"Allergisch gegen jede Art Gehirnwäsche"

HERBST 89: Der Mitbegründer des Neuen Forums Andreas Bochmann über die politischen Ziele vor 30 Jahren und Sorgen von heute

Wie denken Zeitzeugen und Protagonisten der Wendezeit in Chemnitz über damals und über die Entwicklung seither? Heute: Andreas Bochmann, Mitbegründer des Neuen Forums. Mit ihm sprach Michael Müller.

"Freie Presse": Herr Bochmann, im Herbst 1989 waren Sie Mitte 30, arbeiteten freiberuflich als Grafikdrucker und waren in Karl-Marx-Stadt einer der beiden Sprecher des Neuen Forums, der wichtigsten oppositionellen Plattform. Was war die DDR bis dahin für Sie gewesen?

Sie war meine Heimat, zu der sich aber zunehmend ein ambivalentes Verhältnis entwickelt hatte. Einerseits war da der Anspruch, Humanität und Menschenrechte zu verwirklichen. Andererseits wurden Andersdenkende zumindest diskriminiert, wenn nicht gar verfolgt. Endgültig habe ich das Vertrauen in diesen Staat verloren, als 1968 die Armeen des Warschauer Pakts in die Č SSR einmarschierten. Ich war damals 14 Jahre alt. Seitdem bin ich allergisch gegen jede Art der Gehirnwäsche, auch durch Medien.

Wollten Sie die DDR verlassen?

Meine damalige Frau und ich hatten den fertig formulierten Ausreiseantrag in der Schreibtischschublade. Von Zeit zu Zeit haben wir ihn rausgeholt. Mit dem Ergebnis, dass wir uns dann immer wieder sagten: "Wir haben ja das gleiche Recht auf dieses Land wie die Honeckers, Mittags und Mielkes." Dann wurde er wieder in der Schublade versenkt.

Wann hatten Sie zum ersten Mal das Gefühl, dass dieses Land bald ein anderes sein wird?

Am stärksten, als Egon Krenz im Sommer 1989 der chinesischen Staats- und Parteiführung zu ihrem "großartigen Sieg" auf dem Platz des Himmlischen Friedens gratulierte. Die Sicherheitskräfte waren dort mit Panzern brutal gegen zehntausende protestierende Studenten vorgegangen. Es gab etliche Tote.

Was waren Ihre wichtigsten Anliegen mit dem Neuen Forum in Karl-Marx-Stadt?

Uns ging es um Demokratie und Menschenrechte, während andere, länger existierende Gruppen den Fokus mehr auf ökologische Aspekte der DDR-Realität legten. Es ging uns - wie der Gründungsaufruf des Neuen Forums formulierte - um eine öffentliche Diskussion aller gesellschaftlichen Belange. Wir wollten einen demokratischen Sozialismus. Den Namen hat uns dann später die SED geklaut und sich PDS genannt.

Welche konkreten Erfolge hatte Ihre Arbeit im Herbst 1989?

Wir konnten die Menschen mobilisieren, weil wir eine Idee von einem Land hatten, in dem wir leben wollten. Der größte und aus meiner Sicht letzte Erfolg war die Auflösung der Stasi.

Ab dem Mauerfall lief die Entwicklung mehr und mehr auf eine schnelle Wiedervereinigung zu. Was haben Sie damals über diese Entwicklung gedacht?

Wir hatten, wie gesagt, eine Idee von einem Land. Die Wiedervereinigung war dabei gar nicht ausgeschlossen, aber sie sollte über Artikel 146 des Grundgesetzes stattfinden und nicht über einen einfachen Anschluss nach Artikel 23. Das hätte natürlich länger gedauert, aber die Leute wollten nicht länger auf die bundesdeutschen Lebensstandards warten. Aus heutiger Sicht wäre eine Verzögerung auch sehr gefährlich gewesen. Denn wenn 1992 der Putsch gegen Gorbatschow gelungen wäre, hätten die Russen alles zurückdrehen können.

Wann und wo waren Sie das erste Mal im Westen?

1987 in Westberlin. Eine Dienstreise über den Künstlerverband.

Was haben Sie sich von Ihrem Begrüßungsgeld gekauft?

Das habe ich, soweit ich mich erinnere, gar nicht abgeholt.

Bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 kam das Bündnis 90 mit Neuem Forum und anderen Oppositionsgruppen auf gerade mal 2,9 Prozent der Stimmen. Haben andere die Früchte Ihrer Saat geerntet?

Die Menschen im Osten wollten etwas anderes, wie uns das enttäuschende Wahlergebnis zeigte. Ihnen war auch völlig egal, dass sie mehrheitlich eine bis dahin staatstragende DDR-CDU wählten. Mit der SPD hatte ich weniger Probleme, denn die meisten dort kamen aus dem Neuen Forum oder anderen Oppositionsgruppen. Aber ich hatte schon in der DDR gelernt, dass zur Demokratie unbedingt auch die Akzeptanz der anderen Meinung gehören muss. Heute ist das anders: Da parlieren gerade die am lautesten über Toleranz, die dazu am wenigsten bereit sind.

Wen meinen Sie damit?

Ich hatte mich immer für links gehalten. Aber jemand, der die aktuelle Einwanderungspolitik für falsch hält, ist für mich nicht zwingend ein Rassist. Und jemand, der meint, Deutschland könne das Weltklima nicht alleine retten und seinen teuer bezahlten SUV liebt, ist für mich noch lange kein Rechter. Diese Radikalisierung im Umgang mit Andersdenkenden macht mir Angst.

Was war Ihrer Meinung nach der größte Fehler bei der Wiedervereinigung?

Da kann man wunderbar schwadronieren, weil man hinterher immer klüger ist. Der Westen hätte sich aus meiner Sicht das Können, den Fleiß und die Kreativität der Menschen hier zunutze machen müssen, anstelle diesen Ausverkauf über die Treuhand zu starten. Unter Umständen wäre das sogar billiger geworden.

Die Jahre nach der Wiedervereinigung waren in Chemnitz geprägt nicht zuletzt von Betriebsstilllegungen und Massenarbeitslosigkeit. Hatten Sie jemals Existenzängste?

Arbeitslosigkeit ist für die meisten sehr schlimm. Existenzängste hatte ich vor allem vor der Wende. Nämlich immer dann, wenn die Stasi früh um sechs klingelte und die Wohnung auf den Kopf stellte. Nach der Wende bin ich auch zweimal arbeitslos gewesen. Da musste man dann eben den Whisky vom Aldi trinken. Aber das ist doch alles nichts gegen tagelange Verhöre und die Aussicht auf 36 Monate Knast. Meine Angstschwelle liegt da ziemlich hoch.

Wenn Sie heute 30 Jahre zurückblicken: Haben sich Ihre Hoffnungen von damals erfüllt?

Für mich persönlich ja. Und dafür bin ich dankbar. Der Zustand unserer Gesellschaft macht mir jedoch Sorgen. Wir brauchen wieder mehr gesunden Menschenverstand und weniger Ideologie in der öffentlichen Diskussion und in der Politik.

Sind Sie heute noch politisch oder zivilgesellschaftlich aktiv?

Nun ja. Ich zahle Mitgliedsbeiträge bei Bündnis 90/Die Grünen.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Einigkeit und Recht und Freiheit.


Andreas Bochmann

Der gelernte Kfz-Handwerker (Jahrgang 1953) wuchs in Einsiedel auf. Seinen Wehrdienst leistete er als Bausoldat. Ein Literaturstudium musste er auf Betreiben der Stasi abbrechen. Später war er Mitbegründer des Neuen Forums und von Bündnis 90/Die Grünen. Von 1996 bis 2007 war Andreas Bochmann Pressesprecher der Stadt Chemnitz. Heute lebt er im Stadtteil Borna-Heinersdorf. (micm)

22Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    3
    gelöschter Nutzer
    07.11.2019

    @Hinterfragt: Was genau stimmt denn nun nicht am Faktencheck der Anstalt? ich frage nochmal!

  • 0
    4
    Hinterfragt
    07.11.2019

    @cn3boj00; Nix am Thema vorbei.
    Comedy ist es hier und auch da.
    Eine "seriöse" Nachrichtensendung hat man wohl nicht gefunden?

  • 6
    3
    cn3boj00
    06.11.2019

    @Hinterfragt am Thema vorbei. Es ging hier um die Quellen für die Sendung die Anstalt, die mit Original-Links auf öffentliche Dokumente versehen sind. Einfach erst mal anschauen, dann kritisieren. Falls es tatsächlich was gibt.

  • 5
    3
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    @hinterfragt: Was hat das mit dem Faktencheck der Anstalt zu tun und was stimmt denn nun genau an diesem nicht?

  • 2
    6
    Hinterfragt
    06.11.2019

    Zum Thema Faktencheck im ZDF ...

    https://www.spiegel.de/panorama/justiz/heute-show-polizei-heilbronn-will-gegen-fotomontage-vorgehen-a-1295190.html

  • 3
    2
    Inke
    06.11.2019

    Eine sehr konstruktive und aufschlussreiche Talkrunde zum Thema DDR-Vergangenheit und gegenwärtiges Wahlverhalten war auch "Hart aber fair" vom 28.10. Unter anderem mit Antje Hermenau und Dirk Neubauer, einem Bürgermeister aus dem Raum Chemnitz.

    https://www.ardmediathek.de/daserste/player/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLTI3OTAyYjMyLTBmMDktNDYzNC04MjhiLTE0YjYxZmQ2MjI2Yw/der-osten-hat-gewaehlt-der-westen-schaut-gequaelt-sieht-so-die-einheit-aus

  • 6
    3
    cn3boj00
    06.11.2019

    @thomboy: so schnell haben Sie die Quellen analysiert? Ich vermute, Fakten (wie z.B. offizielle Dokumente der Bundesregierung) sind für Sie a priori nicht glaubwürdig? Sie haben ihre eigenen Quellen?

  • 4
    7
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    Blacky; Der BERÜHMTE ZDF "Faktencheck"!

  • 10
    7
    cn3boj00
    06.11.2019

    @thomboy: "Sehr sehr wahr gesprochen. Diese ehrlichen Worte eines DDR Bürgerrechtlers dürften einigen ehemaligen DDR Bürgern die heute noch links wählen gar nicht gerne hören."
    Sie interpretieren in das, was Herr Bochmann sagt, ihre eigene Ideologie hinein, und genau das ist das Problem, was er anspricht. Vielleicht versuchen Sie es mal mit mehr Menschenverstand und weniger Ideologie.

  • 7
    6
    Interessierte
    06.11.2019

    Seitdem bin ich allergisch gegen jede Art der Gehirnwäsche, auch durch Medien.
    ( ich auch seit vielen Jahren ...

  • 9
    6
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    @Thomboy: In dem Fall: nachprüfbare Fakten. Und im Fall der "Anstalt" gibt es auf der Homepage immer noch einen Faktencheck zum nachlesen:

    https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/fakten-im-check-der-anstalt-118.html

  • 11
    2
    Freigeist14
    06.11.2019

    Was die "Anstalt" nur kurz erwähnte : Alfred Rohwedder stand für die Sanierung mit anschließender Privatisierung und der "Entschädigung vor Rückgabe " . Nach seinem dubiosen Tod ,der mit einem noch dubiöseren Bekennerschreiben einer RAF zugerechnet wurde, kam mit Birgit Breuel der vollständige Bruch mit dieser Politik . Privatisierung um jeden Preis und der gnadenlosen Abwicklung .

  • 2
    13
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    DTR: Wie beschreiben sie "Wahrheit?"

  • 16
    2
    Freigeist14
    06.11.2019

    acals@ ja ,was bringt es ,darüber heute zu reden ? Ganz einfach : Die Geschichtsschreibung überarbeiten , die unlauten Absichten des Finanzministeriums und der Treuhand klar benennen und das Werk von Millionen Werktätigen der DDR fair und mit Respekt würdigen .

  • 18
    2
    DTRFC2005
    06.11.2019

    Zitat:"Diese Radikalisierung im Umgang mit Andersdenkenden macht mir Angst." Dieser eine Satz, ist genau das, was mich ebenfalls sehr umtreibt. davon abgesehen, war der Inhalt der Sendung - Die Anstalt- mit derart Wahrheiten bestückt, das der ein oder andere den Notarzt hätte rufen müssen, weil ihm die Luft wegblieb.

  • 9
    11
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    @acals: "Am Ende des Tages: Was bringts jetzt noch."

    Gute Frage. Vielleicht reicht es ja vielen Ossis schon, wenn man im Westen anerkennen würde, dass vieles zu Wendezeiten schief gelaufen ist. Die schnelle Einführung der D-Mark hat doch den Exodus in den Westen nicht verhindern oder abmildern können, der ging doch ungebremst weiter. Hätte man das alles langsamer und überlegter Umgesetzt: Währungsunion, Öffnung der DDR-Wirtschaft nach außen und als letzten Punkt: Wiedervereinigung, wäre es sicher für alle mit weniger Stress abgelaufen.

  • 11
    3
    acals
    06.11.2019

    @blacky: Die Anstalt gestern war - wie idRegel immer - sehenswert.

    Wo Rede ist darf aber auch Gegenrede sein. Die Aussage der Massen war "Kommt die D-Mark bleiben wir, kommt sie nicht gehn wir zu ihr." Und solange dies nicht klar definiert war - gingen die Massen. (Die Zahlen sind bekannt, auch die von '49 bis '61). Ich durfte selber zu dieser Zeit (89/90) als Bausoldat dienen - man hat uns in die Krankenhaeuser gesteckt, weil kein Personal da war. Mich selber sogar auf der Intensivtherapiestation - in mehr als einem Nachtschichtrhythmus mit nur einer weiteren Schwester, die nicht einmal Fachschwester war.

    Bei diesem stampede steht noch aus wie eine alternative Loesung haette aussehen sollen ... das hatte auch die Anstalt nicht abgebildet.

    Am Ende des Tages: Was bringts jetzt nocht. Zu erklaeren wer Recht und wer Unrecht hatte. Dem Ossi den Bauch zu kitzeln? Den Wessi vorzufuehren und ihm zu zeigen wie ausbeuterisch etc er agierte?
    Diese Diskussion wird leider nicht unter dem Punkt gefuehrt Tatsachen festzuhalten - sondern vermittlet den Eindruck das Aufregen irgend etwas aendern wuerde, das sozusagen im Nachgang der reiche Wessi mit einem Porsche vorfaehrt und sagt - mein lieber Ossi - der ist fuer Dich, weil Du so ungerecht behandelt wurdest. Und natuerlich ist letzteres im uebertragenen Sinne gemeint ...

    Das loest nicht ein Problem, welches wir heute haben.

    Schimpf nicht ueber die Dunkelheit, zuend ein Licht an - das galt vor 2500 Jahren und ist immer wieder neu aktuell.

  • 17
    1
    ChWtr
    06.11.2019

    Toller Artikel, tolles Interview, tolle Einstellung.

    Andreas Bochmann kann ich nur zustimmen.

    Bausoldat war ich nicht, bin nur um Haaresbreite nicht nach Schwedt gekommen. Unsere Gesellschaft ist viel mehr Bochmann als man zwangsläufig annimmt und das ist gut so.

  • 14
    16
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    Sehr sehr wahr gesprochen. Diese ehrlichen Worte eines DDR Bürgerrechtlers dürften einigen ehemaligen DDR Bürgern die heute noch links wählen gar nicht gerne hören.

  • 29
    1
    Maschinenbauer
    06.11.2019

    Respekt an Herrn Bochmann. Eine klare Haltung und ein Satz der alles auf den Punkt bringt: "Wir brauchen wieder mehr gesunden Menschenverstand und weniger Ideologie in der öffentlichen Diskussion und in der Politik."

  • 15
    17
    gelöschter Nutzer
    06.11.2019

    @Mike1969: Können Sie bitte damit aufhören, das Forum mit Ihren privaten Problemen zu belasten, das gehört hier nicht zum Thema.

    Zum Thema: Die gestrige Anstalt war zum Thema Wiedervereinigung eine Offenbarung. Ich kann sie nur jedem ans Herz legen. Gerade die Fakten, um die Einführung der DM und die Öffnung des Marktes der DDR, was der Wirtschaft das Genick gebrochen hat und die Rolle Thilo Sarrazins dabei, werden viele ehemalige DDR-Bürger und heutige AfD-Wähler, die Sarrazin-Fans sind, gar nicht gerne hören!

  • 4
    22
    Mike1969
    06.11.2019

    Ihr Wunsch für die ZUKUNFT sieht derzeit so aus: Betroffene Mütter sind sich EINIG: RECHT und FREIHEIT geht verloren, wenn man Mutter geworden ist und der Ex das Leben von Kind und Mutter - staatlich geschützt - zerstören darf.



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