Ankündigung eines Rückzugs

Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hat bekanntgegeben, 2020 nicht noch einmal für das Amt kandidieren zu wollen. Die Reaktionen auf ihren Entschluss fallen einstimmig aus - mit einer Ausnahme.

Immer dann, wenn Barbara Ludwig in den vergangenen Wochen gefragt wurde, ob sie zur nächsten Oberbürgermeisterwahl in Chemnitz im Juni 2020 erneut kandidieren wird, lächelte sie vielsagend. Dann erklärte sie wortreich, dass es derzeit noch zu früh sei für eine Aussage. Sie habe sich zwar längst entschieden, fügte sie hinzu; seit 2013 stehe ihr Entschluss fest, wie sie Anfang Juni verriet. Doch sie werde sich erst dann zu ihrer Zukunft öffentlich äußern, wenn die Landtagswahlen in Sachsen gelaufen sind - genauso, als ob die öffentliche Bekanntmachung ihrer Entscheidung irgendeinen Einfluss auf das Wahlergebnis haben könnte.

Seit dem 1. September ist die Landtagswahl Geschichte. Unmittelbar danach nahm Ludwig eine Woche Urlaub, so dass es am gestrigen Dienstag nun so weit war. Das Stadtoberhaupt hatte zum turnusgemäßen Pressegespräch geladen, zwei Stunden früher als gewohnt und auch nicht in ihrem Dienstzimmer wie sonst. Dass es ein besonderes Pressegespräch werden würde, war auch an der Anzahl der Journalisten abzulesen, die sich im Beratungsraum im ersten Stock des Neuen Rathauses eingefunden hatten - zwölf waren gekommen, sonst sind Teilnehmer meist an einer Hand abzuzählen.


Ludwig erschien in beinahe festlicher Kleidung - schwarzer Anzug, darunter trug sie eine graubraune Weste, um den Kragen ihrer weißen Bluse hatte sie eine schwarz-graue Krawatte gebunden. Ihr Outfit verriet, dass es eine besondere Entscheidung sein wird, die sie sogleich verkünden wird. Ohne große Vorrede kam sie auf den Punkt: Sie werde zur nächsten Oberbürgermeisterwahl nicht wieder antreten, erklärte sie. Die Entscheidung sei bereits nach der letzten OB-Wahl im Juni 2013 gefallen, und der Grund dafür sei ihr Abschneiden bei dieser Wahl gewesen. Das Stadtoberhaupt, seit 1991 SPD-Mitglied, hatte trotz Amtsinhaber-Bonus einen zweiten Wahlgang benötigt, um sich gegen die insgesamt sechs Mitbewerber durchzusetzen. Da habe für sie festgestanden, schilderte sie am Dienstag, dass 2020 Schluss sein werde.

Die offiziellen Statements zur Ankündigung ihres Rückzugs fielen am Dienstag beinahe einstimmig aus. Man bedaure ihre Entscheidung, könne ihre Beweggründe allerdings verstehen, hieß von SPD-Seite. Sachsens SPD-Chef Martin Dulig nannte Ludwig in einer Pressemitteilung eine "prägende Persönlichkeit Sachsens und der Stadt Chemnitz". Respekt und Anerkennung für die von ihr geleistete Arbeit, "auch in schweren Zeiten", zollte ihr CDU-Chef Frank Heinrich. Susann Mäder von den Grünen nannte ihre Ankündigung eine mutige Entscheidung, schließlich müsse sich Ludwig nun noch ein Jahr den Konsequenzen ihrer öffentlichen Erklärung stellen.

Nur von AfD-Seite kam auch am Dienstag Kritik wegen ihrer Arbeit - vor allem nach den Ereignissen vom Sommer 2018. Sie habe die Zeit danach nicht genutzt, die Gräben zu schließen, sagte Nico Köhler vom AfD-Kreisvorstand, und er müsse ihr unterstellen, sie habe die Gräben nicht schließen wollen. Dazu hätte sie alle Parteien an einen Tisch holen sollen, aber ihr angebotener Dialog habe nur ein Ziel verfolgt, nämlich den Rechtsextremismus zu bekämpfen. "So etwas kann die Bürgerschaft nicht befrieden", sagt er. Im Übrigen habe ihn die Ankündigung ihres Rückzugs nicht überrascht, so Köhler. Nach den Wahlergebnissen von diesem Jahr müsse ihr klar geworden sein, dass die OB-Wahl 2020 für sie nicht so optimal laufen werde. "Und wer will nach 14 Jahren Amtszeit schon als Verlierer das Feld räumen?"

Mit dem Tag der Bekanntgabe ihres Verzichts auf eine weitere siebenjährige Amtszeit wird in den politischen Gruppierungen der Stadt nun die Suche nach einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin beginnen. Einige Namen werden bereits genannt: Nico Köhler sagte am Dienstag, er stehe vorbehaltlich des Votums des AfD-Kreisverbandes zu seiner Ansage, kandidieren zu wollen. Ex-Stadtratsmitglied Lars Fassmann, Inhaber eines Software-Unternehmens, hatte im Juni erklärt, er schließe eine Kandidatur nicht aus. Bei der CDU heißt es, es gebe noch keine Namen, aber eine Option wäre ein Kandidat, der auch von anderen Parteien mitgetragen werden könnte. Auch bei den Linken führe man Gespräche, sagte Stadtverbands-Chef Tim Detzner, man sei aber auch offen "für überparteiliche Lösungen oder parteilose Kandidaten", fügte er hinzu. Die Grünen streben zunächst die Bildung einer Findungskommission an, um Bewerber auszumachen. Nur von SPD-Seite gibt es derzeit gar keine Aussage, jener Partei also, die seit mehr als 25 Jahren ohne Unterbrechung das Chemnitzer Stadtoberhaupt stellt. Stadtverbands-Chef Jürgen Renz sagte lediglich, man werde jetzt noch keine Nachfolgedebatte führen - "welcher Art auch immer".

Wie sich Barbara Ludwig am Dienstag äußerte

Über ihre Entscheidung: "Für mich stand die Entscheidung, 2020 nicht wieder zu kandidieren, seit dem Abend der letzten Oberbürgermeisterwahl 2013 fest. Das Ergebnis war knapp. Da haben ich und meine Familie beschlossen, dass 2020 keine neue Amtszeit folgen wird."

Über das letzte Jahr als Stadtoberhaupt: "Wann ist der richtige Zeitpunkt, eine solche Entscheidung zu verkünden? Für mich ist das jetzt - ein Jahr vor Ende meiner Amtszeit. Ich weiß nicht, ob sich durch die Ankündigung in der Amtsführung etwas ändert. Fest steht, bis 12. September 2020 behalte ich alle Kompetenzen."

Über ihre Zukunft: "Ich mache mir keine Gedanken über meine Zukunft, sondern konzentriere mich auf meine Aufgabe. Es gibt ja auch eine Versorgung für Wahlbeamte. Aber ich habe als Grundschullehrerin ja auch einen wunderbaren Beruf. Vielleicht ist das ja eine Idee - nach einer Anpassungsqualifizierung natürlich."

Über ihre politische Karriere: "Ich bin seit 1994 in der Politik, und ich habe seitdem immer wieder Leute getroffen, bei denen ich mir gesagt habe, so will ich nicht werden. 14 Jahre Oberbürgermeisterin sind eine lange Zeit, und es muss auch mal einen Wechsel geben."

Kommentar: Keine Überraschung

Jetzt ist es raus: Barbara Ludwig wird zur nächsten OB-Wahl nicht wieder kandidieren. Die Entscheidung konnte niemanden überraschen. Wie sonst hätte ihr Entschluss auch aussehen sollen, wenn er schon so lange feststeht? Schließlich wäre es mehr als ungewöhnlich gewesen, wenn sie für sich selbst schon vor sechs Jahren hätte festlegen können, dass sie in jedem Falle weitermachen wird, ganz egal, was in der Amtszeit passiert.

Für Ludwig wird es nun darauf ankommen, nicht den Eindruck zu erwecken, als befinde sie sich schon jetzt in einer Übergangszeit. Die Gefahr dafür erscheint gering: Amtsmüde zu sein -diesen Eindruck hat sie in den zurückliegenden Wochen und Monaten jedenfalls öffentlich zu keinem Zeitpunkt erweckt.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 10 Bewertungen
14Kommentare
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  • 4
    4
    HHCL
    11.09.2019

    Das Häufchen vorm Marx-Kopf waren auch nicht "ihre Chemnitzer".

    Diese Leute waren und sind auch nicht "die Chemnitzer" sondern einige Chemnitzer, die von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch gemacht haben. Warum die Chemnitzer OB nun hinter diesen Leuten stehen muss, um für Chemnitz etwas getan zu haben, erschließt sich mir nicht.

    Das Sie mit ihr nicht zufrieden sind, kann ich nachvollziehen, nur ist das nicht der(!) Massstab für die Bewertung ihrer langjährigen Arbeit.

    Ich sehe da auch einiges kritisch, nur sehe ich bei weitem kein Totalversagen und schon gar keinen Verrat an den Chemnitzern.

  • 8
    18
    thombo01
    11.09.2019

    Was hat denn Frau L. so getan? Sie stand ja letztes jahr nicht mal hinter "ihren" Chemnitzern im gegensatz zu Herrn K.

  • 23
    5
    KarlChemnitz
    11.09.2019

    @Thombo01: Sie haben wirklich einen superHumor, hab mich wirklichsehr amüsiert: "Martin K. hat viel für die Stadt und gegen die Spaltung getan." Sie sollten das hauptberuflich machen, auf so was kommt ja sonst niemand. Respekt !

  • 24
    6
    Distelblüte
    11.09.2019

    @th: Damit liegen Sie falsch. Besagtem Herrn wäre es am liebsten gewesen, er hätte letzten Herbst in Chemnitz eine erneute Revolution ausrufen können - das richtige Posen und die markigen Sprüche dafür hat er beinahe wöchentlich vorm Nischel geübt. Auch der Versuch, nach dem Chemnitzer Bürgerfest noch einmal die Empörungswelle des letzten Jahres wiederzubeleben, war eher ein störendes Randereignis am Ende eines schönen Stadtfestes.
    Chemnitz braucht eine demokratische Neukandidatin (oder Kandidaten), keinen Mann, der nach der Macht greifen will.

  • 17
    4
    Sterta
    11.09.2019

    @thombo01 Leere Worthülsen. Was hat er denn getan?

  • 18
    3
    Manara4
    11.09.2019

    @thombo01 ... was ist für sie viel? Und was hat er konkret getan? Und speziel gegen die Spaltung, was hat er da gemacht? Bin neu hier , würde es gern mal wissen.

  • 3
    28
    thombo01
    11.09.2019

    Herr K. hat viel für Chemnitz und gegen die Spaltung der Gesellschaft getan. Er wäre der richtige Kandidat.

  • 21
    7
    HHCL
    11.09.2019

    @Blackadder: Vorschlagen darf er ihn aber trotzdem.

    Das er mit diesem Vorschlag noch nicht einmal hier Punkte sammeln kann, ist allerdings auch für mich beruhigend.

    Mit Zahlen kommen Sie solchen Leuten nicht bei. Die wollen einfach nicht verstehen, dass Sie mit ihrer radikalen Meinung in der Minderheit sind - auch in Chemnitz - und wähnen sich auch weiterhin als Volk.

  • 6
    23
    thombo01
    11.09.2019

    Da werden es eben diesmal mehr!

  • 18
    8
    Blackadder
    11.09.2019

    @Thomboy: 5,6% bei der letzten OB Wahl. Schon vergessen? Und bei der LTW eben gerade erst nur noch 2%.

  • 3
    30
    thombo01
    11.09.2019

    Blacky: Herrn Kohlmann z.B.?

  • 11
    23
    thombo01
    11.09.2019

    Es wird Zeit!

  • 19
    8
    Blackadder
    11.09.2019

    Und, Urlaub2020? Was schlagen Sie jetzt vor? Irgendwelche geeigneteren Kandidaten?

  • 16
    23
    Urlaub2020
    11.09.2019

    Die Entscheidung ist seit langem das Beste das man aus dem Rathaus gehört hat.



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