschmer erinnerte an die Opfer: "Wir sind es den Opfern schuldig, ihnen Namen, Würde und Identität zu geben." Die Opfer des Holocaust seien nicht nur sechs Millionen Juden, sondern Individuen gewesen. Es sei ein Wunder und wohltuend, dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gibt. Um das zu stärken, habe die Landesregierung, auch aufgrund der Bitten von jüdischen Gemeinden, entschieden, einen Beauftragten für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus in Sachsen einzusetzen.jpe

Bewertung des Artikels: Ø 3.4 Sterne bei 5 Bewertungen
8Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.

  • 4
    10
    BlackSheep
    11.11.2018

    @Blackadder, mit ihrer Äusserung zeigen Sie wieder das Sie keinerlei demokratische Spielregeln verstanden haben.

  • 6
    4
    Distelblüte
    11.11.2018

    Die Spötter bringen frech eine Stadt in Aufruhr; aber die Weisen stillen den Zorn. Sprüche 29.8
    Ein Text aus der Bibel, und er ist aktuell wie nie.

  • 3
    11
    ArndtBremen
    11.11.2018

    Frau Black, wenn man (oder Frau) das Draussenstehen schon von der Schule kennt...

  • 10
    5
    Blackadder
    11.11.2018

    @ ArndtBremen und Thomboy: Manche Dinge sind von außerhalb besser zu erkennen, als wenn man mitten drin steht.

  • 3
    12
    ArndtBremen
    11.11.2018

    @thomboy: Bei Frau Black ist das "vermutlich!!!" auf eine kognitive Dissonanz zurückzuführen.

  • 4
    10
    thomboy
    11.11.2018

    @Blackadder: Es gab eine "Demo von Rechtsextremen"? Davon weis ich gar nichts!

  • 15
    14
    Blackadder
    10.11.2018

    Ohne Demo von Rechtsextremen wäre es ein würdevolles Gedenken gewesen.

  • 27
    1
    Hankman
    10.11.2018

    Wenn ich richtig gezählt habe, hat es in Chemnitz am Freitag insgesamt sieben Kundgebungen oder Demonstrationen gegeben. Es gab keine größeren Zwischenfälle und auch keine größeren "Entgleisungen". So muss das sein in einer zivilisierten Stadt, wie es Chemnitz ist. Es war ein halbwegs würdevoller 9. November.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...