Alte Trasse für Energiewende zu schwach

Betreiber des Hochspannungsnetzes plant neue Freileitung ab Röhrsdorf - 320 Masten werden neu gesetzt - Kosten: 140 Millionen Euro

Die mehr als 50 Jahre alte Höchstspannungsleitung, die ab dem Umspannwerk Röhrsdorf durch Chemnitzer Gebiet, den Landkreis Zwickau bis Thüringen führt, soll ausgetauscht werden. Bevor die ersten neuen Masten gesetzt werden, prüft die beauftragte Firma "50Hertz", ob die Leitung den gleichen Verlauf nehmen sollte oder sich an einigen Stellen andere Flächen anbieten. Die ersten Pläne liegen vor. "Freie Presse" beantwortet die wichtigsten Fragen.

Was wird gebaut?

Ab dem Umspannwerk Röhrsdorf soll eine neue 380-Kilovolt-(kV)-Leitung errichtet werden, die weiter durch den Landkreis Zwickau bis Thüringen führt und insgesamt 107 Kilometer lang ist. 320 Masten werden auf dieser Strecke gesetzt. Sie sind mit rund 55 Metern etwa fünf Meter höher als die jetzigen Masten. Hintergrund: Die freihängende Leitung soll künftig mindestens zwölf Meter statt 8,50 Meter über dem Erdboden verlaufen. Das sei unter anderem für Landwirtschafts-Fahrzeuge wichtig, so Dirk Manthey vom beauftragten Unternehmen. Nach dem Neubau soll die bestehende Leitung aus dem Jahr 1964 schrittweise demontiert werden, sodass die Stromversorgung zu keiner Zeit unterbrochen werde.

Verläuft die neue Leitung auf der gleichen Trasse wie die alte?

Auf den meisten Abschnitten ja, auf einigen nicht. Es gibt Flächen, für die Alternativen geprüft werden, zum Beispiel wenn unter der Freileitung inzwischen Häuser stehen oder der Natur- beziehungsweise Tierschutz gegen einen Neubau von Masten spricht. Untersucht wird unter anderem, ob die Trasse ab dem Umspannwerk Röhrsdorf künftig südlicher verlaufen sollte, sodass sie von der Wohnbebauung weiter entfernt wäre. Allerdings wäre diese Strecke länger, sodass wiederum mehr Masten gesetzt werden müssten. Über die gesamte Strecke gibt es annähernd 25 Varianten des künftigen Verlaufs. Während der Planungszeit werden in einem aufwändigen Verfahren für jeden Abschnitt Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Trassenverläufe abgewogen.

Weshalb wird eine Freileitung und kein Erdkabel verlegt?

Neue Stromleitungen würden nach einer Bundesregelung im Energiewirtschaftsgesetz grundsätzlich nicht vergraben - mit Ausnahme von Pilotprojekten, wozu Röhrsdorf nicht gehöre, sagt Manthey. Der Bau eines Erdkabels sei sechs Mal so teuer wie der einer Freileitung. Zudem sei bei einer Störung die Fehlersuche aufwändiger. Laut Manthey ist ein Fehler in einer Freileitung im Durchschnitt nach 48 Stunden behoben, in einem Erdkabel nach vier Wochen. Zudem sei beim Bau der Eingriff in fremdes Eigentum wesentlich höher.

Welche Risiken bestehen?

Es gilt als unbestritten, dass die durch den Stromfluss erzeugten elektrischen und magnetischen Felder Auswirkungen auf den menschlichen Körper haben. Das heißt aber noch nicht, dass sie deshalb Schaden anrichten. Es gibt Studien, die von gesundheitlichen Risiken sprechen, und jene, die das Gegenteil beweisen. Aus Sicht der Planer gibt es keine Beeinträchtigungen für Menschen. Die magnetischen und elektrischen Felder wären nicht verschwunden, nur weil das Kabel vergraben ist, so Manthey. Zudem sei der Abstand zu einer Freileitung im Regelfall größer als zu einem Erdkabel. Laut Manthey werden die Werte des Bundesimmissionsschutzgesetzes eingehalten. Das besagt auch, dass neue Hochspannungsleitungen nicht direkt über Gebäuden verlaufen dürfen.

Wie viel Geld wird der Trassen-Neubau kosten?

Experten rechnen pro Kilometer Freileitung mit 1,3 Millionen Euro. In der Summe wären es bei diesem Vorhaben knapp 140 Millionen Euro. Hinzu kommen Umbauarbeiten an den drei Umspannwerken, die zwischen 10 und 15 Millionen Euro liegen. Jedoch handelt es sich zunächst um grobe Schätzungen, da die Detailplanung noch aussteht.

Wie sieht der weitere Zeitplan aus?

Im September gibt es in vier Orten entlang der Trasse Informationsveranstaltungen. Für die Chemnitzer Region findet sie am 13. September in Limbach-Oberfrohna statt. Dort werden die Bereiche vorgestellt, in denen mögliche Trassenverläufe untersucht werden. Bei der Veranstaltung vertreten sind auch die Bundesnetzagentur als Genehmigungsbehörde sowie die Initiative Bürgerdialog Stromnetz. Zum Jahresende gibt es eine Konferenz mit Behörden und Verbänden, die Einfluss auf die Pläne nehmen können. Danach werden sämtliche Hinweise verarbeitet sowie neue Vorschläge für Trassenverläufe geprüft. Berücksichtigt werden sollen auch Vorhaben von Kommunen, die geplant, aber noch nicht umgesetzt sind. Dazu gehört zum Beispiel die Erweiterung des Gewerbegebietes Süd Pleißa. Ende 2017 sollen die Korridore feststehen, innerhalb derer später der detaillierte Trassenverlauf sowie Ausgleichsmaßnahmen festgelegt werden, zum Beispiel in welches Ausweichquartier gefährdete Tiere umgesetzt werden, so Manthey. Das Jahr 2018 ist für die weitere Beteiligung der Öffentlichkeit vorgesehen. Danach geht es in die Feinplanung. Dafür sind etwa vier Jahre angesetzt, sodass Ende 2022 der Bau beginnen könnte. 2025 soll die neue Stromleitung ans Netz gehen.

Warum wird eine neue Höchstspannungsleitung gebaut?

Grundlage sind das Netzausbau-Beschleunigungsgesetz des Bundes sowie ein Bedarfsplan, in dem die Leitung ab Röhrsdorf enthalten ist. Mit der neuen 380-kV-Leitung wird die Übertragungskapazität um 40 Prozent erhöht. Die übertragbare Stromstärke steigt von 1700 auf 3600 Ampere. Die jetzige Bauweise lasse eine Netzverstärkung nicht zu. Der Neubau ist auch Teil der beschlossenen Energiewende: Die zunehmend in Windparks im Norden erzeugte Energie muss in den industriestarken Süden transportiert werden.

Wer ist für Planung und Bau verantwortlich?

Das Unternehmen "50 Hertz Transmission" mit Sitz in Berlin und sieben Regionalzentren, eine davon in Röhrsdorf. Es betreibt das Hochspannungsnetz im Osten Deutschlands sowie im Raum Hamburg mit einer Gesamtlänge von 10.150 Kilometern Leitungen. Das Unternehmen beschäftigt rund 950 Mitarbeiter. Es wurde von Vattenfall Europe im Jahr 2002 mit dem Namen Vattenfall Europe Transmission gegründet. Vattenfall verkaufte im Jahr 2010. Heute gehören 60 Prozent des Unternehmens dem belgischen Netzbetreiber Elia und 40 Prozent einem australischen Infrastrukturfonds. (dy)

Die Bürgerversammlung zum Neubau-Vorhaben findet am 13. September, 16 bis 20 Uhr, in der Stadthalle Limbach-Oberfrohna statt. Weitere Informationen erteilt das Unternehmen unter Telefon: 080058952472 oder www.50hertz.com/netzausbau.

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