Anklage fordert zehn Jahre Haft für Messerstiche von Chemnitz

Der Prozess zum tödlichen Messerangriff in Chemnitz vor rund einem Jahr geht auf sein Ende zu. Noch in dieser Woche könnte in dem Prozess das Urteil fallen.

Dresden/Chemnitz.

Fünf Monate nach seinem Beginn steht der Prozess zur tödlichen Messerattacke auf den 35-jährigen Chemnitzer Daniel H. vor seinem Abschluss. Am Donnerstag will die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Chemnitz das Urteil sprechen. Das kündigte die Vorsitzende Richterin Simone Herberger am Montag an. Damit läge die Urteilsfindung kurz vor dem ersten Jahrestag jenes Messerangriffs vom 26. August 2018, der in Chemnitz international beachtete, ausländerfeindliche Proteste ausgelöst hatte.

Am Montag forderte die Staatsanwaltschaft eine hohe Freiheitsstrafe für den Angeklagten. In seinem Plädoyer beantragte Anklagevertreter Stephan Butzkies am 18. Verhandlungstag wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung eine Gesamtstrafe von zehn Jahren Haft. Die Höchststrafe bei Totschlag beträgt 15 Jahre.


Vor der erwarteten Urteilsverkündung halten noch drei Rechtsanwälte der Nebenklage sowie die Verteidigung am kommenden Donnerstag ihre Schlussvorträge. Als Nebenklägerinnen treten die Mutter und die Schwester des Getöteten im Prozess auf.

Der aus Syrien stammende Angeklagte Alaa S., zur Tatzeit 22 Jahre alt, soll am Wochenende des Chemnitzer Stadtfestes 2018 gemeinsam mit dem flüchtigen Iraker Farhad Ramazan A. im Streit den 35 Jahre alten Deutschen Daniel H. nachts in der Chemnitzer Innenstadt erstochen haben. Ein weiterer Mann wurde durch Messerstiche verletzt.

Er sei im Zuge der Beweisaufnahme zu dem Ergebnis gekommen, dass der Angeklagte die Übergriffe auf die beiden Geschädigten zu verantworten habe, sagte Staatsanwalt Butzkies. Im Laufe des Prozesses habe sich bestätigt, dass sich die Tat weitgehend so zugetragen habe, wie in der Anklageschrift geäußert. Für den Totschlag an Daniel H. forderte der Staatsanwalt eine Einzelstrafe von neun Jahren, für die gefährliche Körperverletzung zwei Jahre.

Seit dem 18. März muss sich Alaa S. vorm Landgericht Chemnitz wegen des Vorwurfs gemeinschaftlichen Totschlags verantworten. Vorsorglich findet der Prozess nicht in Chemnitz, sondern im Sicherheitstrakt des Oberlandesgerichtes (OLG) in Dresden statt. Wegen der fremdenfeindlichen Übergriffe und Demonstrationen, zu denen es nach der Tat gekommen war, hatte die Rechtsanwältin Ricarda Lang aus dem Verteidigerteam des Angeklagten zuvor sogar verlangt, den Prozess komplett in ein anderes Bundesland zu verlegen. Das allerdings hatte der ihren Antrag prüfende Bundesgerichtshof abgelehnt.

Nach wie vor gesucht wird der als Haupttäter vermutete Farhad Ramazan A., zur Tatzeit wie der jetzt Angeklagte 22 Jahre alt. Farhad A.s DNA befand sich an einem im Laufe der Tatnacht im Chemnitzer Stadtzentrum aufgefundenen mutmaßlichen Tatmesser. DNA-Spuren des Angeklagten Alaa S. gab es auf dem gefundenen Messer nicht. Die Anklage gegen ihn fußt in weiten Teilen auf der Aussage eines einzelnen Zeugen. Der Koch des Döner-Imbissladens "Alanya" will aus der Entfernung gesehen haben, wie die beiden Männer mit stechenden Bewegungen aufs Opfer einwirkten.

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
18Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    3
    MuellerF
    21.08.2019

    @d0m1ng023: Zunächst mal gehört die Staatsanwaltschaft zur Exekutive.
    Ob sie gründlich gearbeitet hat, wird sich morgen zeigen. Da der ursprünglich dritte Tatverdächtige gegen den Wunsch der Staatsanwaltschaft aus der U-Haft entlassen wurde, weil der Tatverdacht eben nicht ausreichend begründet werden konnte, sind doch eher Zweifel an der gebotenen Gründlichkeit angebracht, statt Vorschusslorbeeren.

  • 2
    1
    d0m1ng023
    21.08.2019

    Genau, danke für den Hinweis. Natürlich meinte ich mangelnde Gründlichkeit, kann man der Staatsanwaltschaft nicht vorwerfen...

  • 1
    5
    MuellerF
    20.08.2019

    @d0m1ng023: Ich gehe auch davon aus, dass das in der Verhandlung geklärt bzw. zumindest zu klären versucht wurde. Und Sie meinten sicher "mangelnde Gründlichkeit", oder? Ist etwas konfus & mißverständlich formuliert, Ihr zweiter Satz.

  • 4
    0
    d0m1ng023
    20.08.2019

    @MuellerF
    Diese Fragen wurden mit Sicherheit bei der Verhandlung geklärt... Also wenn man der deutschen Justiz was NICHT vorwerfen kann, dann ist es Gründlichkeit...

  • 2
    6
    Blackadder
    20.08.2019

    @MuellerF: Interessant. Wußte ich noch nicht. Am Donnerstag sind wir schlauer, aber ob das für eine Verurteilung wegen Mordes reicht? Oder nur Beihilfe? Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass die Justiz wirklich nur aufgrund der Beweise urteilt und nicht weil Teile der Bevölkerung oder die OB sich ein bestimmtes Urteil wünschen. Und ich hoffe, dass es am Wochenende ruhig bleibt, obwohl ProChemnitz mal wieder was angekündigt hat.

  • 4
    2
    MuellerF
    20.08.2019

    @Blackadder: Leider klärt das Interview 2 wichtige Dinge nicht:

    1. Warum der Döner-Koch den Angeklagten bei der Auseinandersetzung mit Daniel
    H. als Beteiligten identifiziert hat

    2. warum der Angeklagte Blut des Opfers (?) auf Händen, Hemd & Hose hatte (wenn es denn Blut war; das wurde ja hoffentlich überprüft auch wenn noch kein Ergebnis veröffentlicht wurde)

  • 5
    2
    DTRFC2005
    20.08.2019

    Ohne eindeutige Beweise dürfte es kein Urteil geben, auch wenn sich der Ein oder Andere das sehnlichst wünscht. Meine Wunsch wäre auch die volle Straffung des Täters, aber des richtigen Täters.

  • 3
    4
    Blackadder
    20.08.2019

    Interessanter Beitrag von Frontal21:

    https://www.zdf.de/nachrichten/heute/frontal-21-exklusiv-angeklagter-alaa-s-zum-tod-des-chemnitzers-daniel-h-100.html#xtor=cs5-62

  • 6
    6
    MuellerF
    20.08.2019

    Korrektur: der ehemals 3. Tatverdächtige heißt Yousif A.- Younis N. ist der Koch des Döner-Imbisses.Das habe ich leider verwechselt-ich bitte um Nachsicht.

  • 6
    2
    d0m1ng023
    20.08.2019

    Dazu kommt aber, dass das zweite Opfer, was schwer verletzt wurde, keine Zeugenaussage machen wollte, weil er bedroht wurde, dass er besser nicht aussagen soll. Andere Zeugen haben ebenfalls von Drohungen gesprochen. Somit bleibt eben nur die Aussage des Kochs übrig... Dass die anderen Zeugen bedroht wurden, zeigt doch eindeutig, dass man Beweise vertuschen will um somit den Angeklagten vor einer lebenslangen Haftstrafe zu schützen.

    Wurde der schwerverletzte nicht sogar polizeilich geschützt, weil er Drohungen erhalten hat? Das ist genauso ein Skandal...

  • 14
    11
    MuellerF
    19.08.2019

    @Alice Andreas: Da verwechseln SIe was - vorbestraft sind der ehemals (!) Tatverdächtige Younis N. sowie der flüchtige Farhad A., nicht Alaa S., der momentan angeklagt ist. Habe ich jedenfall so in Erinnerung; müsste aber in älteren Artikeln hier stehen.

  • 13
    11
    MuellerF
    19.08.2019

    @Lesemuffel: Im dt. Rechtswesen gibt es diesen Begriff nicht, jedoch den Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten", was jedoch aufs gleiche hinausläuft.
    @Arndt Bremen: Ich rede nichts schön, ich habe nur zusammengefasst, was (mir) bisher an Ermittlungsergebnissen bekannt ist & finde das nicht ausreichend für die Klärung der Schuldfrage. Sollten Sie andere oder ergänzende Informationen zu dem Fall besitzen, können Sie die gerne einbringen. Übrigens lautet die Anklage nicht auf Mord & Frau Merkel ist auch nicht mit meinen Wahlstimmen Kanzlerin geworden!
    @Blackadder: Leider haben SIe Recht. Das Verhalten im Kommentarbereich beweist es wieder mal.

  • 20
    8
    AliceAndreas
    19.08.2019

    @Blackadder

    Ich glaube dem "Volk" wäre es lieber gewesen wenn die beiden Hauptverdächtigen gar nicht durch die Straßen gezogen wären ... Vorstrafen wurden ja öffentlich gemacht.

  • 16
    17
    ArndtBremen
    19.08.2019

    MuellerF, was wollen Sie hier schönreden? Passt dieser Mord (Ihre Kanzlerin nannte es Mord!!!) nicht in Ihr Weltbild?

  • 22
    4
    ChWtr
    19.08.2019

    Ein Urteil fällt immer noch der Richter.
    Es befällt mich jedoch der Verdacht, dass man noch vor der Wahl "ein Zeichen" setzen will.
    Zur Beweislage will ich mich hier nicht einlassen. Fakt ist, es gab einen Toten und zwei Schwerverletzte. Ich denke, dass ist nicht normal, falls man sich schon Auseinandersetzen muss (...)

  • 5
    12
    Lesemuffel
    19.08.2019

    @müllerF.. Da liegt Ihrer "Beweisführung" doch eigentlich Freispruch mangels Beweisen vor,nicht wahr?

  • 13
    29
    Blackadder
    19.08.2019

    @MuellerF: Vielleicht weil man Volkes Zorn fürchtet? Vielen ist es doch egal, wie die Beweislage ist, Hauptsache man hat einen "Ausländer", den man wegsperren kann. Ob er selbst nun zugestochen hat oder nicht, wird da nebensächlich.

  • 16
    21
    MuellerF
    19.08.2019

    Nach den bisher veröffentlichten Ermittlungsergebnissen zu urteilen, ist die Beweislage eher dünn: unstrittig ist, dass Alaa S. in eine körperliche Auseinandersetzung mit Daniel H. verwickelt war- das heißt aber nicht, dass er zugestochen hat - auf der gefundenen Tatwaffe fanden sich keine Fingerabdrücke oder DNA-Spuren von ihm, dafür aber vom noch immer flüchtigen 2. Verdächtigen.
    Was gibt es sonst noch?
    Eine sehr wackelige & mehrfach geänderte Zeugenaussage vom Imbiss-Koch.
    Der Zweite durch Messerstich(e) verletzte hat Alaa S. mWn auch nicht als denjenigen identifiziert, der ihn verletzte.
    Keine Ahnung, wie der Staatsanwalt darauf kommt, dass damit ein eindeutiges & rechtskräftiges Urteil zustande kommt.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...