AfD-Kandidat zweifelt Wahlergebnis an

Direktbewerber Nico Köhler hat bei den Briefwählern ein deutlich schlechteres Ergebnis erreicht als in den Wahllokalen. Womöglich muss ein Teil der Chemnitzer Stimmzettel neu ausgezählt werden.

Knapp 3700 Stimmen lag CDU-Direktkandidat Frank Heinrich am Ende vor seinem AfD-Konkurrenten Nico Köhler: Nach jetzigem Stand hat der CDU-Mann sein Bundestagsmandat im Chemnitzer Wahlkreis verteidigt. Für den 41-jährigen Köhler allerdings ist die Wahl noch nicht gelaufen, wie er sagt. Er verweist auf den aus seiner Sicht gravierenden Unterschied zwischen dem Ergebnis der Briefwahl und dem der Urnenwahl. Danach ist Köhler von gut 26 Prozent der Chemnitzer gewählt worden, die direkt im Wahllokal ihre Stimme abgegeben haben. Bei den Briefwählern hingegen kam er lediglich auf 17,4 Prozent. Köhler: "Das macht mich stutzig, womöglich ist etwas schiefgelaufen." Der AfD-Landesvorstand prüfe deshalb, die Neuauszählung der knapp 37.000 Briefwahl-Stimmzettel zu beantragen.

Darüber würde der Stadtwahlausschuss entscheiden, der am Donnerstag zu seiner öffentlichen Sitzung zusammenkommt. Die Mitglieder könnten auch aus eigener Initiative eine Neuauszählung veranlassen, wie Wahlleiter Sven Schulze erklärte. Er bestätigt die unterschiedlichen Ergebnisse bei Brief- und Urnenwahl. Es gebe jedoch derzeit keine Anhaltspunkte dafür, dass am Wahltag Fehler unterlaufen seien. Die öffentliche Auszählung der Stimmen hätten diesmal mehr Bürger als bei vorangegangenen Wahlen verfolgt. Die 13Briefwahlbezirke wurden in der Schloßschule ausgezählt.

Die Ergebnisse der Briefwahl sind bislang noch nicht veröffentlicht worden, bestätigt Schulze - im Gegensatz zu den Abstimmungsergebnissen aus den Stadtteilen, die bereits nach Auszählung am Wahlabend auf der Internetseite der Stadt nachzulesen waren. In Kürze, möglichst ab heute, sollen laut Schulze auch die Briefwahlergebnisse abgerufen werden können.

Hätte AfD-Mann Köhler bei den Briefwählern in etwa das gleiche prozentuale Ergebnis wie bei den Urnenwählern erreicht, wären mehr als 3000 Stimmen zusätzlich auf den Reichenbrander entfallen - und das Rennen um das Direktmandat wäre deutlich knapper ausgefallen. Die in den Wahllokalen abgegebenen Stimmen hätten Köhler sogar für einen Sieg gereicht: Dort bekam er annähernd 500 Stimmen mehr als Heinrich.

Dass die AfD stark abschneiden würde, hatte offenbar auch Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) kommen sehen. "Das Ergebnis entspricht der Stimmung, die ich wahrnehme", sagte sie gestern. "Ich hoffe, dass alle Parteien gut darüber nachdenken." CDU-Landeschef Stanislaw Tillich, der sich in einer ersten Stellungnahme vom Ausgang der Wahl überrascht gezeigt hatte, empfahl sie mehr Kontakt zur Basis. "Wenn der sächsische Ministerpräsident genauer wissen will, was in Sachsen los ist, dann sollte er regelmäßig zu Bürgerdialogen einladen und mit den Bürgermeistern diskutieren", so Ludwig.

"Eine starke Stimme in Berlin" erwartet Ludwig von den Chemnitzer Bundestagsabgeordneten. Dies sind künftig vier - einer mehr als bisher und so viele wie noch nie. Neben Frank Heinrich (CDU) als Wahlkreisabgeordnetem ziehen auch drei seiner direkten Kontrahenten über die jeweiligen Landeslisten ihrer Parteien in den Bundestag ein. Die Rathauschefin kündigte an, alle vier nun "schnell zu einem Gespräch einladen" zu wollen.

"Dass wir jetzt vier Abgeordnete in Berlin haben, freut mich für die Stadt ganz enorm", sagte Frank Müller-Rosentritt (FDP), der Neuling im Quartett. "Wenn es uns jetzt nicht gelingt, etwas für Chemnitz zu bewegen, wann dann?" Ähnlich positiv äußerte sich Frank Heinrich. "Mein erster Gedanke war: Das ist der Hammer", sagte er. Dass die Chemnitzer Bundestagsmitglieder sich aller Voraussicht nach sowohl aufseiten der Regierung als auch in der Opposition wiederfinden dürften, sei dabei kein wirkliches Problem, so der 54-Jährige.

Auch Detlef Müller (SPD) glaubt nicht, dass die sich abzeichnenden Konstellationen die Zusammenarbeit erheblich erschweren werden. "Gerade beim Thema Fernbahn-Anbindung sind wir uns ja im Grunde alle einig", meinte er. Michael Leutert hingegen fürchtet, dass nach dem Einzug der AfD in den Bundestag Wahlkreis-Themen künftig zwangsläufig eine weniger bedeutende Rolle spielen. "Der Wähler hat es so gewollt, dass es jetzt oft um eine sehr grundsätzliche Frage gehen wird: In welche Richtung soll sich dieses Land entwickeln?"

Zunächst aber muss das amtliche Endergebnis für Chemnitz festgestellt werden. Der Stadtwahlausschuss tagt am Donnerstag, 15 Uhr, im Rathaus. Neben Bürgermeister Sven Schulze als Vorsitzendem gehören ihm je zwei Mitglieder der CDU, der Linken sowie je ein Vertreter von SPD und Grünen an. Die Zusammensetzung des Gremiums richtet sich nach dem Ergebnis der vorherigen Bundestagswahl.

Wie in den mehr als 400 sächsischen Gemeinden abgestimmt wurde, erfahren Sie hier in unserer Wahlpräsentation.

Kommentar: Bärendienst         

Von Mandy Fischer

Sozialpolitik, Bildung, Zuwanderung, Rente, Deutschlands Rolle in Europa - nahezu alle großen Themen sind in Chemnitz vor der Wahl debattiert worden. Gewerkschaftsbund, Kirche, Wohlfahrtsverbände hatten die Direktkandidaten zu ihren Diskussionsforen eingeladen. AfD-Mann Nico Köhler war oft nicht dabei - nie wirklich ausgeladen, aber eben auch nicht eingeladen. Die Veranstalter wollten dem Rechtsaußen kein Podium bieten. Eine gute Wahl? Nein. So war es für Köhler ein Leichtes, seine Ausgrenzung durch jene zu beklagen, die sonst Meinungsfreiheit fordern. Außerdem wurde die Chance zur inhaltlichen Auseinandersetzung vertan. Und damit auch den AfD-Wählern die Möglichkeit genommen, alle politischen Seiten ihres Kandidaten kennenzulernen.

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8Kommentare
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  • 8
    5
    cn3boj00
    26.09.2017

    @Deluxe: vielleicht waren bei den Briefwählern ja mehr dabei die Schreiben und Lesen konnten... ja war ein Scherz aber den musste ich jetzt raushauen, mal sehn ob er durch die Nettiquette geht...

  • 6
    6
    cn3boj00
    26.09.2017

    Am besten in ganz Deutschland so lange nachzählen bis die AfD überall vorne liegt. Das kann ja nicht sein, dass die es nicht geschafft haben die Merkel abzuwählen. Bei jedem Artikel in dem es um Ausländer ging haben doch 70% AfDler kommentiert. Man hatte ja schon Angst ob man noch ganz dicht ist wenn man anders denkt.

  • 8
    4
    malm
    26.09.2017

    Selbstverständlich kann man nachzählen und das Ergebnis überprüfen. Dann aber in allen Wahlbezirken und nicht nur dort, wo Hr. Köhler mit dem Ergebnis unzufrieden ist.

  • 11
    10
    hkremss
    26.09.2017

    Sollen sie doch die Briefwahlstimmen nochmal auszählen. Nichts würde dem Herrn Köhler (abgesehen von einer Korrektur zu seinen Gunsten) mehr gefallen als die des Opfers, das um seinen Wahlsieg betrogen wurde. Diese Steilvorlage sollte man ihm nicht geben.

  • 11
    3
    fsaenge
    26.09.2017

    @ 1905301: Es haben eben nicht nur Menschen vom Kaßberg per Briefwahl gewählt, sondern eben ein Schnitt aus allen Stadtteilen. Das dieser Schnitt derart vom Schnitt der "normalen" Wahl abschneiden soll, ist zwar nicht unmöglich, aber relativ unwahrscheinlich. Daher sollte man prüfen, ob Fehler passiert sind. Dies wäre auch sehr demokratisch, denn schließlich will man den Willen des Wahlvolkes ja gerecht werden, sollte ein tatsächlich ein Fehler passiert sein. Und sollte sich das Ergebnis am Ende als richtig herausstellen, schadet die erneute Auszählung auch nicht. So oder so ein Gewinn für die Demokratie.

  • 1
    6
    Interessierte
    26.09.2017

    Hier bei den Fotos fehlt doch diese junge Frau , welche im SF auch vorgestellt wurde , die ist wohl gar nicht gewählt worden - diese Meike Rodon ?

  • 7
    7
    malm
    26.09.2017

    Finde das jetzt nicht besonders überraschend. Die Ergebnisse der einzelnen Stimmbezirke weichen noch viel stärker voneinander ab. Man vergleiche nur mal Kaßberg (15,94) mit Klaffenbach (32).

  • 12
    8
    Deluxe
    26.09.2017

    Der Unterschied zwischen Brief- und Urnenwahl ist tatsächlich merkwürdig...
    10% Differenz sind viel. Sehr viel.
    Und in jedem Falle mehr, als man angesichts der Wählerverteilung vermuten möchte.
    Die AfD wurde von allen sozialen Schichten gewählt. Davon kann es also kaum abhängen, denn auch für die Briefwahl entscheiden sich alle Schichten.

    Sehr seltsam...



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