Um den massiven Ausfall zu verringern, wurden Lehrkräfte von anderen Schulen abgezogen und vorrangig an Oberschulen geschickt. An der Oberschule Schönau/Siegmar hat das gefruchtet. Andernorts kommt es nun aber zu Ausfällen.
Es war wohl die ungewöhnlichste Lehrersuche, die es in Chemnitz je gegeben hat: Per Aushang an einer Tankstelle suchte der amtierende Leiter der Oberschule Schönau/Siegmar, Karsten Schott, im Frühjahr Physiklehrer. Weil sich in der Region nahezu keine ausgebildeten Fachkräfte für dieses Fach finden ließen, fiel an seiner Schule bis zum Sommer der Physikunterricht für die 8. und 9. Klassen aus. Die Tankstellen-Aktion war ein Hilferuf, ein „Akt der Verzweiflung“, der letztlich keine direkte Wirkung entfaltete.
Unterrichtsausfall ist seit Jahren das Kernproblem der sächsischen Bildungslandschaft. Dabei konzentrierte sich der Ausfall überwiegend auf eine Schulart: Während an Grundschulen und Gymnasien oftmals planmäßiger Unterricht stattfand, fiel an einzelnen Oberschulen der Stadt jede dritte Stunde aus. Hauptgrund dafür ist der Lehrermangel.
Weil absehbar nicht ausreichend Lehrkräfte vorhanden sind, griff das Kultusministerium zu Beginn dieses Schuljahres zu drastischen Mitteln: Hunderte Lehrkräfte wurden vorrangig von Gymnasien und Grundschulen an Oberschulen abgeordnet, zum Teil für einige Stunden, zum Teil komplett. Fast jede zweite der landesweit 290 Oberschulen profitierten davon.
Elf Abordnungen an eine Schule
„Meine Erwartungen sind übertroffen worden“, sagt Karsten Schott. Elf Lehrkräfte seien an seine Schule abgeordnet worden, einige davon aus dem Umland, beispielsweise Jahnsdorf und Beutha. Sie leisteten zusammen wöchentlich 74 Unterrichtsstunden. Dazu kam ein Seiteneinsteiger, der nun den zuvor ausgefallenen Physikunterricht abdecke. Fiel bis vergangenes Schuljahr wegen Lehrermangel (und auch Krankheit) jede vierte Stunde aus, sind es nun nur noch einzelne Stunden. „Unsere Schüler mussten über Jahre hinweg massiven Ausfall hinnehmen und haben jetzt eine volle Stundentafel verdient“, freut sich Schott. Leider weiterhin nicht angeboten werde eine zweite Fremdsprache, räumt er ein. Die sei für einen Wechsel ans Gymnasium aber auch nicht erforderlich.
Auch an anderen Oberschulen hat die Maßnahme des Landes offenbar durchgeschlagen. An der Alexander-von-Humboldt-Oberschule, an der in den vergangenen Jahren jede vierte Stunde wegen Lehrermangels ausfiel, sei man im neuen Schuljahr nun runter auf drei Prozent, sagt Thomas Brewig, Vorsitzender des Kreiselternrates. „Die Schulen, die aus dem Loch des Ausfalls rauskommen, sind positiv gestimmt.“ Die Schulleitung wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern.
Kürzungen nun auch an Gymnasien
Die Kehrseite: Einzelne Gymnasien, die bislang kaum Ausfälle zu verzeichnen hatten, müssen nun Lehrkräfte abgeben und kürzen deswegen ihre Stundepläne, beispielsweise in Chemie, Geografie und der zweiten Fremdsprache, hat Brewig von anderen Eltern erfahren. Die Schulleitungen seien bei der Unterrichtsplanung zusätzlich belastet. Insgesamt seien die meisten Eltern trotzdem „überwiegend einsichtig“, hat er beobachtet.
Persönlich halte er den Schritt des Kultusministeriums für zu spät. „Er hätte früher kommen und von mehr Einstellungen flankiert werden müssen“, sagt Brewig. Außerdem frage er sich, wie es im übernächsten Jahr weitergehen solle. Die Abordnungen seien auf maximal zwei Jahre begrenzt, so der Kreiselternratsvorsitzende. Bis dahin gingen noch einmal hunderte Lehrkräfte in Rente. „Es fehlt die Perspektive. Die jetzige Gleichverteilung des Defizits ersetzt keine Lehrer.“ (lumm)






