Chemnitz
Aquaponik in Chemnitz geht in Betrieb: Abfischen auf dem Sonnenberg

Im Karree 49 kommen urbane Landwirtschaft und Fischzucht zusammen. Jetzt liefern die Anlagen erste Resultate.

In zwei großen Wasserbehältern ziehen Fische ihre Bahnen, sehr lebendig die Störe, etwas behäbiger die Karpfen. "Im Moment beschränken wir uns auf diese zwei Arten", sagt Isabel Scheuerl, die Herrin der Fische. "Vielleicht kommen noch andere hinzu." Weitere Metalltanks stehen jedenfalls schon bereit.

Die Zauberformel heißt Aquaponik. Dass Aqua Wasser bedeutet, wissen schon Grundschüler. Aquaponik ist aber noch ein relativ neuer Begriff. Er bezeichnet eine Kopplung von Fischzucht und Pflanzenanbau - das alles mitten in der Großstadt. Weiter verbreitet ist schon das Urban Gardening, also das städtische Gärtnern. Doch statt auf Flachdächern oder in Hochbeeten wachsen in der Peterstraße 28 Gemüse und Kräuter auf Metalltischen mit Granulatfüllung. Darüber hängen Lampen. Vier verschiedene Typen sind es, die ausprobiert werden. Noch hat die Anlage experimentellen Charakter, doch es konnte schon geerntet werden. Basilikum, Salat, Schnittlauch, Kohlrabi und Erdbeeren zählt Isabel Scheuerl auf. Da es mehr Basilikum gegeben habe, als frisch verbraucht werden konnte, wurde daraus Pesto zubereitet, erzählt sie. Bewässert werden die Pflanzen mit dem Wasser aus den Fischbecken, das durch die tierischen Ausscheidungen auch als Dünger dient. Das dadurch gefilterte Wasser läuft im geschlossenen Kreislauf zurück.

Bisher funktioniert das System mit provisorischen Pumpen. Die professionelle Pumpe ist sehr teuer, steht nun aber bereit. Noch im Januar soll sie endlich eingebaut werden. Generell ist die Aquaponik-Anlage kostenintensiv. So werden weiterhin Sponsoren und Paten gesucht. Da das Verfahren unabhängig vom Standort betrieben werden kann, wird das gewonnene Wissen in Kursen auch weitergegeben, zum Beispiel an Interessenten aus wasserarmen Gegenden. Zugleich ist es ein Forschungsobjekt in Kooperation mit mehreren Instituten.

Isabel Scheuerl an einem der Pflanztische, in denen über mehrere Etagen seit vorigem Jahr Gemüse und Kräuter angebaut werden.
Isabel Scheuerl an einem der Pflanztische, in denen über mehrere Etagen seit vorigem Jahr Gemüse und Kräuter angebaut werden. Bild: Andreas Seidel

Bisher war der "Hofladen" zum Verkauf der eigenen Produkte nur sporadisch geöffnet, zum Beispiel beim Stadtteilfest "Hang zur Kultur" im September. Neben Gemüse und Kräutern gibt es auch Eier von den Hühnern, die tatsächlich im Hof Auslauf haben. Honig aus der begonnenen Haltung von Bienen soll hinzukommen. Ein wirkliches Ab- fischen wie in großen Aufzuchtteichen gibt es im Karree 49 nicht. Aber je nach Bedarf werden ausgewachsene Fische entnommen und verkauft.

Die Anschrift ist eigentlich Peterstraße 28, doch die Bezeichnung Karree 49 steht tatsächlich so in den Plänen der Stadtverwaltung. Die Mischung der Nutzungen des Hauses erscheint eigenwillig. Das Büro der Bürgerplattform Nord-Ost hat dort seinen Sitz, ebenso der sozialpädagogische Betreuungsdienst Delphin, außerdem ganz normale Wohnungen. Als die Investorin Angelika Scheuerl, Tante der Aquaponik-Betreiberin, in den 1990er-Jahren das Objekt kaufte, war es ihr Anliegen, dort verschiedene Menschen zusammenzubringen. Ein Projekt der Behindertenarbeit ist in die urbane Landwirtschaft und Fischzucht einbezogen: Die Menschen mit Behinderung betreuen Tiere, helfen beim Pflanzen oder auch beim Zaunbau. So treffen soziale Anliegen auf wirtschaftliche Vorhaben und ökologische Experimente.

Im Anbau des Hauses steht die Aquaponik-Anlage.
Im Anbau des Hauses steht die Aquaponik-Anlage. Bild: Andreas Seidel
Von der Peterstraße sieht man dem Karree 49 nicht an, dass sich im Hof über mehrere Etagen Fischbecken und Gewächshaus erstrecken.
Von der Peterstraße sieht man dem Karree 49 nicht an, dass sich im Hof über mehrere Etagen Fischbecken und Gewächshaus erstrecken. Bild: Andreas Seidel
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